Fachvortrag der Backhaus Kinder- und Jugendhilfe über fetale Alkoholspektrum Störung

Wissenschaft Von Redaktion | am Do., 20.06.2019 - 10:40

CELLE. Die erste Vorsitzende des FASD-Deutschland e.V. und "Profimutter", Gisela Michalowski fand sich kürzlich im Pädagogischen Zentrum der Backhaus Nord GmbH & Co. KG (BKJH) in Celle ein, um über ein Thema zu sprechen, das laut der Backhaus Kinder- und Jugendhilfe weit mehr Pflegefamilien und Erziehungsstellen betrifft, als allgemein angenommen wird: Die fetale Alkoholspektrum Störung kurz FASD (Fetal Alcohol Spectrum Disorder). FASD gilt laut der World Health Organisation (WHO) als die häufigste Ursache einer geistigen Behinderung in der Welt und wird definiert als Schädigung des Kindes, die durch Alkoholkonsum der Mutter während der Schwangerschaft entsteht.

Am Vormittag lauschten die MitarbeiterInnen von Erziehungsstellen der Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung sowie einige Pflegeeltern und zugehende Erzieher in den Familien den Worten von Gisela Michalowski. Sie nahm vor dreißig Jahren drei junge Menschen mit FASD in ihre eigene Familie auf und befasst sich seither intensiv mit dem Thema Alkoholschädigung in der Schwangerschaft und den entsprechenden Auswirkungen auf die jungen Menschen und das gesamte Familiensystem.

"Trotz der weiten Verbreitung dieser Behinderung werden viele Diagnosen nicht oder erst sehr spät gestellt", so die Vorsitzende von FASD-Deutschland e.V.. Sie berichtete aus ihrer Erfahrung und wies darauf hin, dass Menschen mit FASD häufig ernste Probleme mit AD(H)S, Impulsivität, Wahrnehmungen und Gedächtnis haben, die nicht nur die Betroffenen selbst, sondern darüber hinaus auch die Geschwisterkinder und Eltern des Kindes oder Jugendlichen vor große Herausforderungen stellen. Sie machte während ihres Vortrages an mehreren Stellen beispielhaft deutlich, dass die größten Probleme der Betroffenen in der Bewältigung des ganz normalen Alltags liegen. Während viele der physischen Merkmale von FASD mit der Pubertät weniger würden, würden Verhaltens- und emotionale Probleme mit der Pubertät deutlicher.

Umso wichtiger sei eine genaue Diagnostik, um den jungen Menschen gezielt Hilfe anbieten zu können und früh Möglichkeiten für eine positive Entwicklung schaffen zu können: „Wissen die Eltern nicht von der Behinderung ihres Kindes, können falsche Erwartungen an das Kind zu Verwirrung und Verzweiflung auf beiden Seiten führen.“ Die Referentin berichtet von besonderen Kennzeichen, welche die Gesichter der FASD-Kinder prägen. „Diese Kinder weisen häufig eine abnormal kleine Kopfform, eine vorgewölbte Stirn, enge Lidspalten, hängende Oberlider und eine Hautfalte in den mittleren Augenwinkeln auf. Auch ein fliehendes Kinn und tief angesetzte, nach hinten rotierende Ohren können erste physische Hinweise sein, dass eine FASD vorliegen könnte.“ Die Diagnostik gestalte sich jedoch schwierig, so die Pädagogin, da gerade bei Adoptiv- und Pflegekindern der mütterliche Alkoholkonsum oft nicht belegt werden könne.

Erst das Zusammenspiel mehrerer Faktoren biete sichere Hinweise für die Diagnostik der unter dem Oberbegriff FASD zusammengefassten Diagnosen. Insbesondere von der Referentin gezeigte Bilder von Betroffenen sowie ihre genauen Beschreibungen des auffälligen Verhaltens bewirkten bei den Zuhörern emotionale Reaktionen und viele Rückfragen. Die Teilnehmer der Veranstaltung zeigten sich vom Vortrag der Referentin begeistert und von den Inhalten der Präsentation gefesselt und erstaunt, jedoch auch nachdenklich. Die Pädagogen, die größtenteils in Erziehungsstellen arbeiten, berichteten, dass sie einige Verhaltensweisen und Merkmale der aufgenommenen Kinder wiedererkannt hätten. Auch nach dem eigentlichen Vortrag nahm sich die Referentin noch Zeit, um mit Einzelnen genauer ins Gespräch zu gehen. Gisela Michalowski berichtete, dass einige der Zuhörer sich im Nachhinein für eine Diagnostik der jungen Menschen entschieden hätten.
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