"Ein letztes Lied" - Kalli Struck legt beeindruckendes neues Album vor

Musik Von Anke Schlicht | am Fr., 08.11.2019 - 17:12

HAMBÜHREN. Wenn einer die Redewendung „sein Herz auf der Zunge tragen“ mit Leben füllt, dann ist es dieser Mann. Allerdings sagt er insgesamt nur wenig – der Recycling-Unternehmer und Sänger Kalli Struck kann es sich erlauben, sich kurz zu fassen, denn er hat sein Leben in Musik gegossen und kann bei Fragen darauf verweisen. Ein Stapel CDs und ein kleines Buch dazu überreicht er: „Da ist alles drin!“. 

Die wenigen Aussagen, die er anlässlich der Herausgabe seines neuen Albums dann aber doch trifft, geben klar und prägnant Einblick in die frühen Jahre des 73-Jährigen: „Mein Vater hat den Krieg überlebt, er kam als kaputter Mann zurück. Wenn er getrunken hatte, schlug er meine Mutter. Wir Kinder mussten uns dann bei den Nachbarn verstecken“. War der Rausch ausgeschlafen, erlebten die Kinder einen liebevollen Vater, dem das Geschehene leid tat. Doch die Wunden, die die gewalttätige Seite bei den Heranwachsenden hinterließ, vermochte das sanfte Gegenstück nicht zu heilen.

Kalli Struck hat sich seiner Vergangenheit gestellt - aufgearbeitet -, und dennoch reichen die Spuren bis in seinen heutigen Alltag. „Ich bin kaum zur Schule gegangen“, erzählt er. Die Verhältnisse zu Hause beschämten ihn, machten das Zusammensein mit den Klassenkameraden schwer. Vor dem Hintergrund, dass das Gegenüber der Inhaber eines großen Recyclingunternehmens ist, verwundert der sich anschließende Satz umso mehr: „Lesen habe ich mir selber beigebracht, aber Schreiben kann ich nicht.“ Häufig kommt er zurück auf seinen Vater, in einem Lied heißt es über ihn: „Warst der Welt ein unbequemer Gast. Warst ein Pferdedieb, man sagt es so. Hast nur nicht in das Gesetz gepasst.“ Betitelt ist der Song mit „Alter Joe“. 

NEUE KARRIERE MIT 60

Als dieser der Familie das Leben noch schwer machte, hellte der kleine Kalli sein oft tristes Dasein mit Musik auf. Schon früh verspürte er eine Neigung zum Musikalischen. Gerne hätte er im Chor gesungen, aber die Möglichkeit wurde ihm nicht gegeben, und so sang der Junge alleine für sich. Er war schon ein junger Mann, als ihn die Melodie von „Dear old Joe“ begleitete, ständig hatte er sie im Ohr und stets ließ sie ihn an seinen Vater, der starb, als Kalli elf Jahre alt war, denken. Heute nennt der Hambührener den Song „den Anfang aller Lieder“. Was ihm als Kind nicht vergönnt war, erfüllte sich in späteren Jahren – die Musik wurde von seinem 60. Lebensjahr an zu einem festen Bestandteil seines Lebens.

„Vor dreizehn Jahren lernte ich den Musikproduzenten Roland Loy kennen“, erzählt der frühere Schrotthändler. „Laut und voller Eifer sang Kalli mir vor“, erinnert sich Loy an die erste Begegnung. Struck war immer noch auf der Suche nach der Originalfassung des Ohrwurms, Loy konnte weiterhelfen und kreierte für seine talentierte Neuentdeckung sogleich einen Song. Aus „Dear old Joe“ wurde „Alter Joe“ mit einem Text, der auf Kallis Erzählungen basierte. Das Lied war der Beginn einer innigen und fruchtbaren Zusammenarbeit. Der eine berichtet aus seinem Leben, das einen Fundus von Geschichten bereithält, der andere verwandelt sie in Texte und arrangiert die Musik dazu. „Wie ich denke, wie ich fühle und das, was mir passiert ist, steckt in meinen Liedern“, erläutert der „singende Schrotthändler“, wie er im Laufe seiner künstlerischen Karriere bisweilen genannt wurde.

