„No go area“ für Nazis – Gegendemonstranten verhindern NPD-Marsch durch Eschede

Gesellschaft Von Anke Schlicht | am So., 22.12.2019 - 15:00

ESCHEDE. Sie ließen auf sich warten – in den Jahren zuvor und auch anlässlich der jüngsten Demonstration gegen Nazitreffen auf dem Hof Nahtz. Doch anders als in der Vergangenheit glänzten die Escheder am Samstag nicht durch Abwesenheit, sondern mit geballter Präsenz. Rund eine Stunde nach dem ersten Protestzug nahmen 120 Einwohner aus allen Dörfern der Gemeinde – ein Transparent mit der Aufschrift „Unsere starke Stimme für Eschede“ vor sich hertragend – Kurs auf die Abzweigung von der L281 zum Finkenberg.  

Der Ausruf, „Die NPD macht sich vom Acker“, war zu diesem Zeitpunkt bereits gefallen. Der mit großen braunen Lautsprechern versehene sowie laut Angabe der Polizei mit rund zehn NPDlern besetzte Transporter hatte seine Fahrt nach 1,7 Kilometern durch Matsch und Dreck beenden müssen, weiter als bis zum Ende des unbefestigten Weges „Finkenberg“, der zum früheren landwirtschaftlichen Betrieb führt, war er nicht gekommen. „Die geplante Aufzugsstrecke ist besetzt“, formulierte Polizeisprecher Manuel Rauschenberg offiziell, was nichts anderes hieß, als dass eine Menge von laut Polizei 500 Demonstranten sich breit gemacht hatte.

Unmittelbar nach Ankunft des Zuges der auswärtigen Protestler - bestehend aus vielen verschiedenen Gruppen, Verbänden und Parteien wie dem Celler Forum gegen Gewalt und Rechtsextremismus, dem Deutschen Gewerkschaftsbund, Attac, der Antifaschistischen Aktion Lüneburg/Uelzen, Omas gegen Rechts, dem Aktionsbündnis gegen Rechts -, der exakt zum Zeitpunkt, den die NPD als Beginn ihres vom Landkreis genehmigten Aufmarsches durch den Ort angegeben hatte, vom Bahnhof aus zur Kreuzung „Finkenberg“ gestartet war, hatte sich der Celler Historiker Reinhard Rohde, flankiert von einigen Mitstreitern, auf den Asphalt gesetzt - fest entschlossen, die Durchfahrt der Neonazis zu verhindern. „Wir haben die NPD mit einem festen Stützpunkt im Ort“, beschreibt Rohde die Veränderung, die sich durch den Verkauf des Hofes von Joachim Nahtz an den Landesverband der NPD in diesem Jahr ergeben hat. 

Bereits seit 20 Jahren finden regelmäßig Treffen des rechtsextremen Spektrums auf dem sehr abseits gelegenen Aussiedlerhof statt, u.a. zweimal im Jahr Sonnenwendfeiern. Und ebenso regelmäßig formierte sich Widerstand hauptsächlich unter dem Dach des „Netzwerkes Südheide gegen Rechtsextremismus“ vereinigter Gruppen, nur vereinzelt fanden sich Escher darunter. Teilnehmerzahlen wie an diesem Vorweihnachtswochenende waren nie zu verzeichnen. Der Historiker Rohde spricht von einer anderen Qualität des Problems aufgrund des veränderten Eigentümerverhältnisses. Und diese scheint die Bewohner der umliegenden Dörfer wachgerüttelt zu haben. „Man darf nicht zwischen guten und bösen Demonstranten unterscheiden, es geht die gesamte Region an“, betont Hans-Dietrich Springhorn, der aus Müden/Örtze gekommen ist. „Die Zahl der Demonstranten ist deutlich höher als die, mit der wir gerechnet haben“, sagt Polizeisprecher Rauschenberg. Die Ankündigung, durch den Ort marschieren zu wollen, hat mobilisiert. 

„Das hätte eine gewisse Symbolik gehabt“, warnt der Escheder Wilfried Nieberg und ergänzt noch bevor „die starke Stimme“ mit Bürgermeister Günter Berg an der Spitze eintrifft, „das darf in meinem Heimatdorf nicht sein, dass Nazis da durch marschieren.“ Auch für Berg war es das größte Anliegen, dieses zu verhindern. „Wir wollten nicht Demo/Gegendemo, sondern friedlich zeigen, dass wir das nicht tolerieren“, erläutert der Bürgermeister nach Eintreffen am Versammlungsort. Man habe im Dorf gewartet. „Wir wollten die in Empfang nehmen“, berichtet er. Nachdem sich nichts tat, setzte sich der Zug in Bewegung. 

