Erinnerung an „weltweit größte humanitäre Hilfsaktion“ - Faßberg gedenkt der Luftbrücke

Gesellschaft Von Redaktion | am Fr., 14.06.2019 - 17:10

FASSBERG. Standing Ovations gab es heute Vormittag nach der kurzen Ansprache des ehemaligen Piloten der US Air Force, Gail Halvorsen. Der 98-Jährige sprach im Rahmen der Gedenkveranstaltung zum Ende der Berliner Luftbrücke vor 70 Jahren auf dem Platz der Luftbrücke vor dem Faßberger Rathaus. Er war es gewesen, der damals die Idee hatte, kurz vor der Landung an kleine Fallschirme befestigte Süßigkeiten für die in der Nähe des Berliner Flugplatzes wartenden Kinder abzuwerfen und der damit den Namen der „Candy Bomber“ bzw. Rosinenbomber inspirierte.
Einen echten Rosinenbomber bekamen die rund 500 Gäste der Veranstaltung auch in der Luft zu sehen. Der Überflug von drei Maschinen, darunter eines der historischen Flugzeuge, erfolgte zum Ende des Deutsch-britischen Gottesdienstes, der der Gedenkveranstaltung vorausgegangen war.

Nach dem Aufmarsch der Ehrenformation warf Faßbergs Bürgermeister zunächst einen kurzen Blick in die Geschichte des Ortes. „Faßberg wurde als Teil der Kriegsmaschinerie des Nazi-Regimes erbaut und von Faßberg ist viel Dunkelheit ausgegangen.“ Aber der Ort habe „seine zweite Chance“ bekommen. Die Luftbrücke habe den Menschen in dieser Gemeinde einen neuen Geist eingehaucht.

Diesen Gedanken führte Niedersachsens stellvertretender Ministerpräsident Bernd Althusmann weiter aus. Die Luftbrücke stehe für Mut, Entschlossenheit, Tatkraft, Solidarität, Versöhnung und den Willen nach Freiheit – alles Werte, „die heute als selbstverständlich erscheinen“. Die Alliierten hätten mit der Luftbrücke aber auch den Boden bereitet für die Gründung des Rechtsstaates der Bundesrepublik Deutschland. Althusmann spannte aber auch den Bogen zu den heutigen Aufgaben der Bundeswehr. Ihres Soldaten leisteten einen „unschätzbaren Friedensdienst und dienen unserer Sicherheit in zunehmend unsicheren Zeiten“, so der stellvertretende Ministerpräsident und Minister für Wirtschaft, Arbeit, Verkehr und Digitalisierung. Für diese Aussage erhielt er ebenso spontanen Applaus wie für die Feststellung, dass die Luftbrücke zeige, wie wichtig es sei, „das moralisch Richtige mit Haltung zu tun“.

Althusmann würdigte zudem die Arbeit der Erinnerungsstätte Luftbrücke mit ihren jährlich rund 10.000 Besuchern in Faßberg, aber auch den Film mit Zeitzeugen-Statements, den Schüler des Christian-Gymnasiums in Zusammenarbeit mit der Bundeswehr produziert haben.

Eine weitere Ansprache hielt der Inspekteur der Luftwaffe, Generalleutnant Ingo Gerhartz, der zunächst die Organisation der Veranstaltung lobte. „Sie haben alles richtig gemacht – Wetter und Ort passen bestens zusammen“, so der Inspekteur, dem das Kommando Luftwaffe in Berlin-Gatow untersteht. „Die Luftbrücke war die entscheidende Wegmarke in der Geschichte unseres Landes. Das werden wir nie vergessen.“ Zudem sei sie mit über 270.000 Flügen die weltweit größte humanitäre Hilfsaktion der Geschichte gewesen. Gerhartz erinnerte auch an die 39 britischen, 31 amerikanischen und 13 deutschen Opfer sowie die Menschen, die in Berlin durch Mangelernährung gestorben waren. Zum Vergleich nannte er einige Zahlen aus der jüngeren Geschichte der Bundeswehr. Mit der Transall sei man in 13 Jahren Afghanistan ca. 13.000 Einsätze geflogen. Diese Zahl habe man während der Luftbrücke in einer Woche erreicht. „Ich ziehe meinen Hut als deutscher Luftwaffenchef vor den Leistungen, die damals erbracht wurden“, so sein abschließendes Fazit.

