HERMANNSBURG. Es ist schwer, sich einen Begriff von dem Leid zu machen, das die Nationalsozialisten und ihre Helfer in Europa verursacht haben. Doch gerade heute, in Zeiten wieder erstarkender Nationalismen, ist es wichtig, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Besonders lebendig gestaltet sich diese Auseinandersetzung, wenn ein einzelner Zeitzeuge seine Erfahrungen mit jungen Leuten im persönlichen Gespräch teilt. Rudi Oppenheimer tut genau dies immer wieder und hat kürzlich das Christian-Gymnasium Hermannsburg besucht.

Seine Kindheit in Deutschland, so Rudi Oppenheimer, der 1931 in Berlin zur Welt gekommen ist, sei zunächst sehr schön gewesen. Doch als die Ausgrenzung und Entrechtung von Menschen jüdischen Glaubens nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten begonnen habe und immer weiter fortgeschritten sei, habe er zusammen mit seiner Mutter und seinem Bruder nach London emigrieren müssen, wo seine Schwester Eve geboren wurde. Wenig später sei die Familie dann in die Niederlande zu Rudis Vater gezogen, der dort arbeitsbedingt lebte. Schließlich gerieten sie auf diese Weise wieder in die Fänge der Nationalsozialisten, was einen Leidensweg für den Jungen, seine Eltern und seine Geschwister bedeutete, wie ihn viele Menschen zwischen 1933 und 1945 durchleben mussten: immer weiter gehende Entrechtung und anschließende Deportation, in diesem Fall über Westerbork nach Bergen-Belsen. Dort starben Rudis Eltern, ohne dass er sich von ihnen habe verabschieden können, er und seine Geschwister überlebten knapp.

So schrecklich dieser Bericht auch ist – als Rudi Oppenheimer ihn am Vortag des Tages des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus vor über 50 Oberstufenschülern des Christian-Gymnasiums vortrug, ließ er zwischendurch immer wieder scherzhafte Bemerkungen einfließen. So wirkte das Gesagte um so eindringlicher und authentischer und ermutigte die Jugendlichen dazu, selbst auch Fragen zu stellen und sich dem Thema persönlich zu nähern. „Es ist beeindruckend, wie offen und engagiert Herr Oppenheimer mit seiner Vergangenheit umgeht“, sagte Frauke Prengel, Fachobfrau für Geschichte am Christian-Gymnasium, am Ende dieses von ihr organisierten Vormittags, „solche Zeitzeugenberichte sind von unschätzbarem Wert bei der Geschichtsvermittlung.“ Das weiß auch Rudi Oppenheimer, der nach einem bewegten Berufsleben für einen internationalen Ölkonzern seinen Lebensabend der Erinnerungskultur widmet und viel mit Schülern und anderen Gruppen über seine Zeit vor 1945 spricht. Denn an der Vergangenheit könne man zwar nichts ändern, aber die Zukunft besser gestalten.

Text und Bild : Sebastian Salie

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