Dichtergeist in Stein gemeißelt – Ernst-Schulze-Denkmal offiziell eingeweiht

Kultur + Gesellschaft Von Anke Schlicht | am So., 04.07.2021 - 12:04

Dichtergeist in Stein gemeißelt – Ernst-Schulze-Denkmal offiziell eingeweiht

CELLE. Schriftsteller und Celle-Kenner Oskar Ansull fasst sich kurz, um nicht unter Geschwätzverdacht zu geraten (seine Rede findet sich im Anhang). Ein Ausdruck des Respekts für den Sohn der Stadt, der da inmitten eines Meers blühender Rosen auf seinem künstlerischen Sockel aus Stein thront und das Geschehen des Samstagnachmittags im Französischen Garten im Überblick hat. „Unleidliches Geschwätz, womit man Ratten vergiften könnte“, beschrieb der Dichter Ernst Schulze 1812 in einem Brief den Austausch unter Honoratioren der Stadt. Er war ein ebenso begabter wie kritischer Geist und ein großer Meister der Sprache, der sich zeit seines kurzen Lebens dort, wo er geboren wurde und aufwuchs, nicht aufgehoben fühlte: „Fremdling werd‘ ich ja stets seyn, auch im heimischen Land“, textete der 1817 mit nur 28 Jahren in seinem Geburtshaus in der Celler Altstadt verstorbene Schriftsteller.

Vor Geschwätz muss er bei der offiziellen Einweihung des Denkmals, das der Bildhauer Uwe Spiekermann auf Betreiben der Ernst-Schulze-Gesellschaft nach seinem Abbild geschaffen hat, keine Sorge haben. Es sind Hochkaräter am Werk – Künstler und Autor Dietrich Klatt hat unter der Überschrift „Denk mal“ die Skulptur einer Betrachtung unterzogen: „Sie erfordert physische und geistige Bewegung“, sagt er auf die Verse aus dem Bestseller „Bezauberte Rose“ anspielend, die die Stele zieren und allen Lesenden eine Umrundung abverlangen. „Es war ein kontrastreiches Leben mit glücklosen Lieben und einer schwebenden schweren Krankheit, die keine Zukunft versprach, über sich“, referiert Klatt. „Diese Knicke und Brüche und harten Kontraste zwischen Glück und Trauer im Leben des jungen Dichters spiegelt das Denkmal – ein denkwürdiges Werk, das zum Nachdenken und Gedenken auffordert“, würdigt der Verfasser eines Buches über Plastiken, Skulpturen und Denkmäler im öffentlichen Raum der Stadt Celle. Der Bildhauer Uwe Spiekermann wollte die künstlerische Unruhe einfangen, bewegend, nicht verharrend sollte es sein und ist es im Ergebnis auch geworden. Je nachdem, welches Licht auf den dunklen Kopf aus Hessischem Olivindiabas und den Sockel aus Wachenzeller Dolomit fällt, ist die Wirkung eine andere. Strenge Witterung beeinflusst das Erscheinungsbild, erzeugt Spuren, so wie das Leben sich im Gesicht von Menschen abzeichnet. „Die Verletzungen, die er erlitten hat, sind sichtbar“, sagt Klatt.

Der Vorstandsvorsitzende der Sparkasse Celle-Gifhorn-Wolfsburg spricht für die Förderer, die das Entstehen ohne öffentliche Gelder, wie der Vorsitzende der Ernst-Schulze-Gesellschaft Dr. Lothar Haas betont, möglich gemacht haben. „Er hat Spuren hinterlassen“, betont Gratzfeld, „er war eine Person aus der Mitte der Gesellschaft. Was liegt da näher, als ihn in der Mitte Celles zu verewigen.“ Ausdrücklich erwähnt er die RWLE Möller-Stiftung und die vielen Menschen, die sich privat beteiligt haben. Mancher mag unter den zahlreich erschienenen Gästen sein. Thomas Adasch nimmt in seiner Funktion als stellvertretender Landrat teil, die Stadtratsmitglieder Ute Rodenwaldt-Blank, Dr. Jörg Rodenwaldt, Bernd Zobel und Oliver Müller lauschen gebannt den Reden und der musikalischen Begleitung von Dietrich Ackemann an der Trompete. Schüler unterschiedlicher Jahrgänge des Gymnasiums Ernestinum repräsentieren die Schule, die der junge Ernst Schulze einst besuchte. Alle sind sie gekommen – mit einer Ausnahme: Nach Kulturdezernentin Susanne McDowell oder Fachbereichsleiterin Bildung und Kultur Katharina Lohmann oder dem Oberbürgermeister sucht man vergeblich.

 

Die Rede von Oskar Ansull:

Oskar Ansull: Schulze-Rede am 3. Juli 2021

Zum Dank an ALLE am Gelingen dieses Denkmals Beteiligten, hier ein

paar Worte:

Erinnern wir uns: Den Dichter Friedrich Hölderlin um 1800

anspielend, titelte fast zwei Jahrhunderte später Wolf Biermann

eines seiner Lieder:

„In diesem Lande leben wir, wie Fremdlinge im eigenen Haus“.

Klingt das nicht auch ganz nach unserem Celler Dichter, der schrieb:

„Fremdling werd‘ ich ja stets seyn, auch im heimischen Land“,

so schreibt Ernst Schulze 1817 kurz vor seinem Tod. Aber dem dürfen

wir hier einmal leise ein klein wenig widersprechen, denn wir stehen

hier vor einer schön-gelungene Büste geschaffen von Uwe

Spiekermann, mit einem den Kopf leicht schützenden Kragen. Daher

will ich hier und heute ein wenig über Ernst Schulzes Kopf und Kragen

reden.

