Fehlerhafte Selbsttests: Über 40 Menschen in Quarantäne - "Sicher, dass wir nicht sicher sind"

Gesellschaft Von Peter Fehlhaber | am Mi., 05.05.2021 - 21:24

LACHENDORF/CELLE. Für 43 Menschen hatte das Gesundheitsamt des Landkreises Celle nach einer Konfirmation in Lachendorf eine zehntägige Quarantäne angeordnet (CELLEHEUTE berichtete). Jetzt stellt sich heraus, dass die vorher angewandten Schnelltests die Teilnehmenden getäuscht hatten - in allen Fällen seien sie fehlerhaft gewesen. Die Unzuverlässigkeit ist den Behörden bekannt, dennoch wollen sie an ihnen festhalten.

Das sagt eine Betroffene: "Die Infektion hatte ihren Ursprung in der Schulklasse unserer Tochter, deren Tischnachbar positiv auf Corona getestet wurde. Daraufhin wurde unsere gesamte Familie zu einem Coronatest verpflichtet. Mit dem Ergebnis, dass drei von vier Familienmitgliedern positiv auf die britische Mutante getestet wurden. Die Testergebnisse verwunderten uns trotz allem, da wir alle regelmäßig von Arbeitgeber, beziehungsweise von der Schule getestet wurden, die bis zum Vortag des angeordneten PCR-Test negativ waren.

Wir bekamen die Anweisung, uns in eine 14 Tage Quarantäne zu begeben und wurden verpflichtet, eine Kontaktliste abzugeben. Nach und nach wurden uns die Testergebnisse von unseren Kontaktperson bekanntgegeben. Obwohl unsere Kontaktliste aus beruflichen und sozialen Gründen umfangreich war, gab es nicht einen weiteren positiven Fall. Da wir als Familie keinerlei Symptomatik aufwiesen, waren die ausschließlich negativen Ergebnisse unserer Kontaktpersonen durchaus ein Grund mehr, uns Gedanken über unsere Infektion zu machen. 

Wir machten verschiedene Schnelltests von verschiedenen Anbietern, in allen Phasen der Erkrankung. Nicht einmal erzielten wir ein positives Ergebnis. Da wir nun wieder sehr unsicher waren, befragten wir Apotheker, Ärzte und Hersteller dieser Tests. Die Gespräche waren zwar informativ, erklärten aber nicht die Testergebnisse. 

Wir sind entsetzt! Diese Schnelltests gaben uns immer ein sicheres Gefühl. Es waren diese Tests, die uns suggerierten, genug getan zu haben, um beruhigt am Alltag in Schule und Beruf teilzunehmen, aber auch beruhigt, um beispielsweise unsere Großeltern und Vorerkrankte zu besuchen. Unsere Erlebnisse als Betroffene in der Praxis mit den Schnelltests haben uns nachdenklich zurückgelassen. 

Wir alle, die wir Verantwortung für unsere Familien, Freunde und Kollegen übernehmen, sollten die Gefahren dieses Virus ernst nehmen. Daher ist es unerlässlich, zu jeder Zeit auf die Informationen und auf das empfohlene Equipment der verantwortlichen Institutionen vertrauen zu können. Wir sind uns nun sicher, dass wir nicht sicher sind."

CELLEHEUTE fragte die zuständigen Behörden:
- Wie bewerten Sie die Sinnhaftigkeit von Schnelltests?
- Warum halten Behörden trotz dieser Fehlerquote, in diesem Fall 100 %, an der Verpflichtung fest?
- Warum wurde der PCR-Test nicht wiederholt, wenn sämtliche(!) Schnelltest-Ergebnisse negativ waren? 
- Warum hat das Gesundheitsamt nicht entsprechend reagiert? 
- Wie hoch ist nach Ihren Erkenntnissen die Fehlerquote bei welchen Tests -  sowohl falsch negativ als auch falsch positiv?
- Wie hoch ist diese bei PCR Tests? 
- Je nach Quelle gibt es dazu extrem abweichende Daten - wie erklären Sie sich das?



Der Landkreis Celle schreibt dazu, unzensiert und unkommentiert:

Wie der Betroffener schreibt, hatten sie keine Symptome. Daher ist es gut möglich, dass die Viruslast nicht so hoch war (was nebenher gesagt auch sehr erfreulich für die Familie ist). Die Schnelltest sind, wie auch schon oft gesagt, ungenau, deshalb ist der PCR-Test, der als Goldstandard zum Nachweis gilt, unbedingt notwendig. Daher sind Schnelltest auch nur eine zusätzliche Hilfe, entbinden aber nicht vom Abstandhalten und den Hygieneregeln.

