CELLE. Nach einem Brief an den Rat Ende Januar, den CELLEHEUTE veröffentlichte, haben sich die Kulturpreisträger der Stadt Celle, Dres. Lothar und Elke Haas sowie der Celler Künstler Dietrich Klatt erneut mit einem Schreiben gegen den Abriss der MTV-Halle zu Wort gemeldet. Anfang Januar hatte die Stadtverwaltung Celle vorgeschlagen, die MTV-Halle – unabhängig vom geplanten Straßenausbau des Nordwalls – zu Beginn des Jahres 2020 abzureißen und das Grundstück zu verkaufen. Der Sportausschuss des Rates hatte dies mehrheitlich unterstützt. Bevor der Bauausschuss am Donnerstag über das Thema berät, haben Dietrich Klatt, Dr. Elke Haas und Dr. Lothar Haas sich jetzt in einem zweiten Schreiben an die Ratsmitglieder noch einmal gegen den Abriss der Halle ausgesprochen. Nach ihrer Überzeugung ist die Halle als Baudenkmal nach dem Denkmalschutzgesetz gegen einen Abriss geschützt, obwohl es bislang nicht in das Verzeichnis der Kulturdenkmale eingetragen sei. Der Denkmalschutz gelte nach dem Gesetz auch ohne eine solche Eintragung, wenn an der Erhaltung des Gebäudes wegen geschichtlicher, künstlerischer oder wissenschaftlicher Bedeutung ein öffentliches Interesse bestehe. Das sei hier der Fall. In dem Schreiben heißt es ungekürzt und unkommentiert:

„Das Gebäude ist schon unter geschichtlichen Aspekten erhaltenswert, die in der Architektur zum Ausdruck kommen: Der MTV ist einer der ältesten Turnvereine Deutschlands und war von jeher ein wichtiger Teil der liberal und national gesinnten Turnbewegung, die sich auch für die deutsche Einigung einsetzte. Das Turnerkreuz: – „Frisch, Fromm, Fröhlich, Frei“ – im Giebeldreieck des Portals verweist auf den Gründer der Turnbewegung Friedrich Ludwig Jahn.

Nach ersten Bemühungen in der Zeit ab 1864 um eine eigene Turnhalle, die keinen dauerhaften Erfolg brachten, bildete der Verein zum Erreichen seiner Ziele 1901 einen Turnhallenbau-Ausschuss. Über zehn Jahre hinweg sammelten die Mitglieder Spenden, auch bei mancherlei Festen. Alle Jahre fanden z.B. „Baufeste“ sowie Schauveranstaltungen statt. Es wird berichtet, dass „alle Schichten der Bevölkerung dem Plane des Vereins freudig und opferwillig“ gegenüberstanden. 1910 überließ die Stadt dem Verein kostenlos das Grundstück am jetzigen Nordwall, das nach weiteren Spenden mit dem Gebäude der Turnhalle bebaut wurde. Ein stadtgeschichtlich beispielloses Gemeinschaftswerk wurde Realität.

Die eigentliche Turnhalle hat als bauliches Charakteristikum die Hetzer-Bögen, eine elegante Leimbinder-Konstruktion, als Tragwerk. Das Patent für diese Tragwerksausprägung hatte Otto Hetzer 1906 erhalten. Eine derartige Konstruktion hatte auf der Weltausstellung in Brüssel 1910 stützenlos eine 43 m breite Halle überspannt, die Hetzer mit dem berühmten Architekten Peter Behrens entworfen hatte. In Anlehnung hieran hat der Celler Architekt Bergen die Turnhalle am Nordwall geplant. Ein solcher früher Anwendungsfall einer neuen, noch nicht etablierten Technik ist schon wegen der wissenschaftlichen Bedeutung erhaltungsbedürftig.

Auch künstlerisch ist die Halle schutzbedürftig, weil derartig ansehnliche schnörkellose Gestaltungen für sichtbare Tragwerkskonstruktionen nicht Gemeingut waren. Turnhallen dieser Konstruktion sind offenbar selten. Das Vordergebäude mit der Straßenfassade erhielt insbesondere einen großen Versammlungsraum, dazu ein Vorstandszimmer sowie weitere Nebenräume, schließlich auch Umkleide- und Toilettenräume. Der Verein wollte sich vor allem mit dem Versammlungsraum die Möglichkeit schaffen, auch als Institution der Zivilgesellschaft zu wirken.