So entstanden insgesamt vier Alben: „Es ist die Musik, die uns alle verbindet“, „Komm mit, es ist Zeit“ und „Im Rausch der Musik“ sind die CDs aus den Jahren 2008 bis 2016 überschrieben, und nun brandaktuell „Ein letztes Lied“. Zwölf Titel verbergen sich dahinter, von denen einer wie wohl kaum ein zweiter stellvertretend für ein Genre steht: Mit „Du kannst nicht immer siebzehn sein“, eroberte der Traum aller Schwiegermütter, Chris Roberts, vor vielen Jahrzehnten ein Publikum von acht bis 80. Roland Loy hat den von Schlagerkönig Ralf Siegel komponierten Schlager ins Repertoire aufgenommen und mit Kalli Struck neu eingespielt. Der Effekt ist so erstaunlich wie das Album insgesamt. Interpretiert von einem 73-Jährigen erhält der Klassiker eine andere Note – 17 oder 70 – nicht bedeutungslos, aber auch nicht wirklich entscheidend für das, was Leben ausmacht. 

DREHBUCH SCHRIEB DAS LEBEN

Roland Loy schneidet das musikalische Arrangement voll und ganz auf seinen Interpreten zu. Dem Genre nach handelt es sich um Schlager, allerdings fernab vom Kitsch, der ihre Inhalte gemeinhin prägt. „Das Drehbuch schrieb das Leben“ heißt es gleich zum Auftakt in „Paradiesvögel“. Eine überstrapazierte Formel? Nicht bei einer Biographie und Persönlichkeit wie der von Kalli Struck. Hinter allen Texten verbirgt sich kein schön gefärbtes Abziehbild des Alltags, sondern echtes Leben – und dieses macht wohl die Qualität und den Reiz aller zwölf Titel aus. Selbst wenn der sechsfache Vater in „Die Ruhe nach dem Sturm“ seiner Frau Dorit in einer Hommage huldigt, handelt es sich nicht um überzogene Romantik, sondern um den Beweis, dass eine Ehe auch nach 52 Jahren noch glücklich sein kann. Der Sänger und Unternehmer macht keinen Hehl aus den Widrigkeiten der Partnerschaft, thematisiert sie in „Ich hab‘ nicht ja gesagt“ oder „Kalli, Augen geradeaus“ auch, aber mit seinen 73 Jahren kann er sich ein Fazit erlauben – und dieses ist ein Plädoyer für die große Liebe. 

Ganz oben auf der Liste der stärksten Lieder, ein Song, der nicht die Gegenwart in den Mittelpunkt stellt, sondern weiter zurückgeht in die Vergangenheit. Mit „Trotzdem“ ist Loy ein Stück gelungen, das die Erfolgsgeschichte seines Protagonisten im Kern erfasst und angesichts des zunehmenden Auseinanderdriftens der Gesellschaft aktueller ist denn je. Im Text und dem Arrangement von „Trotzdem“ liegt die Kraft und der Widerstandsgeist, die Kalli Struck antrieben, sich zu befreien aus dem sich häufig fortsetzenden Kreislauf aus erlebter Gewalt und vermeintlicher Chancenlosigkeit. „Glaub‘ mir, Großes wartet auf Dich“, wendet er sich in einer Zeile, für deren Authentizität das Leben des Interpreten bürgt, an all jene, die in schwierigen Verhältnissen aufwachsen. 

Für seine offene und ehrliche Art ist Kalli Struck bekannt, aber eine letzte Frage, wie es denn um den Wahrheitsgehalt des Titels „Ein letztes Lied“ stehe, muss dennoch erlaubt sein. Der singende Recycling-Spezialist hat wiederum einen Verweis parat. Er nimmt das Cover seines neuen Albums zur Hand und zeigt auf einen der Sätze, die dort zu lesen sind: „Alles gesagt, alles getan… Was kommt als nächstes dran?“, heißt es vieldeutig. Und für noch etwas ist Kalli Struck berühmt: Er ist sehr hilfsbereit, spendet gern und viel, daher gehen drei Euro des Preises von zehn Euro für „Ein letztes Lied“ an das Onkologische Forum Celle.