Sie sind aber nützlich als eine weitere Säule zur Sicherheit. Laut der Auswertung des Kultusministeriums zur zweiten Testwoche (KW 16; 19.04.2021-23.04.2021) wurden bei Schülerinnen und Schülern 667 positive Selbsttest-Ergebnisse ermittelt, von welchen 495 in der PCR-Nachtestung auch bestätigt wurden. 71 positive Selbsttestungen Schulbeschäftigter wurden in 39 Fällen durch PCR-Tests bestätigt.

Auch wir haben immer wieder positive Schnelltests, die sich in der PCR dann nicht bestätigen (falsch-positiv). Ebenso positive Schnelltests, die sich in der PCR bestätigen. Eine gesonderte Statistik hierüber führt der Landkreis Celle nicht, weil auch nach positivem PoC-Antigen Schnelltest z.B. auch Ärzte PCR-Tests durchführen und negative PCR-Testergebnisse nicht an den Landkreis gemeldet werden.

Generell muss man sicherlich auch unterscheiden, ob es sich um Laien-Selbstteste oder um durch „Fachkräfte“ abzunehmende PoC-Antigen-Schnellteste handelt.

Abgesehen davon entscheidet nicht der Landkreis Celle über das Durchführen von Schnelltests in Schulen, sondern die Landesregierung. Daher müssen die Schulen diese Test durchführen.

Eine abschließende Beurteilung des unten geschilderten Geschehens ist auf Grund nicht vollständiger Informationen von hier aus nicht möglich.

Das Niedersächsische Ministerium für für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung schreibt, unzensiert und unkommentiert:

Wenn Personen im PCR-Test positiv getestet wurden und keine Symptome auftraten, ist es auch denkbar, dass hier eine länger zurück liegende, abklingende Infektion aufgedeckt wurde. Der PCR-Test kann auch noch positiv sein, wenn die getestete Person längst nicht mehr infektiös ist. In diesen Fällen ist dann ein negativer Antigentest zu erwarten.

Unabhängig von dem geschilderten Verlauf können die gestellten Fragen wie folgt beantwortet werden.

- Wie bewertet das Ministerium die Sinnhaftigkeit von Schnelltests?

Da mit Beginn der dritten Infektionswelle der überwiegende Teil der Bevölkerung noch nicht gegen SARS-CoV-2 geimpft und gleichzeitig ein Anstieg der Fallzahlen zu beobachten ist, bleiben nicht-pharmazeutische Maßnahmen wichtige Bausteine, um das Infektionsgeschehen zu kontrollieren. Zusätzlich zu den bestehenden Verhaltensregeln Abstand – Hygiene – Maske und Lüften, kann ein erweitertes Testkonzept, das auch die breite Testung von symptomfreien Personen mit einbezieht, zur Pandemiebekämpfung beitragen, indem es die Erkennung von Infektionen und so die Unterbrechung von Infektionsketten ermöglicht. Vgl. https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Archiv/2021/17/Art_01.html;jsessionid=1618591810414E6384E4EEBCB262C8F4.internet051?nn=13490888

Ein negatives Ergebnis im Antigentest schließt eine Infektion nicht aus, insbesondere, wenn eine niedrige Viruslast vorliegt, wie z. B. in der frühen Inkubationsphase oder ab der zweiten Woche nach Symptombeginn bzw. in der späten Phase der Infektion. Dies ist bei der Definition von Einsatzgebieten und bei der Interpretation negativer Ergebnisse zu berücksichtigen. Vgl. https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Vorl_Testung_nCoV.html;jsessionid=1618591810414E6384E4EEBCB262C8F4.internet051?nn=13490888)

- Warum halten Sie trotz dieser Fehlerquote, in diesem Fall 100 %, an der Verpflichtung fest?

Tests alleine bieten keine 100-prozentige Sicherheit. Personen mit einer hohen Viruslast (hohe Infektiosität) werden in korrekt durchgeführten Schnelltests mit sehr großer Wahrscheinlichkeit erkannt. Dabei ist diese Erkennungsrate maßgeblich nicht nur von der Qualität des verwendeten Tests, sondern auch von der Sorgfalt bei der Probenentnahme abhängig. Es wird davon ausgegangen, dass Antigen-Schnelltests zur Erkennung sonst nicht erkannter infizierter Fälle beitragen.

- Warum konnte der PCR-Test nicht wiederholt werden, wenn sämtliche(!) Schnelltest-Ergebnisse negativ waren?

