Gedenken an sowjetische Kriegstote: „Massenmord, der ins Gewissen der Deutschen nie eingedrungen ist“

Gesellschaft Von Susanne Zaulick | am Mo., 19.04.2021 - 10:00

BERGEN-HÖRSTEN. Auf den ersten Blick prägen die bunten Fahnen das Bild: die Regenbogenfarben der Friedensbewegung, die blau-weißen Streifen der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN/BdA) oder auch die rot-weißen Schriftzüge der Gewerkschaften und der Jusos. Daneben selbst gestaltete Slogans wie „Erinnern heißt Kämpfen“

Die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes hatte gestern gemeinsam mit DGB zu einer Gedenkveranstaltung auf den sowjetischen Kriegsgräberfriedhof Hörsten, der sich westlich des Geländes der Gedenkstätte Bergen-Belsen befindet, eingeladen. Über 100 Interessierte fanden sich am Mittag ein um den Redebeiträgen und der Musik der Gruppe „Agitprom“ zuzuhören. Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand das Erinnern an die sowjetischen Kriegsgefangenen im Zweiten Weltkrieg. Rund 20.000 von ihnen sind in Hörsten begraben. Die Gesamtzahl derer, die die Gefangenschaft in Deutschland nicht überlebten schätzen Historiker auf 2,6 bis 3,3 Millionen. Damit hätten mehr als die Hälfte von ihnen die Gefangenschaft in Deutschland nicht überlebt. Für andere Gefangenengruppen wird diese Rate auf ca. 2 Prozent geschätzt.

In den Redebeiträgen wurde immer wieder die Unterwerfung der Sowjetunion als Kriegsziel und generell das schwierige Verhältnis zu Russland und vielen ehemaligen Sowjetstaaten bis heute thematisiert. „Die europäische Integration war von Anfang an gegen den sozialistischen Ostblock gerichtet. Die Politik von EU und NATO gefährdet den Frieden massiv“, kritisierte Mechthild Hartung, VVN/BdA-Landessprecherin. Der Schauspieler Rolf Becker beleuchtete ebenfalls die politischen und militärischen Verhältnisse der Gegenwart, auch in der Ukraine. „Wir nehmen einen Aufmarsch wahr wie vor dem Ersten und Zweiten Weltkrieg. Wenn die NATO sich mit Russland anlegt wird der Kriegsschauplatz Europa sein. Die USA wären dann einen großen wirtschaftlichen Konkurrenten los“, so die emotional vorgetragene Einschätzung des 86-Jährigen.

Rainer Butenschön, Journalist und Herausgeber der Zeitschrift "Ossietzky", beleuchtete die Biografien einiger Männer, die vom Schreibtisch aus die Grundlagen für den Russlandfeldzug gelegt hätten: Bankier Hermann Josef Abs, Agrarwissenschaftler Dr. Konrad Meyer und Staatssekretär im Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft Herbert Backe. Letzterer hatte den so genannten „Hungerplan“ erarbeitet, der zum Ziel hatte, dass in der Sowjetunion nach dem deutschen Einmarsch 20 bis 30 Millionen Einheimische verhungern sollten. Auch dass Hermann-Josef Abbs, der vor allem den finanziellen Profit des Russlandfeldzuges durchkalkuliert habe und nach dem Krieg Finanzberater von Konrad Adenauer war, heute noch Ehrenbürger der Stadt Frankfurt/Main sei, kritisierte Butenschön scharf. Auch Meyer setzte seine Karriere nach dem Krieg fort und lehrte von 1956 bis 1968als Professor für Landesplanung und Raumordnung an der Universität Hannover.

Die Ermordung bzw. das Verhungern lassen von sowjetischen Soldaten und Zivilisten bezeichnete der Journalist als einen „Massenmord, der ins kollektive Gewissen der Deutschen nie eingedrungen ist“. Er sieht eine direkte Linie von der Ideologie des Nationalsozialismus, auf slawische Völker herabzusehen, bis zum heutigen Umgang mit Russland durch Politiker und Medien des „Westens“. So berichte zum Beispiel die Tagesschau vom Aufmarsch russischer Soldaten an der ukrainischen Grenze, aber lediglich die OSZE-Beobachtermission informiere über den Aufmarsch von informiere über den von der NATO unterstützten „Aufmarsch“ auf der anderen Seite der Grenze.

