BERLIN/CELLE. Die Europawahl hat es vor Augen geführt: Deutschlands Regionen entwickeln sich auseinander. Städte wählen anders als das Land, der Osten anders als der Westen. Aktuell steht das Thema Fachkräftemangel auf der politischen Agenda. Die Arbeitserlaubnis von Einwanderern wird jetzt per Gesetz geregelt. Wir haben in einer gemeinsamen Kooperation von CORRECTIV und CELLEHEUTE/LOKALHEUTE“ regionalisierte Daten analysiert, wie sich der Fachkräftemangel konkret vor Ort auswirkt und wie die Arbeitsmarktsituation im Vergleich zu den anderen Ausbildungsstufen aussieht.

Die interaktive Karte zeigt in absoluten Zahlen für jeden Kreis in Deutschland, in welchen Branchen besonders viele Kräfte fehlen bzw. in welchen Branchen besonders viele Arbeitnehmer einen Arbeitsplatz suchen. Sie erfahren hier, wie es im Landkreis Celle und in Niedersachsen im Vergleich aussieht.

SITUATION IN CELLE:

Wir haben den Sprecher der Agentur für Arbeit Celle, Benjamin Bauch, zur konkreten Situation befragt.

CORRECTIV.Lokal/LOKALHEUTE: In welchen Branchen werden händeringend Arbeitnehmer gesucht?

Bauch: „In den Potenzialanalysen (siehe PDF-Dateien unten Anm.d.Red.) sind die Trends erkennbar. Es handelt sich hier um Daten aus dem Portal des Statistikservices Nordost. Die Trends sind je nach Geschäftsstelle sehr deutlich. Für Hermannsburg werden lediglich Zahlen kleiner drei ausgewiesen, sodass keine Veröffentlichung vorliegt. Es handelt sich jeweils um die Markt- und Bewerbersicht.

CORRECTIV.Lokal/LOKALHEUTE: „Welche Qualifikationen sind im Landkreis gefragt?“

Bauch: „Im Allgemeinen ist es das Handwerk, Ausbildungsberufe in der Pflege sowie bekannte Mangelberufe in der Gastronomie und in Bäckereien, Fleischereien und Dienstleistungsberufen am Menschen. Die weiteren Trends sind in der Analyse mit dabei.“

CORRECTIV.Lokal/LOKALHEUTE: „Welchen Berufszweig sollte jemand anstreben, der in seiner ländlichen Heimat bleiben möchte?“

Bauch: „Wenn wir uns auf den Begriff ‚Beruf‘ einigen: Die Entscheidung, einen Beruf zu ergreifen, ist im Grundgesetz im Artikel 12 (das Grundgesetz von 1949 garantiert in Art. 12 Abs. 1 allen Deutschen sowohl die Freiheit der Berufswahl als auch die Freiheit der Berufsausübung) garantiert. Insofern entscheidet Eignung, Neigung und (Vor-) Bildung, welchen Beruf jemand erlernt oder ausübt. Die berufliche Beratung stützt hier immer auf die Fragestellung der Bewerber, wie die Chancen am Arbeitsmarkt stehen. Sofern jemand den örtlichen Arbeitsmarkt betrachtet und gern vor Ort seine berufliche Zukunft startet, sind die Potenziale entscheidend – die eigenen und die des Arbeitsmarktes.

Beispiel überspitzt: Ein Ägyptologe auf der Insel Sylt hat da wohl keine Zukunft. Am Lehrstuhl der Uni Freiburg wohl eher, doch ist die Stellenauswahl sehr begrenzt. Um seinen Neigungen und Fähigkeiten gerecht zu werden, ist ein Mindestmaß an beruflicher, aber auch regionaler Mobilität notwendig und sinnvoll. Dies gilt es in Einklang zu bringen. Dahingehend bietet die örtliche Agentur für Arbeit immer Beratung und Hilfestellung an.

CORRECTIV.Lokal/LOKALHEUTE: „In welchem Bereich sollte er fit sein, wenn er seine Zukunft in der benachbarten Großstadt sieht?

Bauch: „Auch hier kommt es immer auf die Arbeitsmarktbetrachtung an. Der erlernte Beruf und die beruflichen Ziele stehen im Vordergrund. Ist der Arbeitsmarkt auch in der Großstadt nicht aufnahmefähig oder sehr eng gesteckt, da viele Kräfte am Markt verfügbar sind, ist die Chancenabwägung essentiell.

CORRECTIV.Lokal/LOKALHEUTE: „In Köln waren 2018 im Monat durchschnittlich über 500 Stellen als Bus- oder Straßenbahnfahrer offen, obwohl im gleichen Zeitraum über 3000 Menschen eine Stelle in genau dem Bereich suchten. Selbst in einer Stadt mit relativ vielen Suchenden können Stellen nicht besetzt werden. In vielen Regionen kommen höchstens zwei Suchende auf eine Fachkräfte-Stelle. Wie sieht es in Celle aus?“

Bauch: „Das gibt es hier nicht, da berufliche Klassifikation und Angebot abgestimmt werden. Die eigene Meldung über die Jobbörse kann zu einem Ungleichgewicht führen, dies wird jedoch beobachtet und kann nicht zu solchen Entwicklungen wie in Köln führen.“

Erschwerend kommt nach LOKALHEUTE-Recherchen hinzu, dass es vor allem in Dienstleistungsbereichen zu Ungleichgewichten in der Statistik kommt. Nach dem berüchtigten „Griff in die Kasse“ oder anderer Fehlverhalten von Arbeitnehmern ist eine Stelle nur vermeintlich frei.