Das von den Bürgern und von der Stadt Celle geförderte Bemühen, als „Männer-Turnverein“ – ab 1900 gab es Frauenabteilungen – auch als Kraft der Zivilgesellschaft zu wirken, schlägt sich architektonisch im Vordergebäude nieder: hinreichend große, zweckentsprechende Räume hinter einer schlichten Fassade, nicht zurückhaltend, aber unaufdringlich, nur mit dem Schmuck des Turnerkreuzes im Portal. Die in dem Vordergebäude zum Ausdruck gebrachte Absicht wurde realisiert in Empfängen für Auswärtige, mit Entsendung von Delegationen zu Turnfesten. Hier wurden Reden im Sinne des Gemeinwesens gehalten.

Die MTV-Halle mit der Architektur der Fassade, mit dem Portal und mit der besonderen Form der eigentlichen Turnhalle war mehr als ein Jahrhundert lang prägend für zahllose Sporttreibende. Mit dem Abriss ginge ihnen ein Teil der Mitte ihrer Heimatstadt verloren. Hier haben auch nicht wenige Migranten einen Haltepunkt gefunden oder behinderte Kinder, mit denen dort in den letzten vierzig Jahren in einer Psychomotorikgruppe gearbeitet worden ist. Schon unter geschichtlichen Gesichtspunkten, die in der Architektur sichtbar werden, muss das Vordergebäude erhalten werden.

Die Fassade des Vordergebäudes ist schlicht, die Fenstergrößen richten sich nach dem Lichtbedarf der Räume, die Form folgt der Funktion. Die Reihen der Fenstergruppen der Halle sind rhythmisch gegliedert. Einen deutlichen Akzent erhält die Fassade durch das neoklassizistische Portal, das sofort in die Augen fällt und das die Bürger mit dem MTV und dieser Turnhalle verbinden. Auch Otto Haesler bediente sich zur gleichen Zeit klassizistischer Architekturelemente.

Die künstlerische Bedeutung des Gebäudes fällt – abgesehen vom Portal – möglicherweise nicht sofort ins Auge, sie ist aber zweifellos vorhanden. Die Fassade ist schlicht, doch mit künstlerischem Anspruch und weist bereits wichtige Elemente des kommenden Neuen Bauens auf. Die Erhaltungsbedürftigkeit beider Teile des Gebäudes ist auch nicht etwa durch spätere Änderungen ausgeschlossen oder eingeschränkt.

Die Turnhalle hat zwar gewisse Änderungen erfahren: Die Charakteristika aber, die Hetzer-Bögen aus verleimtem Holz und die gewölbte Decke, sind erhalten. Das Vordergebäude ist unter den wesentlichen Gesichtspunkten unverändert geblieben. Fenster- und Türöffnungen sind nicht geändert, nur die hölzernen Außentüren sind ersetzt und die Sprossenfenster wurden ausgewechselt. Das kann den Denkmalcharakter nicht beeinflussen.

Nach unserer Überzeugung sind damit die Voraussetzungen für ein Baudenkmal gegeben: dass an der Erhaltung der baulichen Anlage wegen ihrer geschichtlichen oder künstlerischen Bedeutung ein öffentliches Interesse besteht. Die geschichtliche Bedeutung haben wir belegt, sie wird aber auch in der Substanz des Gebäudes dargestellt, das gerade nicht nur im Hinblick auf Turnübungen angelegt wurde, sondern auch für die weitergehenden Ambitionen der Turnerschaft gestaltet worden ist.

Auch die eigentliche Turnhalle hat erhebliche künstlerische Bedeutung. Die Hetzer-Bögen sind zwar unter statischen Gesichtspunkten entwickelt, haben jedoch eine schwingende Form, die die Besonderheit der Konstruktion augenfällig macht und ästhetisch anspruchsvoll ist. Die von den Bögen getragene innere Decke vermittelt dem Betrachter mit ihrer Korbbogen-Wölbung einen Eindruck von schützender Geborgenheit und gleichzeitiger Leichtigkeit, ein Phänomen, das in dieser Form und Wirkung im bisherigen Architekturgeschehen noch nicht wahrgenommen wurde.

Wenn damit das Gebäude insgesamt ein Baudenkmal im Sinne des § 3 Abs. 2 des Denkmalschutzgesetzes ist, so fällt es nach § 5 Abs. 1 Satz 1 unter die Schutzvorschriften des Gesetzes. Wir möchten Sie danach bitten, sich dafür einzusetzen, dass das Gebäude nicht abgerissen wird.“



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