Das ist von hier aus nicht zu beurteilen. Vermutlich wurde kein erneuter PCR-Test vorgeschlagen, weil sich aus dem Ergebnis keine Konsequenzen für die Maßnahmen ergeben hätten. Die Quarantäne für enge Kontaktpersonen kann durch negative Testergebnisse nicht verkürzt werden.

- Wie hoch ist nach Ihren Erkenntnissen die Fehlerquote bei welchen Tests -  sowohl falsch negativ als auch falsch positiv?

Berechnungen zu falsch positiven und falsch negativen Testergebnissen in Abhängigkeit von den Testparametern des angewandten Tests und der Vortestwahrscheinlichkeit sind hier zu finden https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Infografik_Antigentest_Tab.html

- Wie hoch ist diese bei PCR Tests?

Der PCR-Test ist der sicherste unter den Corona-Tests. Mittels PCR-Test kann in einer Probe aus den Schleimhäuten der Atemwege zuverlässig nachgewiesen werden, ob Erreger vorhanden sind.

Beim PCR-Test handelt es sich um ein Standardverfahren in der Diagnostik von Viren. Der Test beruht auf der sogenannten Polymerase-Kettenreaktion (polymerase chain reaction, PCR). Dabei wird Erbmaterial des Virus vervielfältigt. Dadurch gelingt es, Viren nachzuweisen, auch wenn erst wenige Erreger vorhanden sind. Der PCR-Test hat also eine hohe Sensitivität – er weist das Virus mit einer hohen Treffsicherheit nach. Zudem wird gezielt nur das Erbmaterial des Coronavirus SARS-CoV-2 vervielfältigt. Der Test hat damit eine hohe Spezifität, weist also genau das gewünschte Virus nach.

Falsch negative Ergebnisse bei PCR-Tests können insbesondere dann auftreten, wenn die Probenentnahme nicht korrekt durchgeführt wurde oder der Transport ins Labor unter ungeeigneten Bedingungen erfolgte.

Falsch positive Testergebnisse sind äußerst selten.

Möglicher Fehlerquellen können eher abseits der Labordiagnostik liegen, wie z.B. bei Verwechslung von Proben oder falscher Zuordnung des Befundes.

- Je nach Quelle gibt es dazu extrem abweichende Daten - wie erklären Sie sich das?

Bei unterschiedlichen Daten sind oft die Bezugsgrößen und die Definition des Begriffs „Fehler“ unterschiedlich. Die Angaben zur Sensitivität und Spezifität eines Tests umfassen in der Regel nur die Analytik einer „optimalen“ Probe. Zusätzlich sind weitere Parameter für die Ergebnisqualität bedeutsam: zum Beispiel der Zeitpunkt der Probenahme (in Bezug auf den Infektionszeitpunkt), die Temperatur bei der Testdurchführung, die Qualität des entnommenen Materials.

Der gesamte Prozess von der Probenentnahme bis zum zugestellten Befundergebnis beinhaltet weitere Aspekte (z.B. Probentransportbedingungen, Beschriftung, Zuordnung, Befundung), die zu fehlerhaften Ergebnissen führen können.

Berechnungen zu falsch positiven und falsch negativen Testergebnissen in Abhängigkeit von den Testparametern des angewandten Tests und der Vortestwahrscheinlichkeit sind hier zu finden https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Infografik_Antigentest_Tab.html

Hinweise zur Testungen finden sich außerdem hier: https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Vorl_Testung_nCoV.html;jsessionid=1618591810414E6384E4EEBCB262C8F4.internet051?nn=13490888

Eine ausführliche Diskussion dieser Thematik ist hier zu finden: https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Archiv/2021/17/Art_01.html;jsessionid=1618591810414E6384E4EEBCB262C8F4.internet051?nn=13490888

 

Der Kirchenkreis Celle schreibt dazu, unzensiert und unkommentiert:

„Wir verlassen uns bei unseren Hygienekonzepten auf die bewährten Maßnahmen mit Abstand und Masken, Tests spielen bei unseren Gottesdiensten keine Rolle. Im Gegenteil weist die Landeskirche seit Beginn der breit angewendeten Tests auf die geringe Verlässlichkeit der Antigentests hin und warnt davor, ein negatives Ergebnis als Sicherheit oder Infektionsfreiheit zu deuten und dann womöglich mit den Hygienemaßnahmen nachlässig zu werden. Wir empfehlen dem RKI folgend die persönliche regelmäßige Testung als zusätzliches Element der Eindämmung und raten von einer sporadischen, anlassbezogenen Testung ab.“