Zeitloser Tschechow – „Die Möwe“ überzeugt im Schlosstheater

Theater Von Anke Schlicht | am So., 27.09.2020 - 17:18

CELLE. Platsch! Rot befleckt auf weißem Gefieder fällt der namengebende tote Vogel auf die Bühne des Schlosstheaters, direkt vor die Füße der jungen Nina. Und damit scheint ihr späteres Schicksal besiegelt. Doch soweit ist es noch nicht – das Premierenpublikum von Anton Tschechows „Die Möwe“ kommt am Freitagabend noch eine Weile in den Genuss, der schönen, jungen, ambitionierten Schauspielerin voller Ideale zusehen zu dürfen.

Nina sticht zunächst heraus aus der achtköpfigen Gruppe, die sich auf einem Landgut nahe Moskau zusammengefunden hat, scheitert jedoch in späteren Jahren wie die übrigen Personen an der Realität, ein Schleier der Schwermut wird sich über sie legen. So, wie er die sieben anderen Protagonisten bereits bedeckt hat – unabhängig von Alter, Beruf und sozialer Stellung. Da wäre die Gutsbesitzerin Irina, die überwiegend in der Stadt weilt, denn sie ist eine gefeierte Schauspielerin, was sie keineswegs glücklich macht, verlässt sie sich doch allein auf ihre äußeren Qualitäten. Ihr Sohn Konstantin hadert mit sich, hasst den Partner seiner Mutter, scheint der Schriftsteller Trigorin doch alles zu haben, was der junge Konstantn sich wünscht. In der Tochter der Gutsverwalterin hat er eine Verehrerin gefunden, doch Mascha lässt ihn kalt, und so sagt die enttäuschte junge Frau schon mit 22 Jahren über sich: „Ich ziehe mein Leben hinter mir her wie eine endlose Schleppe.“

Diese Figuren laden nicht zur Identifikation ein, schaffen eher Distanz. Ein Effekt, den der russische Autor erzeugen wollte und den Regisseur, Moritz Peters, sehr glaubwürdig auf die Bühne bringt, was kein Leichtes ist. Denn Tschechows Stück folgt nicht der gewohnten Erzählweise, verfügt über keinen Handlungsstrang, nicht eine Person steht im Mittelpunkt, vielmehr wird die Geschichte ohne Höhepunkt von allen getragen. In gleichbleibendem Tempo werden die Zuschauer im ausverkauften Schlosstheater Zeuge von Lebensgeschichten, in denen sich mancher – Tschechows intendierte Distanz hin oder her – wiederfinden wird. Denn die Protagonisten verlieren sich im Hier und Jetzt, sie möchten entfliehen, projizieren ihre Sehnsüchte auf eine andere Person. „Komm, lass uns abhauen, irgendwohin“, fordert Gutsverwalterin Polina den Arzt Jewgeni Dorn mit verklärter Stimme auf. Der Mediziner, der viel lieber Künstler geworden wäre, winkt mit schwacher Geste ab. Wieso sollte er mit Polina irgendwo hingehen, seine heimliche Sehnsucht hat ganz andere Adressaten. Kein Akteur ist zufrieden mit seinem Leben, wie er es sich mehr oder weniger selbstbestimmt eingerichtet hat. Selbst der erfolgreiche Autor Trigorin ist auf seine spezielle Art larmoyant. Nina vergöttert ihn, hat sich eine Vorstellung von seiner Persönlichkeit und seinem Lebensgefühl gemacht. Trigorin selbst bricht im Dialog mit ihr dieses Ideal, zeichnet seinen Beruf als Last: „Ich gefalle mir ja selber nicht, über Menschen und ihre Nöte zu schreiben.“ Nina weicht jedoch nicht ab von ihrem Bild, verweigert die Realität, Gefühle verstellen ihr den Blick, allerdings ist es nicht der Mensch Trigorin, den sie liebt, sondern ihre Vorstellung vom Künstlerdasein, nach dem sie so sehr strebt und das der ältere Mann in ihren Augen verkörpert.

Regisseur Peters und sein Team setzen ausschließlich auf das gesprochene Wort, und auch dieses zurückgenommen und bereinigt von großen Gesten und Mimik im Vortrag. Viel passiert nicht auf der Bühne – und doch fesselt das Spiel von der ersten Minute an, keine Sekunde kommt Langeweile auf. Langsam fügen sich die Charaktere auf der Basis der Dialoge zu einem Ganzen. Peters vertraut seinen Schauspielern, von denen Tanja Kübler als alternde Irina den schwierigsten Part zu absolvieren hat. Mit jeder noch so beeindruckenden Demonstration ihrer Beweglichkeit und Schönheit beweist sie doch nur eines – wie sehr die Angst, all das zu verlieren, sie Tag und Nacht beherrscht. Nichts lenkt ab von der seelischen Befindlichkeit der Gutsbewohner, denn Ulrich Leitner hat das Bühnenbild und die Kostüme spartanisch angelegt. Selbst auf den von Tschechow vorgegebenen Blick auf den See verzichtet er. An seiner Stelle verströmt ein großer Glaskasten, der zunächst als Requisite für Konstantins Theaterstück und sein Streben nach Avantgarde diente, Kälte, die in ihrer Intensität die Beziehungen unter den einzelnen Protagonisten spiegelt.

Komödiantisches im gewohnten Sinne sucht der Zuschauer in dem als Komödie deklarierten Stück vergeblich, Tschechows Auffassung von Komödie war eine ganz eigene. Er war seiner Zeit weit voraus. Als „Die Möwe“ im Jahr 1896 Uraufführung feierte, fiel sie komplett durch. Mehr als ein Jahrhundert später ist „Die Möwe“ so aktuell wie damals, ihr Thema ist absolut zeitlos. Moritz Peters hat es für das Celler Schlosstheater in einer Weise inszeniert, die einen Besuch mehr als lohnt.