Der Poet hat in seinem kurzen Leben nicht nur an unerfüllten

Lieben mit und ohne Rosenflor, sondern auch an den verknöcherten

gesellschaftlichen Verhältnissen in Göttingen und Celle gelitten. So

scherzt er kurz vor seinem 21. Geburtstag noch in einem Brief über

die Menschen in Celle, welche gern Betrachtungen über fremde Fehler

anstellen, um die ihrigen durch die Vergleichung in einem minder

grellen Lichte zu sehen, und zwei Jahre später schreibt er in Göttingen

vom Ärger über die Langweile, welche mir die meisten Gesellschaften

machten, und ätzt über unleidliches Geschwätz, womit man Ratten

vergiften könnte, setzt im studentischen Übermut noch hinzu: Sobald

ich dummes Geschwätz höre, werde ich selbst dumm, aber leider

nicht so dumm um mit meiner Dummheit zu glänzen, wie jene es

thun.

Also werde ich mich hier jetzt kurz halten, um nicht unter

Schulzes Geschwätzverdacht zu fallen. Der ganze Text ist ja in der

neuen Celler Chronik nachzulesen.

 

Bitter für den guten Schulze, dass er auch politischen Vorwürfen

ausgesetzt war, selbst von seiner Rosen-Geliebten Cäcilie Tychsen,

die ihm etwas bitter …/… Kosmopolitismus und Überschätzung des

Fremden vorwirft. Das klingt doch sehr aktuell, noch immer, kommt

uns doch heute wieder bekannt vor! Er hat eben zu viel französische

Literatur und deutsche Aufklärer gelesen, um ein zeitgemäßer und

rechter Franzosenhasser zu sein.

Die reinen Rosenstanzen (Stanzen abgeleitet vom ital. „stanza“

= „Raum“, ein dem Gedanken Raum geben) an denen sich der Dichter

abarbeitet, verdecken eigentlich ganz andere Probleme. Es sind

poetische Seufzer, die der Kompensation eines Mangels geschuldet

sind. Eine offensichtliche Flucht in die Phantasie, das einzige freie

Seelengebiet dieser Zeit. Carl Gustav Jochmann, Schulzes

Zeitgenosse, spricht das um 1819 aus: Ausbrüche(n) des

unbefriedigten Gefühles aus der künstlichen Wüste des bürgerlichen

Lebens um uns her; Auswanderung aus der Wirklichkeit in das Reich

des Gedankens …

Ernst Schulze schreibt schon 1814 desillusioniert: Ich bin wohl

glücklich, daß ich viel Fantasie habe, aber was kann mir den Schmerz

vergüten, den ich bei der Ueberzeugung fühle, daß die Verhältnisse

der Wirklichkeit mich ewig fern von den Bildern meiner Träume halten

werden? und: Wir armen Menschen, deren ewiges Geschäft darin

besteht, Regeln zu geben, gewöhnen uns endlich so daran, daß wir sie

selbst anwenden, wo das Herz jede Regel verbietet.

Schulze nimmt die Haltung eines Rollenspielers ein, tritt

öffentlich in wechselnden Masken auf, sein Inneres schützend zu

verbergen. Er schreibt seinem Freund Bergemann: Nimm mich heute

einmahl, wie ich grade bin, denn ich verlerne allmählig in dieser

ewigen Maskerade, die mir hier zum Schutz und Trutz nothwendig ist,

meinen eigenthümlichen Charakter…

Zeitlicher Sprung

In den letzten Lebensjahren lernt er auf Besuchen in Hildesheim ein

ganz anderes, freieres, aber auch bürgerliches Familienleben kennen.

 

Bei Henriette von Egloffstein und ihren drei Töchtern findet er im

Umgangston, der gegenseitigen Wertschätzung und Herzenswärme

all das, was ihm bei der Familie seiner mehr als reichlich besungenen

Cäcilie und deren sinnlos umworbenen Schwester Adelheit, bei den

hoch angesehenen Tychsens in Göttingen, immer fehlte. In einem

der letzten Briefe hat Schulze ein treffendes Bild für dies ganz andere

Leben gefunden: Ich bin fast versucht Ihre Familie für Leute auf dem

Monde zu halten, bey denen Alles ganz anders ist als bey den übrigen,

und wenn man auch behauptet, daß dort die Leute den Kopf unter

dem Arme tragen, so kann Ihnen doch diese Meinung durchaus nicht

nachteilig seyn, da der Kopf, er mag sich befinden, wo er will, doch

immer Kopf bleibt, der Umstand aber, daß er auf diese Weise dem

Herzen  näher liegt, ein Vorzug ist, den die meisten Menschen

entbehren.

In seinem wohl letzten Gedicht, der „Elegie“ vom 4. Februar

1817, spricht er es aus, im Wortlaut genauer, direkter als bei

Hölderlin und so gut wie unbekannt:

Fremdling werd‘ ich ja stets seyn auch im heimischen Land.

Denn nie wird mich ein liebendes Weib umfangen und nie mir

Unter dem wirtlichen Dach rasten ein treulicher Freund,

Nimmer ich selbst bey dem eigenen Herd! An die heilige Heimath

Knüpft kein liebliches Band, ach, das verlassene Herz.