Delegation aus Südostanatolien zu Gast: "Für uns ist Celle Klein-Batman"

Politik Von Anke Schlicht | am So., 01.12.2019 - 18:06

CELLE. Da schwingt unüberhörbar Grundvertrauen mit – Vertrauen in den deutschen Staat. „Die Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei sind historisch gewachsen und waren immer gut“, sagt Dr. Mehmet Demir am Samstagnachmittag in der Halle 13 der CD-Kaserne. Der Bürgermeister der vorwiegend von Kurden bewohnten Stadt Batman im Süd-Osten der Türkei ist mit einer Delegation zu Besuch nach Celle gekommen. „Für uns ist Celle ‚Klein-Batman‘“, sagt der kurdische Kommunalpolitiker und Arzt, „weil viele ehemalige Bewohner mittlerweile hier leben.“ Demir wünscht sich Hilfe aus Deutschland, denn die Situation in der gleichnamigen Provinz und Stadt Batman mit rund 500.000 Einwohnern ist angespannt. 

Die türkische Regierung sei bestrebt, die kurdische Selbst- durch eine türkische Zwangsverwaltung zu ersetzen. Zwischenzeitlich war eine solche bereits installiert. Das Mitglied des Deutschen Bundestages (MdB) Kirsten Lühmann berichtet, was sich im Zuge dessen verändert hat. Die Abgeordnete ist im Oktober durch die Provinz gereist, die im nördlichsten Zipfel von Mesopotamien gelegen ist, und hat den Besuch dort zum Anlass genommen, die offiziellen Vertreter nach Berlin und Celle einzuladen. „Es geht um Politik, aber auch um eine wunderschöne Region“, beginnt die Hermannsburgerin ihren Reisebericht. Ein Foto zeigt einen sehr gepflegten Park mit Spielplatz und Brunnen. „Das sieht wie zahlreiche neue Häuser dort auch schön aus, ist allerdings ein Grund, weshalb während der Zwangsverwaltung Schulden in Höhe von 300 Millionen Türkische Lira angehäuft wurden und sich manche die Unterkünfte dort nicht mehr leisten können“, erläutert Lühmann.

Mit der Intention, gewählt zu werden, hätte die der türkischen Partei AKP angehörige Führung Projekte umgesetzt, teilweise unvollendet gelassen und viel Geld ausgegeben. Die Hilfe für die vor dem Regime des Islamischen Staates geflohenen Eziden wurde hingegen laut der Politikerin und Bürgermeister Demir gestoppt. „Es gibt nur noch ein Flüchtlingslager für die ezidischen Kurden aus dem Nordirak, die restlichen wurden aufgelöst. Die Menschen leben in Wohnungen, die überteuert sind“, kommentiert Lühmann die entsprechenden Reisebilder. Die Geflüchteten würden nicht mehr unterstützt, in die Illegalität getrieben, Lohndumping sei die Folge. Gruppen würden gegeneinander ausgespielt.

Bürgermeister Demir nennt drei Gründe für die türkische Strategie auf Gemeindeebene: „60 der 300 Millionen Lira sind in die Finanzierung von paramilitärischen Vereinigungen geflossen, unsere demokratischen Lösungsprozesse sollen aufgebrochen werden, es ist beabsichtigt, die Kurden in die Illegalität zu drängen. Und sie wollen das Co-Vorsitzenden-System aufbrechen.“ Den Hintergrund des letztgenannten Motivs hatte Kirsten Lühmann bereits in der Einführung erläutert: „Echte Geschlechtergleichheit bedeutet, dass es immer ein Team aus Mann und Frau gibt.“ Auch Dr. Mehmet Demir steht gemeinsam mit einer Frau an der Spitze der Verwaltung. Das weibliche Stadtoberhaupt ist nicht Teil der Delegation, erhielt von den Behörden ein Ausreiseverbot, die Obrigkeit wirft ihr Terrorunterstützung vor. 

Dr. Mehmet Demir zeigte sich dankbar, dass seine Delegation am Vortag von Oberbürgermeister Dr. Jörg Nigge empfangen worden war. Die Fachbereichsleiterin Soziales und Kultur der Stadt Celle, Katharina Lohmann, überbrachte Grußworte und kündigte im Hinblick auf die seit fünf Jahren bestehende Städtefreundschaft an: „Oberbürgermeister Nigge will das Engagement seines Vorgängers, Dirk-Ulrich Mende, fortsetzen.“ 

Zu den Problemen in der Region gehören laut Lühmann auch die drohende und stellenweise bereits begonnene Zerstörung eines kulturhistorisch bedeutsamen Ortes in der Provinz, der einem Staudammprojekt weichen soll. Hasankeyf erfülle neun von zehn Kriterien, um Weltkulturerbe zu werden, sagt die Volksvertreterin. Vier- bis fünftausend Jahre alte Felsenwohnungen – eine der zahlreichen Touristenattraktionen – sind bereits mit Beton verfüllt worden. Dem historischen, seit 11.500 Jahren besiedelten Ort droht die Flutung. Der gesamte Landstrich an der Grenze zu Syrien und dem Irak ist reich an kulturellen Schätzen. „Diyarbakir hatte eine Altstadt voller Leben“, erzählt Lühmann über die südostanatolische Metropole am Tigris. Historische Häuser würden abgerissen, die Menschen umgesiedelt aus Gründen der Terrorgefahr. 

„Was können wir denn tun, um zu helfen“, wird die Bundestagsabgeordnete häufig gefragt. Für die Celler besteht die Möglichkeit, dem „Freundschaftsverein Celle-Batman“ (www.fv-celle-batman.org) beizutreten bzw. sich über dessen Website über Projekte und anstehende Veranstaltungen zu informieren. „Wir wollen die Freundschaft mit Leben füllen“, sagt der Vorsitzende Gabriel-Alexander Reschke in seinem Grußwort. Teil dessen ist der Besuch der Delegierten aus der Stadt Batman, deren höchster Kommunalpolitiker, Dr. Mehmet Demir, im Großen wie im Kleinen vertrauensvoll auf deutsche Hilfe setzt: „Erdogan droht mit drei Millionen Flüchtlingen. Wenn sich nichts ändert und das Chaos in der Türkei andauert, dann kommen bald 20 Millionen.“