ÜBERBLICK:

Anders als in Köln sieht es z.B. in Thüringen aus: Im Kyffhäuserkreis kommen 75 Suchende auf ein
Stellenangebot, im bayerischen Ingolstadt zwei. Reden Politiker über Arbeitslosigkeit oder Zuwanderung, dürften Geringqualifizierte in Ingolstadt sie oft anders verstehen als im Kyffhäuserkreis.

Das „Mittelfeld“ trocknet aus: Die Lage arbeitssuchender Geringqualifizierter ist trotz langanhaltender guter Konjunktur erheblich schlechter als die der anderen Gruppen. Insbesondere bei Fachkräften herrscht in vielen Branchen großer Mangel an Arbeitnehmern. Es gibt viele Geringqualifizierte auf der einen und eine im Vergleich zu Fachkräften höhere Zahl an Akademikern auf der anderen Seite, die Arbeit suchen.

Die Zahl geringqualifizierter Arbeitssuchender ist mit rund zwei Millionen konstant hoch. Viele suchen vergeblich Arbeit, weil es in ihrer Region zu wenige Jobs für Ungelernte gibt. Ausgebildet hätten sie so gute Chancen wie lange nicht. Unternehmen müssten daher verstärkt Ältere ausbilden. Ohne Mindestlohn, die Weiterzahlung von Arbeitslosengeld oder andere Förderung ist das für viele Ältere aber nicht finanzierbar.

Der Arbeitsmarkt bleibt auf Zuwanderung angewiesen. Arbeitnehmer aus Nicht-EU-Ländern sollen durch das Fachkräfte-Einwanderungsgesetz, das jetzt verabschiedet werden soll, einen besseren Zugang in den Markt bekommen.

So lesen Sie die interaktive Karte:
Karte 1: Wie viele Arbeitssuchende kommen auf eine Stelle plus eine Liste der zehn Branchen mit den meisten unbesetzten Stellen. Im Vergleich zur Bundes- und Landesebene, für das Jahr 2018. Die Karte bietet eine Vergleichsfunktion nach Qualifikation der Berufe an.

Karte 2: Wie viele Arbeitssuchende kommen auf eine Stelle plus eine Liste der zehn Branchen mit den meisten Arbeitsgesuchen. Im Vergleich zur Bundes- und Landesebene, für das Jahr 2018. Die Karte bietet eine Vergleichsfunktion nach Qualifikation der Berufe an.

Karte 3: Wie viele Arbeitssuchende kommen auf eine Stelle. Im zeitlichen Verlauf von 2011, 2015 und 2018 auf Bundesebene.

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AKTUELLE PRESSEMELDUNG BUNDESAGENTUR FÜR ARBEIT – unzensiert und unkommentiert:

Nationale Weiterbildungsstrategie beschlossen –
Gemeinsam für eine neue
Weiterbildungskultur in Deutschland

Bund, Länder, Sozialpartner und Bundesagentur für Arbeit beschließen Nationale Weiterbildungsstrategie.

Mit der Nationalen Weiterbildungsstrategie legen Bund, Länder, Wirtschaft, Gewerkschaften und die Bundesagentur für Arbeit gemeinsam den Grundstein für eine neue Weiterbildungskultur. Damit gibt es zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland eine nationale Weiterbildungsstrategie.

Anlässlich der Vorstellung in Berlin sagte Anja Karliczek, Bundesministerin für Bildung und Forschung: „Die Vorstellung der Nationalen Weiterbildungsstrategie ist ein Meilenstein für die berufliche Weiterbildung in Deutschland. Wir wollen in Deutschland eine echte Weiterbildungskultur entwickeln. Weiterbildung im Beruf muss in der Zukunft zum Arbeitsalltag gehören. Die Weiterbildung muss so ausgestaltet sein, dass sie die Beschäftigten nicht überfordert, sondern sie motiviert, sich fortzubilden. So werden wir unter anderem in einem Innovationswettbewerb „Digitale Plattform Berufliche Weiterbildung“ modulare interaktive Lernplattformen entwickeln, die einen niedrigschwelligen Zugang zu lebensbegleitenden Weiterbildungsangeboten ermöglichen. Damit noch mehr Menschen eine Fortbildung in Angriff nehmen, werden wir das Aufstiegs-BAföG substantiell erhöhen. Um die Arbeitsmarktchancen von Personen ohne Berufsabschluss zu erhöhen, werden wir Verfahren der Bewertung und Zertifizierung informell erworbener Kompetenzen flächendeckend ausbauen, und eine bundesweit verbindliche Verankerung dieses Validierungsverfahrens anstreben. In den Betrieben sollen unter anderem Weiterbildungsmentoren die Weiterbildung der Kollegen unterstützen. Dies ist nur der Beginn einer längeren Offensive. Wir machen damit deutlich, welche Bedeutung die Weiterbildung für die Zukunft hat.“

