Gedenkstätte für Unterlüßer Tannenberglager rückt näher

Politik Von Extern | am Fr., 04.09.2020 - 11:30

UNTERLÜSS. Mit einem historisch anspruchsvollen Thema hatte sich der Unterlüßer Ortsrat in den gestrigen Abendstunden zu befassen. Ein Fokus der Tagesordnung lag auf der Errichtung einer Gedenkstätte im Ortsteil Unterlüß. In der öffentlichen Sitzung wurden dem Ortsrat und den anwesenden Bürgerinnen und Bürgern die konkreten Planungen sowie die historischen Hintergründe des Projektes vorgestellt. 

Dass sich das Vorhaben auf der Zielgeraden befindet, ist der zweieinhalbjährigen Vorarbeit einer parteiübergreifenden Gruppe aus unterschiedlichen Beteiligten zu verdanken. Auf Initiative der Ratsfrau Monika Oetke habe sich bereits im Frühjahr 2018 eine Bürgerinitiative das Ziel gesetzt, eine Gedenktafel für das Tannenberglager – ein Außenlager des KZ Bergen-Belsen – zu errichten, berichtet Heimatforscher Hendrik Altmann, der ebenfalls in das Projekt involviert ist. Zur Abstimmung habe die Bürgerinitiative das Gespräch mit der Gemeindeverwaltung sowie der Rheinmetall AG gesucht, auf deren Grundeigentum sich die Relikte des Tannenberglagers befinden. Schnell sei klar geworden, dass sich die geschichtliche Aufarbeitung nicht auf ein einzelnes Lager beschränken lasse. Der Heimatforscher und ehrenamtliche Denkmalpfleger Hendrik Altmann erläuterte die historischen Zusammenhänge im Rahmen der Ortsratssitzung. Peter Heine, der sich intensiv mit der Unterlüßer Ortsgeschichte befasst hat und die ebenfalls Bürgerinitiative unterstützt, ergänzte die Inhalte. 

In keinem anderen Ort im Raum Celle existierten in der Zeit des Dritten Reiches so viele (Baracken-)Lager für ausländische Arbeitskräfte, wie in Unterlüß. Neben Lagern für Zwangsarbeiter aus den, von der Wehrmacht besetzten Gebieten, gab es in Unterlüß noch weitere Einrichtungen, wie insbesondere ein Säuglingsheim für „stillende Ostarbeiterinnen“ und ein Arbeitserziehungslager, das der Gestapo unterstand. Mehrere tausend Menschen waren bis Kriegsende in den Lagern in Unterlüß untergebracht – teilweise unter unvorstellbaren Bedingungen. Eingesetzt waren sie bei verschiedenen Unternehmen in Unterlüß – größtenteils jedoch in der Rüstungsproduktion der Rheinmetall-Borsig AG. 

Wie lässt sich dieser bedrückende Teil der Geschichte an heutige Generationen zeitgemäß vermitteln? Nur noch wenige können hierzu aus eigener Erfahrung berichten. Später Hinzugezogenen fällt es vermutlich besonders schwer, sich mit diesem dunklen Kapitel der Ortsgeschichte auseinanderzusetzen. „Man darf niemandem etwas vorsetzen - vielmehr sollte man die Menschen bei der Aufarbeitung der Geschichte mitnehmen“, erläuterte Altmann in der Sitzung des Unterlüßer Ortsrates. Die neue Gedenkstätte soll Anreize schaffen, sich objektiv über die historischen Zusammenhänge zu informieren und dazu anregen, sich eigenständig und kritisch mit der Lokalgeschichte zu befassen. An die geschichtlichen Ereignisse und ihre Opfer soll respektvoll erinnert werden. Unterstützt wird das Projekt durch die lokale Bürgerinitiative, die Gemeindeverwaltung, die Stiftung Niedersächsischer Gedenkstätten, die AG Bergen-Belsen e.V. sowie die Rheinmetall AG. 

Errichtet werden soll die Gedenkstätte auf einem gemeindeeigenen Eckgrundstück an der Straße „Hohenrieth“ und der „Müdener Straße“. Die Rheinmetall AG übernimmt die Kosten für die Gedenktafeln sowie die Beleuchtung. Die bauliche Herrichtung des Geländes übernimmt die Gemeinde Südheide. Seitens der Bürgerinitiative werden geeignete Sitzbänke finanziert. Eine Stolperschwelle soll nachträglich noch ergänzt bzw. gesetzt werden. Die Erarbeitung der inhaltlichen Ausgestaltung erfolgte ehrenamtlich durch alle Beteiligten. 

In der Ortsratssitzung kam die Frage auf, wie die lokale Geschichte mit Blick auf die Zukunft vermittelt werden kann. Auch hierzu hatte die örtliche Bürgerinitiative bereits Überlegungen angestrengt. Denkbar wäre die Einrichtung einer Website zur Ortsgeschichte sowie Vortragsveranstaltungen zu historischen Themen, die in Unterlüß stattfinden könnten. Es ist ein Prozess – und die Gedenkstätte stellt diesbezüglich einen guten Ausgangspunkt dar, so die einhellige Meinung der anwesenden Mitglieder der Bürgerinitiative. 

Auf Grundlage des vorgestellten Projekts befürwortete der Ortsrat einstimmig die Errichtung. Der Verwaltungsausschuss wird darüber in der kommenden Woche entscheiden. Stimmt er dem Projekt zu, könnte die neue Gedenkstätte noch in diesem Herbst fertiggestellt und eingeweiht werden.