Redebeiträge gab es auch von den Gewerkschaftsfunktionären Joachim Fährmann (IG Metall) und Charly Braun (DGB; s. Anhang) sowie der sozialistischen Jugend „Die Falken“. Von der VVN-Ehrenvorsitzenden Esther Bejarano wurde ein Grußwort verlesen. Als Gast war zudem der 2. Botschaftsrat der Republik Belarus in Deutschland, Pavel Groshevik, vor Ort, der ebenfalls ein Grußwort sprach. 

Foto oben: Schauspieler Rolf Becker warnte vor Kriegsgefahr in Europa.

Rede von H.D. Braun, DGB-Vorsitzender Heidekreis:

"Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe antifaschistische und antimilitaristische Freundinnen und Freunde,
Ich bin der Vertreter des mitveranstaltenden Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) und freue mich, dass es – Corona zum Trotz – gelungen ist, heute gemeinsam auf dem Friedhof, der von der Deutschen Wehrmacht ermordeten Rotarmisten zu gedenken und über unsere derzeitigen Aufgaben zu sprechen.
Ich bin DGB-Vorsitzender des Heidekreis, einer der beiden Landkreise, in dem Europas größter Truppenübungsplatz liegt und damit die 3 Friedhöfe sowjetischer Kriegsgefangener: Wietzendorf, Oerbke/ Bad Fallingbostel und Hörsten mit zusammen etwa 50.000 Ermordeten. Dazu das ehemalige KZ Bergen-Belsen mit weiteren etwa 50.000 Ermordeten. Und viele tote Zwangsarbeitende in umliegenden großen Rüstungsbetrieben.

Ich bin Mitinitiator und langjähriger Verantwortlicher der DGB-Jugend für Internationationale Jugendworkcamps Bergen-Belsen.

Gewerkschaft, Antifaschismus und Antimilitarismus ist mir nicht in die Wiege gelegt worden. Ich bin in scheinbar unpolitischem Elternhaus in konservativer Umgebung im nahen Dorf Eickeloh aufgewachsen.

Die „Gnade meiner späten Geburt“ (ein Zitat von Kanzler Kohl) ließ mich nicht die 2 polnischen Zwangsarbeitenden in Opas Nebenerwerbs-Landwirtschaft erleben, die über das Lager Oerbke zugeteilt wurden.

1945 kam der "Umsturz" - wie hier die Befreiung genannt wurde. Die Dorf-Nazis wurden Vorsitzende von Schützen- und Gesangverein. Die Zeit vor 1945 fand ihre Transformation in mehr oder weniger heldische Volkstrauertagsfeiern. Bei Dorffesten tanzte und grölte mensch mit "In einem Polenstädtchen da wohnte einst ein Mädchen". Eine furchtbar-lustige Verversung von Militarismus und Vergewaltigung.

Mit 17 Jahren im Schützen-Spielmannszug Fanfare blasend die ganze Straße einnehmen. Das war geil. Aber all das nationalistische Getue widerte mich bald an. Mein Leserbrief zu Nazi-Heldenfeiern auf dem Soldatenfriedhof Essel (nicht weit von hier) hatte Langzeithetze gegen mich zur Folge und wirtschaftliche Drohungen gegen meinen Vater. Ich bin immer noch in der Region und verteidige seither meine „Heimat“ gewerkschaftlich, antifaschistisch und antimilitaristisch – was mir mehrfach meine Jobs gekostet hat.

Es waren genau diese Jahre des sog. Kalten Krieges, in denen auf den 3 Friedhöfen der Rotarmisten Denkmäler abgerissen, Inschriften verharmlost und die Geschichte mit Unkraut überwucherte. Wie versucht wurde, auch gegen Widerstände, die Geschichte der Nazi-Verbrechen vergessen zu machen, hat Vera Hilbich für den Friedhof Oerbke akribisch erforscht. ( sh. Buch )
Ein Beispiel, an dem ich beteiligt war:

Am 8.Mai 1985 wollten wir mit vielen Leuten zum Oerbker Friedhof der sowjetischen Kriegsgefangenen. Die Bundeswehr ließ einzig den DGB-Hauptamtlichen mit dem Kranz im Auto durch. Auf Schleichwegen erreichten wir etwa 40 Leute den Friedhof. Im Gebüsch lagerten Soldaten. Schließlich erfuhren wir, dass die Bundeswehr eine Wehrübung unseretwegen extra ein paar Tage verlängert hatte.