Hubertus Heil, Bundesminister für Arbeit und Soziales, betonte: „Wenn wir die Chancen des digitalen Wandels nutzen wollen, muss Deutschland mehr in Qualifizierung und Weiterbildung investieren. Das ist der Dreh- und Angelpunkt, um die Beschäftigungsfähigkeit von Arbeitnehmern zu erhalten, Arbeitslosigkeit zu verhindern, bevor sie im Wandel entsteht und gleichzeitig die Fachkräftebasis zu sichern. Mit der Nationalen Weiterbildungsstrategie ist es gemeinsam mit konkreten Verabredungen zwischen Bund, Ländern, sowie Wirtschaft und Gewerkschaften gelungen, ein Signal des Aufbruchs zu setzen. Die Nationale Weiterbildungsstrategie erschöpft sich dabei nicht in abstrakten Absichtserklärungen, sondern liefert Impulse und ganz konkrete Maßnahmen – wie etwa einen grundsätzlichen Anspruch auf Nachholen eines Berufsabschlusses, die deutliche Stärkung der Weiterbildungsberatung durch die Bundesagentur für Arbeit und die Förderung von Weiterbildungsverbünden auf regionaler Ebene. Außerdem werden wir Maßnahmen wie staatlich geförderte Bildungszeiten prüfen – für neue und gute Arbeit von morgen.“

Ein wesentlicher Grundgedanke der Nationalen Weiterbildungsstrategie sei die Prävention, so Detlef Scheele, Vorstandsvorsitzender der Bundesagentur für Arbeit: „Berufliche Bildung, die den aktuellen Anforderungen entspricht, bietet den besten Schutz vor Arbeitslosigkeit. Mit dem Qualifizierungschancengesetz als Rahmen der Nationalen Weiterbildungsstrategie können wir Beschäftigte noch besser mit Weiterbildungsberatung und deren Betriebe mit finanziellen Förderleistungen unterstützen, damit Arbeitslosigkeit gar nicht erst entsteht. Wenn alle Partner ihre Stärken einbringen und diese gut miteinander verzahnen, können wir den Strukturwandel im Sinne der Menschen gestalten. Die Nationale Weiterbildungsstrategie ist dafür eine sehr gute Absprungbasis.

Mit der Nationalen Weiterbildungsstrategie bündeln Bund, Länder, Wirtschaft, Gewerkschaften und die Bundesagentur für Arbeit ihre Anstrengungen für Weiterbildung und Qualifizierung. Die Strategiepartner richten die Weiterbildung in Deutschland so aus, dass der Strukturwandel erfolgreich gestaltet werden kann, für jede und jeden Einzelnen als auch für die Wirtschaft und die Gesellschaft insgesamt. Sie setzen sich damit auch für eine neue Weiterbildungskultur in Deutschland ein, die Weiterbildung als selbstverständlichen Teil des Lebens versteht. Auf diese Weise sollen alle Erwerbstätigen der Gegenwart und Zukunft dabei unterstützt werden, ihre Qualifikationen und Kompetenzen im Wandel der Arbeitswelt weiterzuentwickeln.

Mit dem Fokus auf berufliche Weiterbildung werden die Strategiepartner Weiterbildungsangebote sowie Fördermöglichkeiten für alle transparenter und leichter zugänglich machen sowie erweitern. Personengruppen mit einer unterdurchschnittlichen Weiterbildungsbeteiligung sollen eine besondere Unterstützung erfahren, ebenso kleine und mittlere Unternehmen, die keine großen Personalabteilungen haben, um Weiterbildungskonzepte zu entwickeln.

Die Nationale Weiterbildungsstrategie ist ein zentrales Vorhaben des Koalitionsvertrages und ein inhaltlicher Schwerpunkt der Fachkräftestrategie der Bundesregierung. Die Partner der Nationalen Weiterbildungsstrategie werden diese im kontinuierlichen Austausch umsetzen. In einem Gremium, das regelmäßig tagt, werden die Umsetzungsaktivitäten koordiniert und vernetzt. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) wird vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) und vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) beauftragt, den Umsetzungsprozess der Strategie mit einem Länderbericht zur beruflichen Weiterbildung in Deutschland fachlich zu begleiten. Im Jahr 2021 wird ein gemeinsamer Bericht vorgelegt werden, mit dem der Umsetzungsstand und die Handlungsziele der Nationalen Weiterbildungsstrategie überprüft und ggf. weiterentwickelt werden.

„Diese Recherche ist Teil einer Kooperation von LOKALHEUTE/CELLEHEUTE mit CORRECTIV.Lokal, einem Netzwerk für Lokaljournalismus, das datengetriebene und investigative Recherchen gemeinsam mit Lokalpartnern umsetzt. CORRECTIV.Lokal ist Teil des gemeinnützigen Recherchezentrums CORRECTIV, das sich durch Spenden von Bürgern und Stiftungen finanziert. Mehr unter correctiv.org.“

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