HERMANNSBURG. Wie nutzen Politiker Neue Medien? Wie verändert das Internet die politische Debatte? Wie anfällig sind junge Leute gegenüber Influencern im Netz? Und ist die Einflussnahme extremistischer Kreise in sozialen Medien eine Gefahr für unsere Gesellschaft und die Demokratie? Diese Fragen standen im Mittelpunkt einer Podiumsdiskussion gestern Abend am Christian-Gymnasium Hermannsburg. Organisiert und durchgeführt wurde sie von SchülerInnen des 12. Jahrgangs im Rahmen ihrer Abschlussarbeit.

Mit Viola von Cramon, ehemalige Abgeordnete des Bundestages von Bündnis 90/die Grünen und Kandidatin für die Europawahlen 2019, Marvin Neumann, Youtuber (MrWissen2go), Dustin Fürst: Mitarbeiter bei Praemandatum (Unternehmen für IT-Sicherheitsmanagement) sowie Christopher Schmitz, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Göttinger Institut für Demokratieforschung, saßen vier Fachleute auf dem Podium, die zum Thema „„Politik in Neuen Medien – Risiko oder Chance?“ aus verschiedenen Blickwinkeln berichteten. Moderiert wurde die Debatte von Anneke Rietkerken und Grace Vorbach. Sipan Yavsan, Berfin Yavsan sorgten für einleitende und abschließende Informationen und Helen Kohrs nahm die Fragen aus dem Publikum auf.

Als Politikerin, die auf Facebook sehr aktiv ist, sieht Viola von Cramon dieses soziale Medium als „extrem große Chance“, mit Wählern und Bürgern in Kontakt zu treten. „In der heutigen Zeit muss man sich der Diskussion im Netz stellen“, so ihre Devise. Allerdings sieht sie auch die Schattenseiten: „Es gibt zunehmend gekaufte Meinungen im Netz“. Das mache es notwendig, ständig zu schauen, wer mit welchem Interesse welche Kommentare abgesetzt haben könnte.

Ein Diskussionsteilnehmer, der die Bedeutung Neuer Medien für und auf die Politik für tendenziell überschätzt hält, war der Politikwissenschaftler Christopher Schmitz. Es seien in der Gesamtbetrachtung der politischen Debatte im Netz sehr wenige Leute, die sehr viel Inhalt produzierten. Zwar sei vor allem die AfD als Partei, die nicht jahrelang gewachsene Strukturen vor Ort zurückgreifen könne, darauf angewiesen, Online-Strukturen zu nutzen. Dennoch finde Politik zum Großteil jenseits des Internets statt.

„Uns ist wichtig, objektiv zu berichten“, sagt Marvin Neumann über den Youtube-Kanal „Mr.Wissen2go“, der Schülern Allgemeinwissen vermitteln will. Allerdings sei Objektivität in Social Media selten, gibt er zu. Generell, ist Neumann überzeugt, sei aber auch Meinung keine „falsche Quelle“.

Dustin Fürst erläuterte: Es gibt digitale Medien, die bestimmten (Medien-)Standards gerecht werden, und es gibt Social Media, die nicht „als Monolog“ funktionieren, sondern eher mit einem Stammtisch vergleichbar seien. „Und die Qualität hängt von den Leuten ab, die da sitzen“, so der IT-Experte. Zur Bedeutung des Internets auf die Meinungsbildung erinnert er daran, dass man auch 1933 mit den damals vorhandenen Medien schon „Narrative erzeugen“ und damit Stimmungen habe schüren können.

Einig waren sich alle Experten darin, dass der Faktor Zeit eine wichtige Rolle spiele: „Das Gefährlichste ist, wenn Leute nicht in die Tiefe gehen, sondern nur noch Überschriften und Teaser ‚geliked‘ werden“, sagte von Cramon. Auch für Christopher Schmitz ist klar. „Die Schnelligkeit im Internet kann ein Nachteil sein, weil Politik manchmal auch Zeit braucht“. Auf die Frage eines Schülers, warum in den Medien immer wieder dieselben Themen präsent seien, erklärte er: „Ein Tweet von Donald Trump hat den Effekt einer Karotte vor dem Esel. Über provokative Äußerungen müssen Medien einfach berichten –  private ebenso wie öffentlich-rechtliche“.

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