Ein früher Europäer und Bürger Celles – Magno Cavallo zieht in den Bann

Kunst Von Anke Schlicht | am So., 06.09.2020 - 11:48

CELLE. „Durchgeknallt“ hätte man ihn heutzutage genannt, eventuell sogar auf der stetigen Suche nach Sensation als Stalker bezeichnet. Denn Vincentius Dominus de Magno Cavallo (1720-1805) war vernarrt in Prinzessin Caroline Mathilde (1751-1775). Sie war der Grund, weshalb er sich in Celle niederließ. Und dieses war in den Augen vieler Zeitgenossen und auch heutiger Bewohner kein Glücksfall für die Stadt. „Nichts hier erinnert an ihn – nirgends“, monierte der Celler Schriftsteller Oskar Ansull anlässlich der Buchvorstellung „Heimat, schöne Fremde“ im Schlosstheater. Er widmete dem unbekannten Celler Autor ein Kapitel in seinem Buch und diesem ist zu entnehmen, dass es durchaus als eine Ehre charakterisiert werden kann, einen solchen frühen Europäer 25 Jahre lang als Bürger seiner Stadt beherbergt zu haben.

Und dieser trug die Ernst-Schulze-Gesellschaft mit der Lesung im Heilpflanzengarten am Samstagnachmittag Rechnung. „Was wird einmal von mir bleiben?“, hatte sich Magno Cavallo zu Lebzeiten gefragt und dürfte hinsichtlich der Antwort nicht allzu zuversichtlich gewesen sein. „Erfolglos, wie es um so viele meiner Ideen bestellt war“, zeigte er sich in einem Brief gleichermaßen selbstkritisch wie bescheiden. Mit der Form, wie er sich auf dieser Kulturveranstaltung präsentieren durfte, wäre er wohl zufrieden gewesen. Denn vom Kostüm über die Textauswahl bis zur Betonung stimmte hier einfach alles. Persönlichkeiten wie dieser höchstwahrscheinlich in der Lombardei geborene Wahlceller polarisieren. Theologe, Germanist und Kunsthistoriker Uwe Winnacker gehört zu denen, die ihn lieben, sich ihm sogar nach eigenen Worten „bedingt geistig verwandt fühlen“. Entsprechend überzeugend verkörperte Winnacker an diesem strahlenden Septembernachmittag den schillernden Paradiesvogel und gewährte Einblick in dessen Persönlichkeit durch das Verlesen von Originaltexten.

„Dass man ihn mit Literatur feiert, ist nicht ganz selbstverständlich, denn manche halten ihn für einen nicht ernstzunehmenden Menschen. Er war zwar ein wenig verrückt, aber er hat eine Menge gemacht, was anregend sein kann für unser Leben“, hatte der Vorsitzende der Ernst-Schulze-Gesellschaft, Lothar Haas, in seinen Einführungsworten zuvor Neugierde geweckt. Die Auszüge aus Magno Cavallos Briefen, die Winnacker vortrug, ließen nach und nach deutlich werden, worauf Haas sich bezog. Magno Cavallo schrieb nicht „die große Literatur“, sondern Texte, „denen er den Namen Unterhaltung gab“. Er beschäftigte sich mit der Psyche des Menschen, galt als Wunderheiler, beobachtete eingehend die Natur, gab in Stralsund eine Zeitschrift heraus, interessierte sich für Astronomie und entwickelte Ideen auf den unterschiedlichsten Gebieten. „Bin Philosoph, Medicus, Botanicus, Chemiker und Pharmaceuticus, Mathematicus, Metaphysicus und Bürger Celles“, lautete seine selbstverfasste Berufsbezeichnung. Dass er keineswegs nur spinnerte Ideen im Kopf trug und zu Papier brachte, wurde deutlich anhand von Sätzen wie: „Wie es Leute giebt, welche mit ihren körperlichen Augen schärfer und weiter sehen als viele andere, so giebt es auch Leute, welche mit dem Auge des Verstandes, weiter und tiefer in die Verbindung, in die Verkettung, in das Wesen der Dinge einzudringen vermögen.“ Vieles in seiner Biographie liegt im Dunkeln, eines ist jedoch sicher: „Magno Cavallo war europaweit bekannt“, berichtet Vorstandsmitglied Elke Haas ihren Gästen. „Ich bin einigermaßen herumgekommen“, schrieb dieser über seine Zeit vor dem Leben in Celle, wo er ab 1774 in einem Hinterhaus in der Neustadt wohnte, „machte es zu einem Tempel des Vergnügens“, widmete sich oft dem Glücksspiel. Elke Haas stellte anhand von drei Texten dar, wie Zeitgenossen den facettenreichen, weitgereisten Mann sahen. Sie liefert den Blick von außen, während Winnacker die Innenansicht beisteuert. Mit dieser Kombination gelingt es, dem Europäer und Bürger Celles Konturen zu verleihen und ihn den Gästen nahe zu bringen. Und dieses vor einer Kulisse, die kein noch so ausgefeiltes Bühnenbild hätte toppen können. Die Bäume des Heilpflanzengartens wiegen sich im Wind, zu ihren Füßen reiht sich ein Portrait Magno Cavallos ans andere. Friederike Witt-Schiedung hat sich inspirieren lassen und die wohl passendste Kunstrichtung als Leitfaden für die expressionistischen, in verschiedenen Techniken angefertigten Zeichnungen gewählt. Für kleine Auszeiten zwischen dem geballten Textwerk sorgte das Klarinetten-Duo mit Werken von Carl Philipp Emanuel Bach.

Doch bei diesem Programm ließen es die Veranstalter längst nicht bewenden. Wenn die Ernst-Schulze-Gesellschaft einlädt, darf der Namensgeber natürlich nicht fehlen. Und dieser zeigte sich an diesem Kulturnachmittag von einer anderen Seite als in seinem Hauptwerk „Die bezauberte Rose“. „Wir kommen jetzt von Herrn Großpferd zu Herrn Schulze“, leitete Dietrich Klatt über und präsentierte gemeinsam mit Hermann Wiedenroth den jungen Literaten anhand von Briefauszügen als einen humorvollen, völlig uneitlen, selbstironischen und scharfsichtigen Mann, der mit einer kurzen Beschreibung eines Ausflugs einen gesellschaftlichen Mikrokosmos erschaffen konnte.

Zu den „hochgeachteten Nüchtern-Gescheiten“, an denen laut Oberappelationsrat und späterem württembergischen Justizminister Ferdinand Adolf Freiherr von Ende (1760-1816) „die Welt dermaleinst zu Grunde gehen wird“, gehörte Ernst Schulze (1789-1817) sicher nicht. Er war näher am Freund des Freiherrn von Ende, Magno Cavallo, den dieser als eine „wahre Sonne der Narrheit“ bezeichnete. So kamen die Gäste im Heilpflanzengarten schon in den Genuss von Sonnenstrahlen, als sie sich noch hinter einigen Wolken versteckt hielt, und konnten sich glücklich schätzen, Karten für eine Lesung ergattert zu haben, mit der die Ernst-Schulze-Gesellschaft es nach ihrem Namensgeber ein weiteres Mal geschafft hat, eine fast vergessene Celler Persönlichkeit ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken, und zwar mit einer Veranstaltung, die gleichermaßen lehrreich wie unterhaltsam war.