Wo Geschichten und Geschichte wohnen – Deutscher Fachwerkpreis für zwei Celler Häuser

Gesellschaft Von Anke Schlicht | am Mi., 21.10.2020 - 08:11

CELLE. Als „außerordentlich und sensibel“ wird der von Dirk Sonemann und Dörte Hirschfeld angewandte Stil der Sanierung in der Laudatio zur Verleihung des Deutschen Fachwerkpreises 2020 beschrieben. Wer sich das frühere Handwerkerhaus aus dem Jahr 1590 in der Bergstraße 12 von außen und innen anschaut, weiß, was die Jury der Arbeitsgemeinschaft Deutsche Fachwerkstädte e.V. sich bei dieser Formulierung gedacht hat.

Die Preisträger haben ein Haus wieder zum Leben erweckt, das seinen Charakter im Laufe der Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts eingebüßt hatte. Vieles von dem, was die typische Fachwerkbauweise ausmachte, war stark beschädigt, überbaut, verkleidet oder komplett getilgt worden. Ein großes Schaufenster neben einer Gittertür bildeten den Eingangsbereich des nur fünf Meter breiten und zwölf Meter tiefen Gebäudes. Als es im Jahr 2013 im Auftrag der über die ganze Welt verstreuten 26-köpfigen Erbengemeinschaft zur Besichtigung freigegeben wurde, hieß es von Seiten der zahlreichen Interessenten „Oh, je“, angesichts des Mangels an allem, was heutzutage als Wohnstandard gilt. Nur eine Reaktion fiel anders aus: „Wow, ist das ein tolles Haus“, begeisterte sich Dörte Hirschfeld von der ersten Minute an. „Es ist charakteristisch und typisch für dieses Haus, dass alles so krumm und schief ist“, beschreibt die Betreiberin des Geschäftes „Alter Provisor“ den aktuellen Zustand nach rund sechsjähriger Sanierung. Für das Ergebnis wurde den beiden Cellern nun der dritte Platz von der Arbeitsgemeinschaft Deutsche Fachwerkstädte e.V. zugesprochen. Achtzehn Eigentümer aus dreizehn Städten beteiligten sich an dem Wettbewerb. Ein weiteres Objekt der Altstadt gehört ebenfalls du den Ausgezeichneten: Erika Dopheide erhielt einen Sonderpreis für die sorgfältige Sanierung und den Ausbau von zeitgemäßen Wohnungen in der Prinzengasse 1.

Prämiert werden seit dem Jahr 2000 alle vier Jahre beispielhafte Sanierungen von Fachwerkgebäuden nach den Kriterien handwerkliche Qualität, Einhaltung der denkmalpflegerischen Zielstellungen, Energiesuffizienz, Einfügen in das Straßen- und Ortsbild sowie Nutzung und Umnutzung. Beim Letztgenannten bleiben die Bronzemedaillengewinner der Historie ihres Objektes treu. Die gesamte Bergstraße war früher eine Handwerkermeile, so auch die Nummer 12, wo Schneider, Schuster, Maler, Knochenhauer, Steinmetze und Bäcker wohnten und arbeiteten. Es wurde gewerkelt, und diese Tradition setzt Dörte Hirschfeld fort: „Ich bin immer im Labor“, sagt sie während eines Besuches. Sie stellt den Kräuterlikör „Alter Provisor“ nach einem überlieferten Rezept selbst her. Holzwände mit großem Glaseinsatz schirmen die Brauküche von den Bereichen ab, die zum Durchstöbern eines breitgefächerten Warensortimentes einladen. Hinterhof, Remise, kleine verwinkelte über knarrende Stufen zu erreichende Räume mit niedrigen Decken – der bauliche Rahmen und die Präsentation der nostalgischen Produkte sind so harmonisch und bis ins kleinste Detail aufeinander abgestimmt, dass eine Visite im „Alten Provisor“ einer Zeitreise gleichkommt. „Ich lebe seit meinem 12. Lebensjahr mit alten Dingen, ich liebe alles, was alt ist und Geschichte hat“, berichtet die frühere Mitarbeiterin der ebenfalls sehr traditionsreichen Ratsapotheke in der Celler Altstadt. Und sie interessiert sich für die Geschichten, die diese Zeugen einer längst vergangenen Zeit erzählen könnten und teilweise tatsächlich preisgeben. Die Lebenswelt der einstigen Bewohner rückt so nah heran in der Bergstraße Nummer 12, dass ein Band geknüpft wird zu denen, die hier mal waren. Eine Wand im oberen Stockwerk wollten die Bauherren rausnehmen, damit das Büro ein wenig größer würde, zum Vorschein kam eine kleine Tür, deren Beschaffenheit zeigte, wie knapp Material war, wie man sich mit Reststücken behalf, um abzudichten. Die Wand blieb stehen, die Tür mit ihren Gebrauchsspuren vergangener Tage ist Teil des heutigen Arbeitsbereiches. Dass sich der Charme und die Atmosphäre, die Dörte Hirschfeld so sehr schätzt an der denkmalgerecht instandgesetzten Immobilie, wieder entfalten konnte, ist auch ein Ergebnis des Recyclings gebrauchter Materialien. „Wir haben den alten Lehm wieder eingesumpft“, gibt die Ladeninhaberin ein Beispiel für den Grad an Originaltreue. Die Innenwände wurden mit Lehm verputzt, als Dämmstoff dient ökologische Holzwolle, die Restaurierung der Eichenfachwerkkonstruktion erfolgte mithilfe überlieferter Zimmermannstechniken, die farbliche Gestaltung der Fassade zur Straße hin ist gebunden an die Vorgaben des Denkmalschutzes. Hier wird noch nachgebessert. Dirk Sonemann ist von Beruf Bauingenieur, einen Schwerpunkt seines Architekturbüros bildet ökologische Sanierung. Dieses kam dem Projekt natürlich sehr zu Gute. Würde er das Faible seiner Partnerin jedoch nicht teilen, wäre dieses besondere Kleinod inmitten der Altstadt wohl nicht entstanden: „Wir mögen beide das Alte“, fasst Dörte Hirschfeld in Worte, was das Haus an der Bergstraße 12 bis in den letzten Winkel hinein ausstrahlt.

Dass es bewahrt wurde vor Abbruch und Verschandelung mag auch zurückgehen auf eine absolute Rarität, die während der ausgezeichneten Sanierungsarbeiten zum Vorschein kam. Es fanden sich Löcher ohne baulichen Zweck in einem Fachwerkbalken, jedes birgt einen Gegenstand hinter einem Verschluss aus Holz. Man versuchte, das Haus zu schützen vor der Pest und anderem Unheil mit Hilfe eines sogenannten Hausschutzzaubers.

Wer an Magie und Mythen glaubt, könnte meinen, dieser Zauber würde nun – nach Jahrhunderten – seine Wirkung voll entfalten.