Teile der Veranstaltung sind heute ab 19.30 Uhr im NDR in der Sendung „Hallo Niedersachsen“ zu sehen. Um 18 Uhr gibt es bereits eine Kurzfassung. Heute ab 20 Uhr findet im Rahmen der Feierlichkeiten zur Luftbrücke ein Konzert mit der Big Band der Bundeswehr auf dem Schützenplatz in Faßberg statt, morgen beginnt um 9 Uhr der Tag der Bundeswehr auf dem Fliegerhorst.

 

Rede von Bernd Althusmann (Es gilt das gesprochene Wort):

Sehr geehrter Herr Bürgermeister Bröhl,

sehr geehrter Herr General Gerhartz,

verehrte Mitglieder des Bundestages sowie des Niedersächsischen Landtages,

liebe Gäste,

sehr geehrte Damen und Herren,

ich überbringe Ihnen die herzlichen Grüße der gesamten Niedersächsischen Landesregierung. Ich freue mich ganz besonders darüber, heute stellvertretend für Herrn Ministerpräsidenten bei Ihnen zu sein, denn dieses Jahr endete am 12. Mai vor 70 Jahren die Luftbrücke in Berlin. Das Ereignis möchte ich mit Ihnen gemeinsam begehen!

Vom 24. Juni 1948 bis zum 12. Mai 1949 waren über zwei Millionen West-Berliner von der Versorgung abgeschnitten. Sie sollten hungern und frieren. Sie sollten für Stalin zum politischen Druckmittel werden. Die Luftbrücke versorgte und rettete sie.

Die Luftbrücke ist aber mehr als eine großartige logistische Leistung. Sie steht auch für Tugenden und Werte, die wir heute mehr denn je in Europa und der Welt benötigen.

•        Sie steht für Mut und Tatkraft.

•        Sie steht für Solidarität und Versöhnung.

Die Alliierten zeigten den Berlinern: Wir lassen Euch nicht im Stich! Die Berliner wiederum steckten nicht auf. Schon im Mittelalter wusste der Philosoph Thomas von Aquin, dass „vereinte Kraft zur Herbeiführung des Erfolges wirksamer ist als zersplitterte oder geteilte.“

Anrede,

Niedersachsen war elf Monate Dreh- und Angelpunkt der Luftbrücke. Aus Faßberg, Wunstorf und Celle-Wietzenbruch wurde die Energieversorgung Berlins beinahe im Alleingang sichergestellt.

Faßberg war der wichtigste Pfeiler der Luftbrücke. Von hier haben britische und amerikanische Flieger rund 540.000 Tonnen Kohle nach Berlin gebracht. Deutschlandweit waren es insgesamt 1,5 Millionen Tonnen. Während der Luftbrücke hatte Faßberg zeitweise über 12.000 Einwohner und eine direkte D-Zugverbindung nach Frankfurt am Main.

Für Niedersachsen kam diese enorme Hilfeleistung zu einer Zeit, in der auch hier noch Flucht und Vertreibung sowie existenzbedrohende Nöte den Alltag beherrschten. Der erste Niedersächsische Ministerpräsident Hinrich Wilhelm Kopf betonte unablässig, dass die Bekämpfung des Hungers, der Kälte, der Seuchen und der Obdachlosigkeit alle anderen Fragen überschatteten.

Niedersachsen stellte damals dennoch rund 50 Millionen D-Mark für den Ausbau der drei Flugplätze bereit. Daneben beschloss die Landesregierung im Juli 1948 einen Verzicht auf eine Tagesration Lebensmittel für die Berliner Bevölkerung.

Vergessen wir bei alledem jedoch nicht, dass auch die britische Bevölkerung Opfer brachte. In Großbritannien wurden Getreideerzeugnisse rationiert und nach Berlin gebracht. Auch die US-Armee zapfte ihre Lebensmitteldepots an und amerikanische Hilfsverbände kooperierten miteinander um in der Spitze bis zu 30.000 Care-Pakete in einem Monat zu verschicken.

Die Luftbrücke zeigte neben ihrer logistischen Meisterleistung diese beispiellose Solidarität. Beispiellos vor allem deshalb, weil diese Solidarität uns Deutschen nur wenige Jahre nach der Gewalt und den Gräueltaten des 2. Weltkrieges zuteilwurde.

Die Alliierten bereiteten mit ihrem Einsatz den Nährboden für die Werte des Rechtsstaats, der Freiheit und der Demokratie. Sie machten den Weg frei für die Rückkehr Deutschlands in die Gemeinschaft der zivilisierten Nationen.

