BERLIN/CELLE. Der ehemalige Celler SPD-Landtagsabgeordnete und Staatssekretär, Dr. Fritz Riege, schreibt über das jüngst erschienene Buch “Die neuen Deutschen”: Obschon sie ein Misslingen der deutschen Flüchtlingspolitik nicht ausschließen, haben sich der Professor für Politikwissenschaft an der Humboldt-Universität Berlin, Herfried Münkler, und die Professorin für Literaturwissenschaft an der Technischen Universität Dresden, Marina Münkler, entschlossen, bei Bindung an zehn zwingende Voraussetzungen – “Imperative” genannt -, auf ein Gelingen der Flüchtlingspolitik zu setzen. In ihrem Buch “Die neuen Deutschen” votieren sie sowohl für eine europäische als auch für eine nationale deutsche Flüchtlingspolitik, die auf eine offene, auf Erneuerung und gesteuerte Zuwanderung angewiesene leistungsorientierte Gesellschaft ausgerichtet ist, und die sich im Laufe der Zeit verändert hat und weiter verändert.

Sie definieren:
“Als Deutscher…. soll ein jeder verstanden werden, der davon überzeugt ist, dass er für sich und seine Familie durch Arbeit selbst sorgen kann und nur in Not- und Ausnahmefällen auf Unterstützung durch die Solidargemeinschaft angewiesen ist,

-dass er durch eigene Anstrengung die angestrebte persönliche Anerkennung und einen gewissen sozialen Aufstieg erreichen kann,

-dass religiöser Glaube und seine Ausübung eine Privatangelegenheit ist, die im gesellschaftlichen Leben eine nachgeordnete Rolle zu spielen hat,

-dass die Entscheidung für eine bestimmte Lebensform und die Wahl des Lebenspartners in das individuelle Ermessen eines jeden Einzelnen fällt und nicht von der Familie vorgegeben wird…, und

-dass er sich zum Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland bekennt.”

Bevor das Professorenehepaar auf den letzten Seiten seines Buches zu dieser kurzen aber gehaltvollen Formulierung gelangt, mutet es seinen Lesern die Darstellung eines sehr langen Weges der Menschheit zu, der von Beginn an von Migrantenströmen und Flüchtlingswellen, von alten und neuen Normen und von unterschiedlichen Verhaltensweisen von Flüchtlingen, Aufnahme-Gesellschaften und später auch von Staaten erfüllt war.

Einen breiten Raum nehmen dabei scheinbar sich ausschließende begriffliche Gegensatzpaare ein, die in der Praxis einer erfolgreichen Flüchtlingspolitik oft gemeinsam Beachtung finden. So stehen sich zum Beispiel eine international normierte weltoffene und humanitäre Flüchtlingspolitik und eine nach den Interessen und Gefühlen der deutschen Bevölkerung ausgerichtete rein nationale Flüchtlingspolitik diametral gegenüber. In der Praxis aber benötigt man sowohl gemeinsame europäische Regeln, um große Flüchtlingsströme zu bewältigen, als auch nationale Regeln. Es wäre nämlich nach Meinung der Autoren kurzsichtig, würde man auf die nationalen Regelungselemente verzichten, die die Akzeptanz der Flüchtlinge bei der einheimischen Bevölkerung verstärken können. Zum einen dürfe man ein stark emotional besetztes Nationenkonzept nicht anderen überlassen und zum anderen würde man auf “eine politische Kategorie, die wie kaum eine andere in der Lage ist, Solidarität und gegenseitige Hilfsbereitschaft zu mobilisieren”, verzichten.

Ein weiteres Gegensatzpaar behandeln die Münklers mit den Begriffen “Heimatgefühle als Sehnsucht nach Geborgenheit” gegen “Mobilitäts- und Risikobereitschaft mit der Chance, Neues zu erleben und ein besseres Leben zu finden”. Auch hier, so die Verfasser, müsste man auf beide Kategorien bauen. Gegenstand ihrer Untersuchungen sind daneben historische Wanderungsbewegungen von Süd nach Nord und vom Land in die Stadt sowie das Zusammenwirken von Push- und Pullfaktoren – wie die Unerträglichkeit der Zustände im Herkunftsland und die Anziehungskraft von guten Arbeitsmöglichkeiten und Sozialleistungen im Zielland der Flucht.

