Expressiv intensiv – Freie Bühne Wendland zu Gast beim Celler Kultursommer

Theater Von Anke Schlicht | am Di., 22.06.2021 - 15:59

CELLE. Der Schauplatz dieser „Geschichte einer Tigerin“ scheint sehr weit weg für das Publikum des gestrigen Abends im Theaterzelt im Schlosspark, das der Einladung des Kinos achteinhalb als Veranstalter gefolgt war. Was soll man anfangen mit diesem Soldaten der vierten Armee in seinem schmucklosen Khaki-Outfit und seinen Erzählungen über die Grausamkeit des Krieges, zwischendrin fallen chinesische Namen von Befehlshabern – so unaussprechlich wie unbekannt. Wer kämpft da wo gegen wen und warum?

Und doch möchte man vom ersten Moment des Erscheinens dieses kleinen, feingliedrigen Protagonisten keine Sekunde verpassen von dem, was er zu berichten hat. Die Bühne bietet nichts als eine grüne rechteckige Liege. In diesem Monolog von Dario Fo, inszeniert von Caspar Harlan von der Freien Bühne Wendland, zählt nur das Wort, die Mimik, die Gestik. Einen kleinen Hinweis gab Harlan den Zuschauern kurz vor dem Start: „Der Tiger hat im Chinesischen eine allegorische Bedeutung, er steht für ‚Widerstand leisten‘.“ Dario Fo hätte es dabei nicht belassen, er hielt stets eine kleine Ansprache, bevor der Vorhang sich hob, aber Harlan informierte zwar über diese Tradition, hielt sich aber nicht daran, sondern rief nur kurz: „Es lebe das Theater!“ Und schon war er weg und ließ das Publikum allein mit dem Reim auf dieses außergewöhnliche Stück.

„Ich habe gejammert und nach meiner Mutter gerufen“, erzählt Kerstin Wittstamm in der Hauptrolle oder „Wir sterben, sterben, sterben!“ oder „Mit mir ist es aus!“ Nein, soweit wird’s nicht kommen, da ist etwas in der Darstellung, das diesen Sätzen den Schrecken nimmt, ein Anflug von Sarkusmus und Schalk unterlegen sowohl den Inhalt des Monologs als auch das Spiel. Die Kameraden lassen den verwundeten Soldaten zurück, sintflutartige Regenfälle spülen ihn in das Zuhause einer Tigerin mit ihren beiden Jungen. Eines ist ertrunken, die Tigermama hat so viel Milch, dass sie den an Wundbrand erkrankten Kämpfer nötigt, sich zu bedienen. „Mit der Muttermilch aufsaugen“ – Kerstin Wittstamm setzt die Metapher bravourös, weil völlig uneitel, in Szene. „Wenn man dann den Widerstandsgeist an die Kinder weitergibt“, hatte Harlan kurz vorm Abgang noch hinzugefügt. Das eben noch so Fremdartige in fernen Gegenden, das Distanz zum Geschehen schafft, rückt plötzlich ganz nah heran. Der Soldat fühlt sich allein gelassen, wenn die Tigerin lange wegbleibt, er muss ihr zeigen, wer hier Herr im Hause ist, er schimpft und verzeiht.

Was ist es, das so sehr fesselt, das Publikum am Ende stehend applaudieren lässt? Die Geschichte einer Tigerin? Das expressive, berührende und faszinierende Spiel von Kerstin Wittstamm? Alle Fragen offen, fest steht lediglich: Die Freie Bühne Wendland hat dem Celler Kultursommer eines beschert: Theater in Reinkultur – intensiver geht es kaum.

Am 14. und 15. August gastiert die Freie Bühne Wendland noch einmal in Celle mit dem Erfolgsstück: „Emmas Glück“, in zehn Rollen: Kerstin Wittstamm, Regie Caspar Harlan.