CELLE. Der Kreistag hat sich für eine Senkung der Mindestentfernung vom Wohnort zur Schule entschieden. Schüler der ersten bis vierten Klasse fahren ab 2,5 Kilometern kostenlos. Für Schüler der Klassen fünf bis zehn gilt eine Grenze von vier Kilometern. 1,2 Mio Euro will sich der Landkreis die Bequemlichkeit kosten lassen. Ob man damit den SchülerInnen wirklich einen Gefallen tut – daran zweifelt der Celler Internist Dr. Ralf Aring. Sein Leserbrief, ungekürzt und unkommentiert:

Jeden Tag das gleiche Schauspiel: Frühmorgens und am frühen Nachmittag quält sich eine unermesslich lange Schlange von großen Gelenkbussen aus den Vororten in unsere historische Innenstadt, um dann Horden von Schülern aller Schulformen auszuspeien oder zu verschlingen. Oft gut eingepackt in wärmende Mäntel, in der linken Hand das belegte Brötchen vom Bäcker, in der rechten Hand das Mobiltelefon und ein Heißgetränk im Einwegbecher machen sich die Jugendlichen auf dem Weg zur Schule.

Deutschlandweit beklagen wir Bluthochdruck, Diabetes und Übergewicht schon in jungen Jahren, viele Kinder nehmen heute aufgrund ihrer körperlichen Voraussetzungen gar nicht mehr am ohnehin viel zu selten stattfindenden Schulsport teil, die Leistungen im Sportunterricht liegen zum Teil 20 % unter denen der Vorgängergeneration und bereits Kindergartenkinder weisen heute schon vielfach motorische Defizite auf. 20 % der Kinder, die heute die Grundschule besuchen, können noch nicht schwimmen.

Das stimmt es den Bürger dieser Stadt doch befremdlich, wenn er jetzt lesen muss, dass zu den mehr als 2.000.000 € jedes Jahr, die Stadt, Landkreis und Land für den Schülertransport ausgeben, durch eine Neuberechnung der zumutbaren Schulentfernung dieser Betrag noch mal um 1,2 Millionen € pro Jahr aufgestockt werden soll.

Was bedeutet das im Detail? Noch mehr Schüler müssen sich tagtäglich noch weniger bewegen. Gerade aus medizinischen Gründen ist aber eine Kombination aus Lernen und Bewegung unerlässlich und es hat in früheren Generationen niemandem geschadet, aus dem Vorort egal ob Sommer oder Winter, Sonne oder Regen die 10 – 15 km zur Schule mit dem Rad zurückzulegen. Neben der unfreiwilligen Bewegung, der besseren Sauerstoffaufnahme, die auch ein besseres Lernen ermöglicht, wären die Kinder damit auch weitaus flexibler, weil sie bei Unterrichtsausfällen nicht vier Stunden in der Stadt oder in der Schule warten müssten, bis der Bus sie wieder nach Hause bringt.

Bei noch weiterer Entfernung könnte man ja durchaus auch über eine Bezuschussung eines Elektrofahrrads nachdenken. Dies wäre nachhaltiger und gesunder als jedes Jahr mehr als 3.000.000 € in den Schülertransport und die Entwicklung von Hypertonus und Diabetes. Gerade die Schüler, die jetzt jeden Freitag für eine bessere Umwelt demonstrieren und dafür nicht zur Schule gehen, wären wahrscheinlich von diesem Vorschlag begeistert.

Prinzipiell gute Idee hieß es auf Politikerseite, aber wenn wir die Bezuschussung der Schülertransports einstellten, verfielen auch die Zuschüsse vom Land und gleichzeitig hätten die Schüler natürlich ja auch einen gesetzlichen Anspruch. Stimmt, nicht nur im Landkreis Celle, auch in allen anderen Landkreisen in unserem großen Bundesland wird der Schülertransport bezuschusst. Wie wäre es, wenn man dieses Geld lieber für eine Sanierung und bessere Ausstattung der Schulen, mehr und besser bezahlte Lehrer investierte?

Was soll man dazu sagen? Deutschland, früher das Land der Denker, heute… der Verwalter.

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