Ein Selfie mit Beethoven

Kultur + Gesellschaft Von Anke Schlicht | am So., 25.07.2021 - 20:09

CELLE. „Klassik ist eine ernste Sache, Lina, da muss man sich konzentrieren.“ Linas Vater ist verärgert, dass seine Tochter ein Tablet mit ins Konzert genommen hat. „Ich spiele nicht, ich informiere mich“, kontert die 14-Jährige und gibt einiges an Wissen über den Komponisten Ludwig van Beethoven zum Besten.

So gestaltet sich die Auftaktszene von Teil drei des Festivals „Beethoven anders“ im Rahmen des Celler Kultursommers. „Beethovens Donnerwetter“ ist angetreten, den Gegenbeweis zu liefern, dass Klassik nämlich gar nicht so ernst sein muss, sondern spielerisch und unterhaltsam vermittelt werden kann. Für die Mischung aus Musik und interaktivem Theater macht der Komponist höchstpersönlich einen Zeitsprung und landet auf der Schlösschen-Bühne im Französischen Garten. „Angenehm, van Beethoven“, begrüßt er Lina, ihren Vater und das Fanny Streichsextett, die kaum glauben können, dass der Meister selbst sich die Ehre gibt. Die Gelegenheit für ein Selfie darf man sich natürlich nicht entgehen lassen. Der Mann aus der Vergangenheit versteht nicht wirklich, was es mit iPads und Handys, denen von ihm komponierte Sonaten und Lieder, zum Teil als Klingeltöne, entströmen, auf sich hat. Aber er zeigt sich interessiert, lernt und hat im Gegenzug etwas zu bieten. Der ältere Herr nimmt Platz in einem bequemen Sessel, hätte zwar lieber Musik von Joseph Haydn als seine eigene gehört, lässt sich aber überreden, ein wenig zu erzählen über sich, wie Komponieren geht, was er ausdrücken wollte mit seinem Werk. „Musik ist Gefühl in Tönen“, erläutert er.

Als Anschauungsbeispiel dient die 6. Sinfonie, die er als „Natursinfonie“ beschreibt. Als er anfängt, über seine Liebe zur Natur zu sprechen, löst sich manch kleiner Zuschauer von Eltern oder Großeltern und setzt sich ins Gras, dort ist Schatten, sie sind näher dran am Geschehen und können sich nebenbei noch ein wenig mit Grasbüscheln bewerfen. „Hört Ihr, wie das Wasser fließt?“, fragt der Meister auf der Bühne, nachdem das Fanny Sextett eine Sequenz eingespielt hat. „Was gehört denn noch zu Naturgeräuschen?“ Die Finger gehen nach oben, Vorschläge werden genannt, die sogleich in Töne umgesetzt werden. Doch nach dem Vogelgezwitscher folgt das Donnerwetter und der Regen. Das Bewerfen mit Grasbüscheln wird endgültig eingestellt, plätschernde Regengeräusche und Gewitter müssen erzeugt werden. Nicht nur die Kinder, auch die Erwachsenen beteiligen sich, klatschen auf die Knie, stampfen mit den Füßen. Der Meister ist mit dem Chor zufrieden, auf den die größte Herausforderung allerdings noch wartet.

Ein gemeinsam gesungenes „Freude, schöner Götterfunken“ bildet den Abschluss einer sehr gelungenen Veranstaltung. Der Kommentar eines Besuchers, der mit seinem Enkel gekommen ist, lautet: „Das war ein Paradebeispiel, wie man Klassik vom hohen Sockel herunterholen kann.“