Geheimnisvoll, beunruhigend, explosiv – „Farbe spüren“ im Kanzleicafé

Kunst Von Anke Schlicht | am So., 25.07.2021 - 15:59

CELLE. Wer eher dem Dekorativen zugeneigt ist, kann Udo Strohmeyers Werken vermutlich wenig abgewinnen. Ihnen wohnt etwas Beunruhigendes, Irritierendes, auch Explosives inne, sie lassen nicht zur Ruhe kommen. Und doch ist es auch für eher nach Harmonie strebende Gemüter schwer, den Blick abzuwenden, so viel gibt es zu entdecken in den abstrakten Ölbildern. Aber darauf zielt der seit 2010 in Celle lebende Bildende Künstler Udo Strohmeyer gar nicht so sehr ab. Es ist die Farbe, die ihm wichtig ist. „Farbe spüren“ heißt daher die gestern eröffnete Ausstellung im Kanzlei-Café.

„Der Betrachter soll durch Farbe berührt werden, denn Farbe ist für mich Träger von Emotionen“, sagt Strohmeyer, der Mitglied des Bundes Bildender Künstler Celle ist. Seine Ausbildung erhielt er an der Anthroposophischen Hochschule für Geisteswissenschaft in Dornach in der Schweiz. „Dort wurde durch intensive Studien meine Beziehung zur künstlerischen Gestaltung und zur Farbe geprägt“, berichtet der Maler aus seiner Biographie. Die Zahl der Exponate im Kanzleicafé ist überschaubar, eines wurde direkt am Eröffnungstag verkauft. Wer an dieser Art von Kunst interessiert ist, hat bis Mitte/Ende Oktober Gelegenheit, sie sich anzuschauen. Danach wird es sie in der Öffentlichkeit nicht mehr geben. „Ich bin mit dieser Vermaltechnik bekannt geworden, aber mittlerweile habe ich mich anderen Herausforderungen zugewandt“, erzählt der Künstler, der auch viel Zeit auf sein ehrenamtliches Engagement im soziokulturellen Bereich verwendet. Mit Kindern und Jugendlichen gestaltet er Flächen im öffentlichen Raum. „Das ist mir wichtig und hat mich geprägt“, sagt das frühere Mitglied des Ateliers 22. In ganz Norddeutschland hat er Wände in abstrakter und gegenständlicher Form gestaltet. Die jüngste Arbeit dieser Art findet sich in der Celler Altstadt, eine gemeinsam mit Horst G. Brune bemalte Lifaßsäule im Rahmen des „Celler Kultursommer“-Projekts „Kunst Allerorts“ macht den Eingang zum Künstler-Café unübersehbar. Typisch für seine neueren Werke ist die Rakeltechnik, deren bekanntester Vertreter Gerhard Richter ist. „Erfunden hat sie jedoch sein Lehrer Karl Otto Götz“, erläutert Strohmeyer. Auch hier kommt der Farbe wie bei den aktuell zu betrachtenden Werken im Café eine große Bedeutung zu.

„Die Bilder strahlen durch die Anordnung der Farbwahl etwas Geheimnisvolles aus, auf diesen Leinwänden entfaltet sich ein Feuerwerk vibrierender Farbpaletten, denen man nachspüren kann“, sagt Horst G. Brune in seiner Ansprache im großzügigen Garten des Kanzlei-Cafés. Lange hatte Brune sein Atelier neben Strohmeyer und konnte beobachten, wie geduldig und akribisch sein Künstlerkollege die Farbverläufe übergangslos ohne Rand oder Kante von einer Farbe unmerklich in die andere wechselt und verschmilzt bzw. aus einer Farbfläche eine neue entsteht. „Ich habe ihn so manche Stunde mit einem feinen Pinsel tupfen oder wischen sehen, bis er mit dem übergangslosen Farbverlauf zufrieden war“, blickte Brune kurz zurück in vergangene Zeiten, denen die Werke der Ausstellung entstammen. Nur zwei haben einen Titel, „Game over“ und „Castle“. Wer schauen möchte, ob er hinter dem Letztgenannten das Celler Schloss entdeckt, hat dazu Gelegenheit:

Di – Sa von 9 – 17 Uhr, Kanzleicafé, „Farbe spüren“, vom 24. Juli bis Mitte/Ende Oktober.