Die Luftbrücke war auch Symbol des Aufbruchs. Sie stützte die ersten Bestrebungen der jungen Bundesrepublik. Mit Erfolg: Unter dem Eindruck des Kampfs für die Freiheit Berlins entstand das Grundgesetz – bis heute die Basis unseres Zusammenlebens. Auch an dessen 70-jähriges Bestehen haben wir vor drei Wochen feierlich erinnert.

Anrede,

Niedersachsen war seit seiner Gründung am 1. November 1946 immer auch von seinen engen Kontakten zu den Alliierten sowie zur Bundeswehr geprägt. Darauf sind wir in Niedersachsen stolz. Niedersachsen ist nicht umsonst Bundeswehrland Nummer eins.

Die Bundeswehr hat in Niedersachsen mehr als 40.000 zivile und militärische Beschäftigte und beheimatet damit bundesweit die meisten Soldatinnen und Soldaten. Daneben sind mit Wilhelmshaven und Munster auch zwei der größten Standorte der Bundeswehr in ganz Deutschland hier bei uns im Norden. Für die Landesregierung ist die Bundeswehr neben der Gefahrenabwehr auch ein zentraler Partner für die Krisenvorsorge.

Wie tief verwurzelt die Bundeswehr in Niedersachsen ist, lässt sich hier in Faßberg sehr gut erkennen. Die Bundeswehr ist mit Abstand der größte Arbeitgeber. Es heißt, morgens trifft man sich beim Bäcker, mittags in der Kasernenkantine und abends in der Kneipe.

Faßberg ist zudem untrennbar mit der Geschichte der Luftbrücke verbunden. Dort, wo Menschen eng miteinander zusammenarbeiten und sie eine gemeinsame Geschichte prägt, ist das ehrenamtliche Engagement besonders ausgeprägt. Stellvertretend ist die Arbeit des Fördervereins für die Erinnerungsstätte Luftbrücke Berlin zu nennen. Mit ihrem Museum sind sie ein touristisches Highlight im Naturpark Südheide und machen die Geschichte der Luftbrücke erfahrbar.

Daneben ist extra für den 70. Jahrestag ein toller Film von Schülerinnen und Schülern des Christian-Gymnasiums Hermannsburg produziert worden. Unter dem Titel „Wie die Kohle nach Berlin kam“ lassen sie Zeitzeugen zu Wort kommen, die ihre zum Teil auch sehr persönliche Geschichte erzählen. Schauen Sie sich den Film im Internet an.

Lebendig wird Geschichte durch Menschen, die sie erlebt und beeinflusst haben. Lebendige Geschichte produziert Erzählungen die Generationen überdauern, Werte und Vorbilder schaffen. Die Menschen, die hier in Faßberg, in Berlin und überall in Deutschland und auf der Welt für die Luftbrücke und damit für die Freiheit Berlins gekämpft haben sind Vorbilder. Dafür spreche ich Ihnen meinen ganz persönlichen Dank aus.

Anrede

Stärke beweist sich dadurch, andere stark zu machen. Das bedarf Vertrauen. Wir Deutschen hatten das große Glück trotz unserer Geschichte Vertrauen geschenkt zu bekommen. Das hat uns demokratisiert.

Wir wollen uns nicht vorstellen, was passiert wäre, wenn Berlin verlorengegangen wäre. Freiheit bedarf Vertrauen. Freiheit muss immer wieder neu erkämpft werden.

Ich sagte es eingangs bereits: Die Luftbrücke ist heute auch Narrativ für Offenheit und Zusammenarbeit. Damit ist sie auch Symbol gegen Nationalismus und Abschottung. Sie zeigt uns, wie wichtig es ist, das moralisch Richtige zu tun.

Barack Obama erinnerte uns 2008 vor der Siegessäule in Berlin an den ‚Geist‘ der Luftbrücke:

„Echte Partnerschaft verlangt ständige Opfer; man braucht Verbündete, die voneinander lernen, die einander vertrauen, die voneinander lernen. […] Jetzt müssen wir uns zusammentun zu einer starken Zusammenarbeit. Das war der Geist der Luftbrücke."

Mit Ihnen gemeinsam möchte ich daran mitwirken, dass der ‚Geist‘ der Luftbrücke auch weiterhin nicht nur durch Faßberg wehen wird.

Ich danke Ihnen für die Aufmerksamkeit.
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