Die Autoren behandeln darüber hinaus ein Gegensatzpaar wie den freien grenzüberschreitenden Verkehr nach dem Abkommen von Schengen gegenüber der Rückkehr zu umfassenden Kontrollen an allen europäischen Landesgrenzen. Sie hinterfragen auch ein massives Aufstocken der europäischen Entwicklungshilfe an afrikanische und arabische Staaten zur Verbesserung der Lebensbedingungen und Entwicklungschancen in diesen Ländern, das an die Stelle des derzeitigen Modells der Geldüberweisungen von nach Europa auf die Flucht “geschickten” Familienmitgliedern an ihre heimischen Familien treten soll. Die Autoren sehen diese Methode der sogenannten “Beseitigung von Fluchtursachen” im Blick auf die Korruption in diesen Staaten eher kritisch. Sie verlangen vor einer massiven Erhöhung der Entwicklungshilfe eine langfristig angelegte Antikorruptions-Strategie.

Einen breiten Raum nimmt bei den Autoren das Gegensatzpaar “Perfekte sprachliche, berufliche und kulturelle Integration in übersichtlichen und verträglichen Quoten von Flüchtlingen in Wohngebieten und Schulklassen” gegen “Total abgeschottete Parallelgesellschaften in No-Go-Areas plus Drogen und Kriminalität” ein. Die Autoren behandeln dabei u.a. auch das im Grunde erfolgreiche Modell der sogenannten Absorptionsgemeinden in Deutschland. In diesen Gemeinden konzentrieren sich die Asylanten aus gleichen Herkunftsregionen oder Religionsgemeinschaften wie zum Beispiel die kurdischen Jeziden im Bereich Hannover-Celle oder Köln. Sie scharen sich um die Familien ehemaliger Gastarbeiter, die seit den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts in Deutschland geblieben und deren Kinder, Enkel und Urenkel in Deutschland aufgewachsen sind. Dazu kommen Angehörige im Wege des Familiennachzuges und Flüchtlinge aus den Kriegsgebieten in Syrien/Irak sowie ganz aktuell politisch Verfolgte aus der Türkei des Recep Taypp Erdogan.

In den Absorptionsgemeinden ist die sprachliche und berufliche Integration fast vollständig erfolgreich abgeschlossen. Kurdische Akademiker, Handwerksmeister, Politiker und Gymnasiasten sind der beste Beweis dafür. Nur die kulturelle Integration bereitet Probleme. Familientraditionen wie die Heirat innerhalb von Kasten (Endogamie), frühe Heiratsversprechen der Familien und heimatliche Feste in kurdischen Kulturzentren schotten nämlich das Familienleben vieler Kurden gegenüber der einheimischen Bevölkerung ab. Soweit damit kein Gruppendruck auf Einzelne ausgeübt wird, kann das so hingenommen werden, denn in Europa ist es jedem Individuum überlassen, wie er sein Familienleben gestaltet.

Nicht akzeptabel ist jedoch für die Autoren, wenn übernommene Verhaltensregeln aus dem Herkunftsland zu einer Scharia-Sonderjustiz oder gar zu “Ehrenmorden” führen und die in Deutschland gültigen Normen verdrängen. Zum Glück schreitet die kulturelle Integration mit den Jahren fort, sie kann aber jäh unterbrochen werden, wenn sich in Deutschland die politischen Kräfte durchsetzen, die Fremdenangst schüren und Mauern gegen orientalische und afrikanische Ethnien hochziehen. Das fürchten nicht nur die Autoren, sondern auch der Rezensent.

Münkler, Herfried und Münkler, Marina, DIE NEUEN DEUTSCHEN, Ein Land vor seiner Zukunft, Berlin 2016, 2. Auflage, 334 S., gbd. 19.95 €

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