Eine Männerwelt von Frauenhand - Neue Ausstellung im Albert-König-Museum

Kultur + Gesellschaft Von Redaktion | am Mo., 24.06.2019 - 11:10

UNTERLÜSS. „Gibt es männliche Kunst?“ Dieser Frage ging Kuratorin Dietrun Otten nicht nur in ihrem Einführungsreferat gestern Mittag im Albert-König-Museum in Unterlüß nach, unter diesem Aspekt können die Besucher die neue hochkarätig besetzte und überaus sehenswerte Ausstellung „In der Männerwelt“ betrachten. Ihr Zustandekommen verdankt sie der Gleichberechtigung – allerdings im umgekehrten Sinn – nicht die Gleichbehandlung der Frau sollte gewahrt werden, sondern die Männer sollten nach der Schau „Sommer der Frauen“ vor zwei Jahren nicht das Nachsehen haben. Und diese elf von der Kuratorin ausgewählten Künstler, die alle in der Region Celle leben und arbeiten, haben sich dem Thema „Männerwelt“ in einer Weise genähert, die überrascht, bewegt sie sich doch abseits ausgetretener Pfade klischeebehafteter Geschlechterrollen und besticht durch enorme Vielfalt.
War die Kunst auf diesem Gebiet womöglich immer schon einen Schritt voraus? Dietrich Klatts Fotoserie „Gropius-Klinken aus Celle“ ließe sich als ein „Nein“ interpretieren. Der Celler hat von Otto Haesler entworfene Türklinken abgelichtet als Metapher für die Türen, die sich in den 20er Jahren für die Frauen öffneten und ganz schnell wieder zugeschlagen wurden. Klatt greift konkret die am Bauhaus betriebene Politik, der Flut von Bewerberinnen buchstäblich Herr zu werden, indem man die Regel „mehr Männer als Frauen in einer Klasse“ konsequent umsetzte, eine Ausnahme bildeten lediglich die Weberinnen. Die Interpretation der „Gropiusdrücker“, wie die Klinken genannt wurden, lässt sich jedoch erweitern auf die krasse Beendigung aller Emanzipationsversuche in den 20er und Anfang 30er Jahre durch die Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933.

Dietrich Klatt ergreift Partei für die Frau, Norbert Diemert feiert sie durch die weibliche Form seiner Skulpturen. Kein Klischee wird bedient – erlaubt ist alles. Die Kuratorin macht in ihrem Referat „Willkommen in der Männerwelt“ vor, wie ausgewogen eine Betrachtung des Themas sein kann, selbst wenn eine Frau auf die Suche geht nach „typisch männlich“ und eigene Assoziationen wie harte schweißtreibende Arbeit anführt. Jens Hemmes „Hamsterrad“ steht sinnbildlich für diese Form von Männlichkeit. Dietrun Ottens Sympathien sind gleichwertig verteilt, es spricht sogar umso mehr für die männlichen Kunstwerke, wenn das Lob einem weiblichen Munde entspringt: „Ein mutiges, sehr männliches Bild. Tolles Thema, wunderbar umgesetzt“, sagt sie über Frank Ehlerts „Penetrated Silence“, das eine Schwangere in schützender Haltung für das Ungeborene zeigt.

Die Kuratorin hat der Ausstellung ihre unverwechselbare Handschrift verliehen. „Das hat Dietrun ausgesucht“, lautet denn auch die Antwort von Jörg Pippirs, Hans-Udo Strohmeyer, Reinhold Tautorat, Werner Kunz, Martin Wilke, Horst Günter Brune und Karl Thun auf die Frage, wieso gerade dieses Werk zur Präsentation ausgewählt wurde. Die insgesamt 40 Installationen, Skulpturen, Grafiken und Bilder sind zwar alle von Männerhand erschaffen, aber zusammengestellt zu dieser spannungsgeladenen Schau wurden sie von Frauenhand. Und in diesem Miteinander steckt womöglich ein Ansatz zur Beantwortung der Eingangsfrage. „Die Grenzen sind so fließend“, kommentiert Besucher Lars Adolph die „Männerwelt“ und plädiert für eine stärkere Loslösung von den definierten Geschlechterrollen. Gibt es womöglich weder Männer- noch Frauenwelt?

Die Künstler haben mit ihren ungewöhnlichen und vielfältigen Werken intelligente Antworten gegeben, die Dietrun Otten in ihrem Referat mit den Worten beschreibt: „Es gibt feinlinige Zeichnungen und sorgsam gearbeitete Drucke neben aggressiv oder bewusst nachlässig gearbeiteten Bildern. Schöne, hässliche und provokante Formen, schrille und harmonische Farbzusammenstellungen, das Harte und das Weiche, das laut-Schreiende und das leise-Poetische: All dies ist gleichberechtigt in dieser ‚Männer-Ausstellung‘ vertreten.“

Zu sehen ist die Schau im Albert-König-Museum, Albert-König-Str. 10, 29345 Unterlüß, bis zum 8. September 2019, täglich außer montags von 14.30 bis 17:30 Uhr und nach Vereinbarung.

Text: Anke Schlicht
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