HABIGHORST. Auf dem Grethehof war jetzt eine Veranstaltung zu dem vor 200 Jahren gestorbenen Dichter Ernst Schulze zu erleben. Eingeladen hatten die Ernst-Schulze-Gesellschaft, der Heimat- und Kulturverein Habighorst und BÜFE – Bürger für Eschede. Gäste aus Schweden, die in ihrer Heimat ebenfalls literarische Veranstaltungen organisieren, wunderten sich nicht wenig über die große Zuhörerschaft, die im Saal zusammengekommen war: Jeder Platz war besetzt.

Mit großen farbigen Reproduktionen zur Geschichte des Ritterguts und des Dorfes Habighorst führte Klaus Drögemüller Vergangenheit und Gegenwart des Ortes vor Augen. Anfang des 19. Jahrhunderts hatte der Schüler Ernst Schulze im leer stehenden Herrenhaus als 14-, 15- und 16-Jähriger mutterseelenallein seine heiß ersehnten Leseferien verbringen dürfen, weil sein Vater, der Celler Bürgermeister Friedrich Schulze, zeitweise das Gut verwaltete. Was seinen Sohn besonders anzog, das waren die französisch-sprachigen Ritter- und Feen-Geschichten in der zurückgelassenen Bibliothek des adligen Hauses.

Dass man sich die Zeit von 1803 bis 1805 aber nicht als reine Idylle vorstellen darf, verdeutlichte die lebendige Sprechtheater-Szene mit Ernst Schulze als Marionette, die durch Akteure aus Habighorst und Celle gestaltet wurde. Da wir Briefe und Lebensberichte aus der Feder des Dichters besitzen, ist es möglich, eine recht genaue Vorstellung zu bekommen, was es für Habighorst in der napoleonischen „Franzosenzeit“ bedeutete, von den französischen Soldaten bei immer neuen Durchzügen bedrängt zu werden. Sie forderten Unterkünfte, Essen, Geld und Futter für die Pferde. Der Schüler Ernst Schulze konnte, wie die Zuschauer lebhaft erfuhren, mehrfach vermitteln, weil er ausgezeichnet Französisch sprach, nicht zuletzt dank seiner Roman-Lektüre. Doch versichert er in seinen Briefen, dass sein Lieblingsautor der große Christoph Martin Wieland war, dessen Werke er verschlang und dem er selbst mit seinen Versen nacheifern wollte.

Hermann Wiedenroth bereitete in einem weiteren Teil der Veranstaltung dem Publikum die Freude, aus Wielands ironischem Werk „Die Abenteuer des Don Sylvio von Rosalva“ vorzulesen. Wieland macht sich dort über jene Bestseller-Literatur seiner Zeit lustig, die von sehr unrealistischen Zaubereien und Abenteuern in Fantasie-Welten erzählte. Als witzige Gegengeschichte erfand er deshalb die „Geschichte des Prinzen Biribinker“, dessen Leben schon mit einer strapaziösen Veranstaltung beginnt, denn man versammelte „zwanzigtausend junge Mädchen von ungemeiner Schönheit, die man zum Voraus aus allen Enden des Reichs zusammenberufen hatte, um eine Säug-Amme für ihn auszuwählen“. Jene Geschichte endet denn auch zur Abschreckung recht frivol-witzig.

In einem zweiten Teil rezitierte Hermann Wiedenroth zwei Briefe des Dichters und anschließend auch zwei Gedichte: eine Elegie und das Gedicht „Bei Überreichung eines Traumbuchs“. Die Interpretation dieses Gedichts war sicherlich der Höhepunkt seines Vortrags, so eindringlich lyrisch und vielschichtig deutlich, dass alle Zuhörenden unmittelbar angesprochen wurden:
„Das Leben ist ein buntverwirrter Traum:
Im Dunkeln liegt die Zeit, die uns entschwunden,
Ein Schleier deckt der Zukunft ferne Stunden,
Und selbst das Jetzt erkennt die Seele kaum.“

Der Dichter Ernst Schulze kam aber in einzigartiger Weise auch dadurch zu Wort, dass drei seiner Gedichte, die schon bald nach seinem Tod als vierstimmige Männerchöre vertont worden waren, durch ein Doppelquartett von hoher Professionalität vorgetragen wurden. Das „Vokalensemble Ernst Schulze“, das sich für diese Veranstaltung zusammengefunden hatte, begann mit der Vertonung des Gedichts „Schön ist es dort“. Der Komponist war sicher vielen der Zuhörer zuvor nicht bekannt gewesen: König Georg V. von Hannover, der blinde König, hatte das Stück als Kronprinz geschaffen.

Die ambitionierten Sänger schätzten diese Komposition als ausgesprochen anspruchsvoll ein, die spätere Entwicklungen vorwegnimmt, etwa Gestaltungen bei Hugo Wolf. Nach einem weiteren Männerchor von Georg V. („Die Erscheinung“) folgte als Abschluss ein Männerchor von Franz Schubert „Ewige Liebe“ (D.825a), den die Zuhörenden wohl als Höhepunkt erlebten. Alle Stücke wurden in großer Klarheit und Durchsichtigkeit dargeboten. Starker Beifall des begeisterten Publikums dankte den Sängern und allen weiteren Akteuren.

Foto: Klaus Drögemüller

Foto: Klaus Drögemüller

Foto: Dietrich Krome

Foto: Dietrich Krome

Foto: Klaus Drögemüller

Foto: Klaus Drögemüller

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