Im Jahr 2000 riss die Bundeswehr einen großen Teil der unter Denkmalschutz stehenden Rampe bei Bergen ab. Eben jene Rampe, an der KZ-Häftlinge und Kriegsgefangene bis 1945 ankamen und von wo damals wie heute Panzer für Kriegseinsätze verladen wurden und werden. Als Entschuldigung schaffte die Bundeswehr 2002 den heutigen Gedenkwaggon her. Bei der Gedenkfeier und Waggon-Übergabe sprach ein hoher Militär - dafür extra zivil verkleidet.
Zu Beginn seiner Rede drehten 60 Jugendliche des Internationalen Jugendworkcamps dem Militärmann geräuschvoll den Rücken zu.

Bedeutender ist, dass es diesen Kriegsübungsplatz überhaupt gibt und hier immer noch Krieg geprobt wird. Schon bald nach der Machtübertragung auf die Nazis entstand hier Europas größter Truppenübungsplatz. 30 Dörfer wurden gegen teilweisen Widerstand geräumt. Hier wurde der Überfall auf die Sowjetunion geprobt.

Bis heute sind die Landkeise Celle und Heidekreis das am stärksten militarisierte Gebiet Deutschlands. Beginnend mit dem 1.Weltkrieg dreht sich hier viel um Panzer. Rheinmetall in Unterlüß produziert die Mordfahrzeuge. Die Panzertruppenschule in Deutschlands größtem Heeresstandort Munster ist die Fahrschule. Der Truppenübungsplatz Bergen ist Trainingsplatz und kampferbrobte ausgediente Exemplare sind im Panzermuseum Munster zu bewundern.
Die vielen anderen Militäreinrichtungen zähle ich heut nicht auf.

Als nach Abzug der British Army 2015 die Region Arbeitsplätze und Wirtschaftskraft einbüßte, beschlossen auf unsere lokal-gewerkschaftliche Initiative hin, ver.di-Bundeskongress und DGB-Konferenz Niedersachsen-Bremen-Sachsen-Anhalt Forderungen nach Bundesfinanzierung einer neuen Wirtschaftsstruktur – und die muss sozial, ökologisch und nicht-militärisch sein.
Damit unterstützen ver.di und DGB die Bürgerinitiative für ein UN-Biosphärengebiet (sh. flyer)
Tourismus und ökologische Landwirtschaft sind ohnehin besser für die Gesundheit der Menschen in Afrin, am Hindukusch und in der Lüneburger Heide.

Obwohl der Platz nicht mehr militärisch ausgelastet ist, verteidigen PolitikerInnen und Generale jeden Quadratmeter gegen zivile Interessen. Das „eingefrorene“ Großmanöver Defender Europe 2020 ließ die Muskeln wieder spielen. Natürlich wie immer gegen Russland gerichtet. Und wir setzten viele Friedensaktionen dagegen.

Ich muss nicht betonen, dass zwischen 1945 und heute in der Umgebung Neonazis Schulungsstätten hatten und haben. Manche den Truppenübungsplatz für Wehrsport nutzten. Regelmäßig ein großer Militariamarkt in Dorfmark stattfindet. DRP, NPD, DieRechte, Kameradschaften bis zu Ludendorffern und AfD hatten bzw. haben hier einen guten Boden. Viele bekannte Nazigrößen waren schon hier, während Rathaus-Obere schon mal Raumverbote gegen antifaschistische Info-Veranstaltungen verhängen.

Es bleibt notwendig, das Gedenken an die Opfer von Faschismus und Krieg mit dem Kampf gegen Militarisierung und rechten Mainstream, für Flüchtlings-Solidarität und Erkämpfung sozialer Arbeits- und Lebensbedingungen zu verbinden. Ja, so konsequent gemeinnützig ist Antifaschismus !"

Es gilt das gesprochene Wort.

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