Ezidische Organisationen fordern Aufklärung im Fall Qosay Khalaf

Gesellschaft Von Extern | am Mo., 19.04.2021 - 17:53

CELLE/DELMENHORST. Acht ezidische Organisationen, darunter auch das Êzîdische Kulturzentrum Celle, fordern Aufklärung nach dem Tod eines Eziden in Delmenhorst in Zusammenhang mit einer Polizeikontrolle. In einer Pressemitteilung, die von den Organisationen versandt wurde, wird der Fall wie folgt geschildert: 

"Qosay Khalaf war am 5. März 2021 in Delmenhorst von der Polizei wegen eines Bagatelldelikts kontrolliert worden. Die Polizei setzte Pfefferspray ein, herbeigerufene Rettungssanitäter versorgten ihn nicht. Im Polizeirevier brach der 19-Jährige zusammen. Er starb einen Tag später in Oldenburg im Krankenhaus.

Qosay wurde als 13-Jähriger von seiner Familie aus nach Europa geschickt, nachdem der Şengal, seine Heimat dem Hauptsiedlungsgebiet der Êzîden im Nord-Irak, durch den sogenannten Islamischen Staat IS überfallen worden war, Tausende Menschen ermordet und Hunderttausende fliehen mussten. Er fuhr mit einem Schlauchboot durch die Ägäis und absolvierte Gewaltmärsche über den Balkan bis nach Deutschland. Qosay durfte seine Eltern nachholen, sie kamen mit dem Flugzeug aus der Türkei. Qosay hat die Familie in Sicherheit gebracht, deshalb war er für sie ein Held. 

Qosays Freund berichtete, Qosay sei von Polizisten überwältigt worden und mehr als 15 Minuten mit Gewalt am Boden fixiert worden, er habe über Atemnot geklagt und um Wasser gebeten. Die herbeigerufenen Sanitäter erklärten den 19-jährigen für transportbereit. Zwei Polizisten hätten den großgewachsenen und mehr als zwei Zentner schweren Qosay mit Mühe aufgerichtet und dann an den Schultern zum Einsatzfahrzeug geschleift. Kaum war der 19-Jährige auf der Wache, fiel er ins Koma. 

Die Familie hat inzwischen Strafanzeige gestellt und beim UKE in Hamburg ein unabhängiges Obduktionsgutachten in Auftrag geben. Als Todesursache wird darin „sauerstoffmangelbedingtes Herz-Kreislaufversagen“ genannt. Qosays Körper zeigt „Zeichen stumpfer und schürfender Gewalteinwirkung“ auf. Das Gutachten zählt zahlreiche Läsionen und Einblutungen vom Kopf bis zu den Beinen auf. Ein Schneidezahn fehle, die Spitze der Zunge war abgebissen. 

In Delmenhorst ist ein ezidischer Jugendlicher ums Leben gekommen, weil die Polizei vollkommen unverhältnismäßige Gewalt angewendet hat. Rassismus spielt unserer Erfahrung nach immer wieder eine Rolle. Erst vor einem Jahr ist ein Jugendlicher aus Şengal, Arkan Hussein Khalaf, ums Leben gekommen, weil ein Rassist ihn mitten in der Innenstadt von Celle erstochen hat. Erst im September 2018 starb der 26-jährige Amed Ahmad an den Folgen eines Zellenbrands in der JVA Kleve. Seinem Tod vorangegangen war ein rassistischer Justizskandal. Der junge Kurde aus dem türkisch besetzten Efrîn saß unschuldig in Haft. Diese Jugendlichen sind vor Gewalt und Rassismus geflohen und fallen hier erneut dem Rassismus zum Opfer.

Als ezidische Gemeinschaft und als gesellschaftliche und politische Vertretungen fordern wir ein Ende des strukturellen Rassismus bei den Behörden in Deutschland, ein Ende rassistischer Stigmatisierung von Migrant*innen, Menschen mit Migrationsgeschichte und People of Colour in Medien und Politik. Der gesamte Vorgang um Qosays Tod muss weiter lückenlos aufgeklärt werden.

Unsere Gedanken sind bei der Familie von Qosay Khalaf, der wir für die kommende Zeit unser Beileid, Mitgefühl und viel Kraft mitteilen möchten."

Folgende Êzîdische Organisationen  unterzeichnen diese Forderung: 

SMJÊ Sîwana Meclîsên Jinên Êzdî / Êzîdischer Frauendachverband SMJÊ |

NAV-YEK Navenda Yekîtiya Komelên Êzîdiyan / Zentralverband der Êzîdischen Vereine e. V. |

HCÊ Hevgirtina Ciwanên Êzdî / Bündnis der Êzîdischen Jugend e. V. |

MŞD Meclîsa Şengal a derveyî Welat / Rat der Êzîden aus Şengal in Europa |

MCÊ Mala Êzîdiya Celle / Êzîdisches Kulturzentrum Celle e. V. |

NÇÊ  Navenda Çanda Êzîdxan / Ezidische Zentrum für Kunst und Kultur |

HÊS Hevbendîya Êzîdiyên Sûriyê / Allianz der Êzîden aus Syrien |

SMGÊ Sîwana Meclîsên Gundên Êzîdiyên
Bakur / Dachverband der Êzîdischen Dorfgemeinschaften |

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