HANNOVER. Als in höchstem Maße skandalös haben der Philologenverband Niedersachsen und der Verband der Elternräte der Gymnasien in einer gemeinsamen Erklärung die Weigerung von Kultusministerin Heiligenstadt bezeichnet, für die jetzt fertig ausgebildeten Gymnasiallehrer in Niedersachsen eine ausreichende Zahl von Stellen auszuschreiben. „Etwa 700 Referendare haben jetzt ihre Ausbildung beendet und stehen zur Einstellung zum 1.2.2017 bereit. Doch für Gymnasiallehrer hat das Kultusministerium nur etwa 360 Stellen ausgeschrieben“, kritisierte der Vorsitzende des Philologenverbandes, Horst Audritz. Damit würde fast die Hälfte der ausgebildeten Gymnasiallehrer in Niedersachsen keine Stelle bekommen. „Das ist ein Skandal“, unterstrich Audritz. Diesen jungen Lehrern bliebe nur die Möglichkeit, in andere Bundesländer abzuwandern.

Für die „dramatische Situation“ an den Gymnasien komme erschwerend hinzu, dass die eingestellten Gymnasiallehrer nur in geringem Umfang an Gymnasien tätig werden könnten, sondern mehrheitlich an Gesamtschulen oder – so die jüngste Entwicklung – an Grundschulen eingesetzt würden, wofür sie nun wirklich nicht ausgebildet seien. „Für die 260 Gymnasien des Landes sind für das 2. Schulhalbjahr nur 165 Stellen ausgeschrieben worden“, unterstrich Petra Wiedenroth, Geschäftsführerin des Verbandes der Elternräte der Gymnasien. „Dabei werden in unseren Gymnasien dringend weitere Lehrkräfte gebraucht, denn volle Klassen und Unterrichtsausfall sind an der Tagesordnung“. Beide Verbände sähen die zunehmend unzureichende Unterrichtsversorgung an Gymnasien und die Versuche des Kultusministeriums, mit kurzatmigen Not-Maßnahmen Abhilfe zu schaffen, mit großer Sorge und wachsender Empörung.

Besonders hart gingen beide Verbände mit Kultusministerin Heiligenstadt ins Gericht, die „die hausgemachten Probleme einer völlig unzureichenden Unterrichtsversorgung in unverantwortlicher Weise“ schönrede und zudem versuche, die Öffentlichkeit weiterhin über die tatsächliche prozentuale Unterrichtsversorgung der Gymnasien im Unklaren zu lassen. So weigere sie sich schon seit Monaten, verbindliche Zahlen zur Unterrichtsversorgung zu benennen und der Öffentlichkeit endlich „klaren Wein“ einzuschenken.

Wohlweislich werde, offenbar mit gleicher Absicht, jetzt auch die Unterrichtsversorgung, wie sie jahrelang zum 1.2. in den Schule abgefragt worden sei, nicht mehr erhoben – „in der leicht durchschaubaren Absicht, die wirklichen Unterrichtsdefizite gezielt und systematisch zu verschleiern“, wie der Philologenverband mutmaßt. Doch Rückmeldungen aus den Gymnasien ließen den berechtigten Schluss zu, dass sich die Unterrichtsversorgung aktuell noch weiter verschlechtern werde, was allein schon die Tatsache beweise, dass Lehrkräfte der Gymnasien in großem Umfang gezwungen würden, Mehrarbeit – nicht selten über die rechtlich zulässigen Grenzen hinaus – zu erteilen.

In dieser Situation 340 ausgebildete Gymnasiallehrer auf der Straße stehen zu lassen, wie es die Kultusministerin tue, kennzeichne in zunehmend dramatischer Weise eine Einstellungs- und Beschäftigungspolitik im Bereich der Schulen, die man nur noch chaotisch und unverantwortlich nennen könne, so Audritz und Wiedenroth. Sie forderten die Ministerin auf, unverzüglich die Zahlen der Unterrichtsversorgung offenzulegen und die jetzt ausgebildeten Lehrkräfte einzustellen, bevor sie in andere Bundesländer abwanderten.

Zum Hintergrund:
Zum 1.2.2017 hat das Kultusministerium 359 Stellen für Gymnasiallehrer ausgeschrieben, davon 165 an Gymnasien, 56 an Kooperativen Gesamtschulen, 120 an Integrierten Gesamtschulen und 18 an Oberschulen. Dem gegenüber stehen ca. 700 junge Gymnasiallehrer, die jetzt in den niedersächsischen Studienseminaren ihre Ausbildung abgeschlossen haben.

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