Diskutieren ist auch keine Lösung - „Extrawurst“ begeisterte in Müden

Theater Von Susanne Zaulick | am So., 20.06.2021 - 12:26

MÜDEN.  Alles ausdiskutieren ist doch nicht immer die beste Lösung. Zu diesem Fazit könnten die Mitglieder des Tennisclubs gekommen sein, der gestern Abend auf dem Müdener Winkelhof seine „Jahreshauptversammlung“ abhielt. Vor der Kulisse der großen Scheune agierten auf dem Podium fünf Mitglieder des Schlosstheater-Ensembles, darunter als erster Vorsitzender Heribert (Thomas Wenzel) und sein Stellvertreter Matthias (Andreas Döring). Weitere Clubmitglieder wurden von Anne Diemer (Melanie), Fridtjof Bundel (Torsten) und Fehmi Göklü (Erol) dargestellt, darüber hinaus von den 110 erwartungsfrohen Besuchern, die sich an diesem herrlichen Sommerabend geistreiche Unterhaltung erhofften und nicht enttäuscht wurden.

Das Stück „Extrawurst“ von Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob  hat sich zum Theaterfavoriten in Deutschland entwickelt. Auf zig Bühnen wurde und wird es erfolgreich inszeniert. Vielleicht weil es sehr nachvollziehbar zeigt, wie eine gut gemeinte Geste in die Katastrophe münden kann und wie alle – tolerante, aufgeklärte Idealisten ebenso wie konservative Pragmatiker dazu beitragen. Es geht – wie der Titel schon sagt – um die Wurst und die „normale Wurst“, wie Matthias, der engagierte „Macher“ im Club feststellt, bestehe in Deutschland nunmal aus Schweinefleisch. Für das einzige türkische Mitglied im Club, Erol, ist das zunächst überhaupt kein Problem. Er hat allerdings trotzdem nicht vor, eine solche Wurst zu essen, geschweige denn, seine Rinderwurst zusammen mit den Schweinswürsten auf den Grill zu legen.

Seine Partnerin im Mixed-Doppel, Melanie, fände es „trotzdem nett“, wenn man für Erol einen zweiten Grill bereitstellen würde. Aber mit 860 Euro, die für einen neuen Clubgrill – Modell XQ30C der Firma Seiler – eingeplant sind, ist das Vereinsbudget eigentlich erschöpft. Andreas Döring obliegt als technik- und markendetailverliebtem Vereinshelden, der seine Freizeit opfert um das optimale Preis-Leistungsverhältnis im Grillsegment zu recherchieren, dafür aber dann doch nicht die erhoffte Anerkennung findet, der komödiantische Part in diesem Stück, den der Intendant des Schlosstheaters überzeugend ausfüllt. 

Hatte Vorsitzender Heribert soeben noch erklärt, der alte Grill sei „Schrott“, kommt ihm nun die Idee, genau diesen für „die Türkenwurst“ zur Verfügung zu stellen, was nun wiederum Erol aufhorchen lässt. „Es fühlt sich schon ein bisschen komisch an, dass die Türken den alten Grill kriegen sollen“, stellt er fest. Heribert kontert mit gewinnendem Lächeln: „Erol, das war immer ein super Grill!“. Nun kommt Torsten ins Spiel, Melanies tolerant-liberaler Ehemann: „Vielleicht könnten wir mit einem zweiten Grill ganz neue Zielgruppen erreichen“, überlegt er. Seine Frau stimmt zu. „Ja, das wäre ein Zeichen, dass wir was für Integration tun“. „Aber Erol ist doch integriert, sonst wär‘ er nicht in unserem Club“, wirft Matthias ein, dem allzu weitläufige Gedankengänge suspekt sind.

Auch der Vorschlag, Erol könne doch seinen eigenen Grill mitbringen, stößt bei ihm nicht auf Gegenliebe. Denn, wie sich herausstellt, besitzt Erol den 2000 Euro teuren XQ3200 („Wir grillen viel und ich habe eine große Familie). Für Matthias eine Horrorvorstellung, dass dieser Super-Grill neben dem von ihm gepriesenen Modell stehen könnte. „Das sieht dann aus, als hätten die Türken den Club übernommen.“ Im Laufe des Stückes spielt die Überlegung „es sieht ja dann aus als ob“  eine recht wichtige Rolle.

Auch für Heriberts Sinneswandel gegen Ende des Stücks ist im Wesentlichen das Vereinsimage ausschlaggebend. Mittlerweile ist klar geworden, dass der Vegetarier und Atheist Torsten nicht nur ein Problem mit Erols Glauben hat, sondern auch damit, dass dieser nach gewonnenem Match seine Tennispartnerin für Torstens Gefühl etwas zu lange im Arm hält. Die Debatte kreist nun längst nicht mehr nur um eine Wurst, sondern um die Unterschiede zwischen türkischen und deutschen Männern in Beziehungen, Einwanderungspolitik in Deutschland und Männerdominanz im Verein. Als die beiden Vorzeigespieler Erol und Melanie als Vereinsmitglieder zu gehen drohen, nimmt Heribert das Zepter noch einmal in die Hand (obwohl er zu diesem Zeitpunkt als Vorsitzender schon zurückgetreten ist. „Ich stelle fest, die Mehrheit ist für einen eigenen Türkengrill“, wendet er sich kurzerhand an die Versammlung. Ob der Verein allerdings je wieder zusammen grillen wird, ist am Ende offen. Denn längst haben die Akteure auf der Bühne den Schauplatz nacheinander verlassen, nicht ohne vorher nochmal mit einem ordentlichen Zorn- oder Zynismusausbruch, begleitet von Biersalven oder gezielten Hieben mit der Sporttasche, für ein wenig Action gesorgt zu haben.

Wenn man in dieser Inszenierung eine Schwäche finden will, könnte sie darin liegen, dass bewegte Bilder wie diese eher rar sind. Über weite Strecken sitzen die Protagonisten auf ihren Plätzen, was bei einer Vereinssitzung zwar durchaus die Realität abbildet, auf der Theaterbühne aber etwas statisch wirkt . Wer sich über die teilweise tiefste Abgründe von Klischees und Vorurteilen zutage fördernden Dialoge amüsieren konnte, kam trotzdem voll auf seine Kosten.

Weiteren Aufführungen der Schlosstheater-Landpartie:
20.06. Kulturhaus Wienhausen
24.06. Herzogin Agnes Platz Nienhagen
26.06. Museumshof Winsen
03. & 04.07. Gasthaus Niedersachsen Eversen
10.07. Heidegut Eschede
16.07. Heimatverein Hermannsburg

Restkarten sind noch über die Theaterkasse des Schlosstheaters erhältlich.

Die Aufführungen der Theater-Landpartie werden gefördert durch die Volksbank Südheide - Isenhagener Land – Altmark. Zum Auftakt der Reihe wurde am Donnerstag bei der Premiere in Wathlingen ein symbolischer Scheck überreicht.

Von Beginn an – seit 2016 nämlich – unterstützt die Volksbank die Landpartie des Schlosstheaters Celle. Der symbolische Scheck wird „traditionell“ jeweils bei der ersten Aufführung übergeben. Nadine Graue von der Volksbank Südheide-Isenhagener Land-Altmark überreichte den Scheck an Intendant Andreas Döring, der in dem Stück selbst mit auf der Bühne steht. "Wir freuen uns sehr über die Unterstützung und die langjährige Kulturpartnerschaft", heißt es aus dem Schlosstheater.