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Damalige Kinder im Mittelpunkt von Gedenkveranstaltung und Ausstellung

Gedenken an Befreiung des KZ-Bergen-Belsen: „Die erreichen, die heute nicht hier sind“

15.04.2018 - 15:23 Uhr     Susanne Zaulick    0
Fotos: Susanne Zaulick

BERGEN-BELSEN. Zum 73. Mal jährt sich heute der Tag der Befreiung des KZ Bergen-Belsen durch die britische Armee. Überlebende und ihre Angehörigen, Vertreter der Opferverbände, Politiker, Diplomaten und Mitglieder verschiedenster Institutionen, die sich mit dem Holocaust befassen, hatten sich heute Vormittag zur zentralen Gedenkfeier am Obelisken eingefunden. Die Besucherin mit der wohl weitesten Anreise war die 1930 geborene, ehemalige KZ-Inhaftierte, Hetty E. Verolme aus Australien. Für den musikalischen Part sorgte der Juventis-Jugendchor des Kaiserin Auguste Viktoria Gymnasiums Celle unter Leitung von Stephan Doormann.

Dr. Jens-Christian Wagner, Geschäftsführer der Stiftung niedersächsischer Gedenkstätten, warf in seiner Ansprache einen Blick auf das Thema, das dieses Jahr in der Gedenkstätte im Mittelpunkt steht: Kinder im KZ. Rund 600 Kinder kamen im KZ Bergen-Belsen ums Leben. Insgesamt schätzt man die Zahl der Toten in KZ und Kriegsgefangenenlager auf über 70.000. „Die Kinder waren die am meisten wehrlosen Opfer“, so Wagner. Für diejenigen, die das KZ überlebt hätten, sei das Lager immer präsent. Wie aber könne es für alle anderen als Mahnung präsent bleiben, ohne dass die Gedenkveranstaltungen zu Ritualen erstarrten oder zu Beschwörungsveranstaltungen würden, wo „Überzeugte den Überzeugten die Überzeugung nahebringen, wie wichtig Gedenkveranstaltungen sind?“, fragt sich der Historiker, der die Gedenkstätte Bergen-Belsen leitet.

Ziel sei es, vor allem die zu erreichen, „die heute nicht hier sind“, so seine Ansicht. Mit Artikel 1 des Grundgesetzes – „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ – habe man nach dem Krieg eine Antwort gegeben auf die Verbrechen der NS-Zeit. Diese Antwort gelte bis heute und könne auch bezogen werden auf rassistische Hetze gegen Geflüchtete und Menschen anderen Glaubens, betonte Wagner.

In seiner Rede nahm er auch Bezug auf das kürzlich mit der Mehrheit des Landtags geänderte Stiftungsgesetz, wonach nun nicht mehr automatisch jede im Landtag vertretene Partei einen Sitz im Stiftungsrat der Gedenkstätten bekommt. Damit sollte ein Sitz der AfD in dem Gremium, dem auch Holocaust-Überlebende angehören, verhindert werden. „Sie haben dazu beigetragen, dass der Bock nicht zum Gärtner gemacht wird“, dankte Wagner den anwesenden Landtagsabgeordneten und den Ministern Grant Hendrik Tonne und Carola Reimann (beide SPD) unter Applaus.

Grant Hendrik Tonne ließ in seiner Rede die historischen Geschehnisse Revue passieren und hob die enge Verbindung zwischen KZ und Kaserne in der Vergangenheit hervor. Er hoffe, dass der geplante Nutzungsvertrag zwischen Gedenkstätte Bergen-Belsen und der benachbarten Niedersachsenkaserne bald unterschrieben werde. Die Gedenkstätte möchte einen kleinen Bereich auf dem Kasernengelände in ihr Ausstellungs- und Bildungsangebot einbeziehen. Er begrüße zudem, dass die Gedenkstätte ein Programm gezielt für Flüchtlinge entwickelt habe. Denn zur Integration gehöre auch, sich mit der Geschichte des Landes auseinanderzusetzen.

Aus ihrer persönlichen Geschichte, die eng mit dem KZ verknüpft ist, erzählte Prof. Dr. Janine Marx-Moyse, Vertreterin des französischen Verbands Amicale des Anciens Déportés de Bergen-Belsen. Die Französin war als Kind mit ihrer Mutter verhaftet und in Bergen-Belsen inhaftiert worden. „Bergen-Belsen bedeutet für mich Kälte, Hunger und Tod“, schilderte sie ihre frühen Erinnerungen. Nach ihrer Befreiung habe sie im Alter von acht Jahren 38 Pfund gewogen. Trotzdem hat sie auf eine besondere Weise eine Beziehung zur Kultur genau jener Nation aufgebaut, die für ihr Leiden verantwortlich gewesen war. 1955 begann sie ein Studium der Germanistik. „Ich wollte schon früh Sprachlehrerin werden und meine erste Fremdsprache war Deutsch“, begründet sie diesen Schritt. Von der wissenschaftlichen Beschäftigung mit den „Anfängen des rassistischen Antisemitismus“ hat die Jüdin aber schon bald genug. „Das Lesen von Schmähschriften hat mich angeekelt“, erklärt sie. So wendet sich die Französin, die mittlerweile in Tübingen arbeitet, dem Syntax der deutschen Sprache zu und wird zu einer erfolgreichen Sprachwissenschaftlerin. Sie habe Glück gehabt, stellt sie lapidar fest: Ihre gute Konstitution, stabile Familienverhältnisse, starker Wille und freundschaftlichen Beziehungen hätten eine Resilienz möglich gemacht.

Am frühen Nachmittag wurde in der Gedenkstätte die Ausstellung „Kinder im KZ“ eröffnet, die täglich von 10 bis 18 Uhr noch bis zum 30. September zu besichtigen ist.

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