Hans-Dietrich Springhorn erinnert anlässlich der Einweihung der Michaelkirche und der Novemberpogrome vor 80 Jahren an die Geschichte der Faßberger Kirche und der umstrittenen „Hakenkreuzglocke“. Den aktuellen Umgang mit dem Thema kritisiert er als „völlig undurchsichtig“:

„Am 18. Dezember 1938, vor 80 Jahren, wurde in Faßberg die Michaelkirche als Simultan-Kirche – für beide Konfessionen – mit allen kirchlichen und militärischen Ehren eingeweiht. Dass damals in der Kirche für Frieden, Völkerverständigung und Nächstenliebe gebetet wurde, ist nicht überliefert. Parallel liefen landesweit seit dem 9. November die Pogrome gegen jüdische Mitmenschen und die Kriegsvorbereitungen. Keine neun Monate später, am 1. September 1939, begann der zweite Weltkrieg mit dem Überfall auf Polen. Faßberg mit seiner Kirche wurde damit seiner Bestimmung – gebaut für den Krieg – gerecht, dass entsprach dem Zeitgeist und ist Geschichte. Das am 22. November 2017, vor einem Jahr, die Hakenkreuz- Glocke dieser Kirche mit der Jahreszahl 1938, erneut feierlich und unter Beifall in einem Gottesdienst in Betrieb genommen wurde und bis heute läutet, entspricht eventuell auch dem Zeitgeist, ist aber für den Ort, die Region und die ganze Ev.-luth. Kirche angesichts der historischen Bezüge beschämend.

Als sich im November 2017 zehn bekannte Bewohner der Gemeinde Faßberg, unter ihnen auch aktive Kirchenmitglieder, mit der Hakenkreuzglocke beschäftigten, ahnte keiner von ihnen, in welches Wespennest sie da gegriffen hatten. Die Zehner-Gruppe dachte, dass es im Jahr 2017 und keine 20 km Luftlinie von der Gedenkstätte KZ Bergen-Belsen entfernt, auch in Faßberg nicht mehr en vogue ist, unter dem Geläut eines Hakenkreuzes in eine Kirche zu gehen. Gutgläubig dachten sie, da ist von Verantwortlichen einfach etwas übersehen worden und das lässt sich sicher ändern! Irrtum, die politischen und kirchlichen Gemeindespitzen und natürlich große Teile der Dorfbewohner – in der Mehrzahl keine fleißigen Kirchgänger – sahen das ganz anders und wollten „auf Teufel komm raus“, das Hakenkreuz – wie seit 1938 – weiter seinen Dienst tun lassen und freiwillig nicht hergeben.

Durch breite mediale Berichterstattung bis ins europäische Ausland, durch intensive Beratung mit der Landeskirche Hannovers und eventuell auch durch Hinweise der PR-Abteilung der Bundeswehr kam der Kirchenvorstand der Ev.-luth. St. Laurentius Kirchengemeinde am 20. Februar 2018, zu folgendem Ergebnis: Die Hakenkreuz-Glocke wird abgehängt und durch eine neue Glocke ersetzt! Dies war und ist gut so, auch wenn es unverständlich ist, dass die alte Glocke mit dem Kirchenvorstands-Beschluss nicht sofort außer Betrieb gesetzt wurde. Schwer tun sich die offiziellen Kirchenvertreter nach wie vor in der Zusammenarbeit mit den Initiatoren der ganzen Diskussion und die Prozedur/Situation zum Umgang mit der Hakenkreuzglocke ist völlig undurchsichtig. Obwohl es mittlerweile einen guten Gesprächskreis zum Thema gibt, der von Vertretern der Landeskirche Hannovers moderiert wird, hält sich die örtliche Kirche zurück. Keine Terminankündigung, kein Stand der Diskussion, kein Artikel zur Geschichte im kirchlichen Gemeindebrief und in der örtlichen Presse und keine Veranstaltung zum Thema – das auch bundesweite Parallelen hat. Es wäre zu wünschen, dass sich das ändert, damit Normalität ins Dorf- und Kirchenleben zurückkehren kann, denn diese Geschichtsvermittlung ist heute aktueller denn je.“

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