Friedenskundgebung vor Rheinmetall mit Schauspielstar

Gesellschaft Von Anke Schlicht | am Di., 11.05.2021 - 15:18

UNTERLÜSS. Den Teilnehmern der Aktionärsversammlung Rheinmetall am heutigen späten Vormittag dürfte bei ihrer Videoschalte kein Kanonendonner an die Ohren gedrungen sein. Für die zeitgleich abgehaltene Friedenskundgebung und Mahnwache im „Live-Format“ vor dem Rheinmetall-Werk in Unterlüß bildete er jedoch den akustischen Hintergrund. Die Friedensaktion Lüneburger Heide hatte anlässlich der zum zweiten Mal online stattfindenden Aktionärsversammlung zu der Gegen-Veranstaltung eingeladen und 40 Menschen kamen ihr nach.

„Rheinmetall Defence“ steht in großen Lettern am Gebäude des Rüstungsproduzenten geschrieben. In den Reden, kurzen Ansprachen und Liedern von Hannes Wader geht es weder um Verteidigung noch Angriff, es geht um Krieg und seine verheerenden Auswirkungen. „Broterwerb hier, Brotverderb dort“, bringt die erste Rednerin, Veronika Hüning von pax christi, auf eine kurze Formel, wogegen sie sich wendet. „Die Aktien von Rheinmetall sind blutgetrübt“, sagt sie. Nach Angaben der Friedensaktion Lüneburger Heide verzeichnete „Rheinmetall Defence“ im Vergleich zu 2019 im Jahr 2020 mit Kanonen, Munition, Bomben, Elektronik, gepanzerten Fahrzeugen und Ausrüstungsgegenständen die höchsten Umsätze seit dem Zweiten Weltkrieg.

Die so vielen Fernsehzuschauern und Kinogängern bekannte Stimme des Schauspielers, Synchronsprechers und Aktivisten Rolf Becker wird brüchig, als er in seinen Erinnerungen zurückgeht zu diesem Krieg, der das Leben seines Vaters beendete und den Sohn prägte. „1943 kam mein Vater zum letzten Mal zu Besuch, er sagte zu meiner Mutter ‚wir haben den Krieg verloren‘ und berichtete von dem, was den Menschen in der Sowjetunion angetan worden ist“. „Gefallen für Großdeutschland“, stand auf dem Brief, der den Tod des hochrangigen Offiziers mitteilte. „Diese Zeilen begleiten mich“, sagt der 86-Jährige. Wieder ertönt Kanonendonner, als wolle er unterstreichen, was Becker als Grund für sein Engagement benennt: „Ich möchte so etwas meinen Kindern und Enkeln ersparen.“ Schon seit Jahrzehnten ist Rolf Becker Mitglied der Gewerkschaft ver.di, Fachbereich Medien, als solches reiste er nach Vietnam, Nicaragua und Jugoslawien und machte sich vor Ort ein Bild von den Kriegsgeschehen dort. Er schildert die Folgen von Splitterbombenabwürfen in Jugoslawien und schlägt den Bogen zur Gegenwart: „Hier ist die Firma, hier sitzen die Menschen, die Geld scheffeln durch das Töten von Menschen“, sagt er und appelliert: „Das alles muss ein Ende finden.“ Politisch bewegt sich der aus unzähligen Fernsehproduktionen und Filmen wie „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ bekannte Schauspieler und Vater von Ben und Meret Becker im Einklang mit Positionen der Partei „Die Linke“, er zeigt sich solidarisch mit russischer Politik und ist gegen die NATO. Seit 2008 liest er in deutschen Städten das Kommunistische Manifest vor. In Unterlüß bekundet Becker Sympathien für den Literaturnobelpreisträger Peter Handke, der aufgrund seiner pro-serbischen Haltung in Deutschland umstritten ist.

Rolf Becker erntet ebenso wie die weiteren Redner Sybille Hoffmann von der Hamburger Volksinitiative gegen Rüstungsexporte und H.-D. Braun, Vorsitzender des DGB-Heidekreises, viel Applaus aus den Reihen der Teilnehmer. Ausnahmen bilden drei Männer mit „Rheinmetall-Emblem“ auf den Jacken am Rande des Geschehens. Auf die Frage, was sie als Mitarbeiter des Rüstungskonzerns von der Kundgebung und Mahnwache halten, antworten sie: „Für Auskünfte wenden Sie sich an die Pressestelle. Wir müssen uns das hier anhören.“