Zu einem Empfang kam es dennoch – jedoch mit umgekehrten Vorzeichen. Die Gegendemonstranten drehten den Spieß um: Anstatt die Nazis durch Eschede ziehen zu lassen, nahmen sie, flankiert von der Polizei, zu Fuß und mit Transparenten und Trillerpfeifen ausgestattet, Kurs auf Hof Nahtz und formierten sich dort um das durch Mauern abgeschottete Gelände. Schwarz-weiß-rote Fahnen hängen aus dem Fenster des Hauses, auf dem relativ großen Gelände verliert sich ein kleines weißes Zelt neben Wellblechschuppen und dem Lautsprecherwagen. Die NPD-Mitglieder zeigen sich, ein junger Mann steht auf dem Dach des Transporters, unvermummt. Eine kleine Gruppe hat sich um Joachim Nahtz formiert, sie flankieren den älteren Herrn links und rechts und schauen über einer Mauer, Fotoapparate in der Hand haltend, hervor, lichten ihre Gegner, deren Aktionen sie laut einem Transparent als „linken Terror“ bezeichnen, ab.

Angesichts des Riesenaufgebots an Demonstranten, das sich weiträumig verteilt, skandiert und die musikalische Beschallung durch die NPDler übertönt, kein leichtes Unterfangen. Eine kleine Gruppe schwarz gekleideter und die Gesichter ebenso bedeckter Gesichter spaltet sich von der Protestformation ab, hält sich abseits. Ausschreitungen gibt es keine. 

Ebenso friedlich wie der gesamte Verlauf des vorweihnachtlichen Nachmittags setzt sich die Veranstaltung gegen Rechts fort. Man traf sich am Abend in der Glockenkolkhalle zum gemeinsamen Singen und Hören von fünf Redebeiträgen. Die Resonanz war hoch, die Halle bis auf den letzten Platz gefüllt. „Wir haben ein starkes Signal gesetzt“, zieht Bürgermeister Günter Berg eine Tagesbilanz und erntet großen Applaus ebenso wie einer der letzten Redner. Rudi Peters aus Scharnhorst berichtet von seiner Zeit in Midtown, New York, wo er Zeuge eines Schmelztiegels der Nationen wurde, was ihn zu dem Fazit veranlasste: „Man kann wunderbar miteinander leben, solange man respektvoll miteinander umgeht.“ 

Weitere Infos und Fotos auf CELLEHEUTE und LOKALHEUTE.TV

Rede von Marlies Petersen, Kreisvorsitzende B90/Die Grünen Celle und Mitarbeiterin im Arbeitskreis für Demokratie und Menschenrechte Eschede und damit Mitwirkende im Netzwerk Südheide gegen Rechtsextremismus:

"Liebe Mitstreiter und Mitstreiterinnen! 
Ich lebe in Eschede und bin auch Mitglied im Arbeitskreis für Demokratie und Menschenrechte. Auf dem heutigen NPD-Hof werden seit Jahrzehnten völkische Sonnenwendfeiern, Pfingstlager, sogenannte Erntefeste und Rechtsrock-Konzerte veranstaltet. Laut Verfassungsschutz trifft sich hier die extreme Rechte aus Norddeutschland. Im letzten Jahr wurde der NPD-Parteitag Niedersachsen hier abgehalten.
Vor seinem Tod war Jürgen Rieger, Anwalt und Vertreter der nationalsozialisten Rassentheorie, Antisemit NPD-Mitglied auch hier zu Gast. Manfred Börm, ehemaliger NPD Vorsitzender, der in den 80er Jahren zu 7 Jahren Haft verurteilt wurde u.a. wegen eines Überfalls auf niederländische Nato-Truppen. Heute marschiert die NPD durch Eschede um uns Kultur und Heimat näher zu bringen "Eschedes schöne Seite – Heimat und Kultur einen Ort geben" Eschedes schöne Seite ist nicht hier!!!

Die NPD will sich neu aufstellen und benötigt dafür auch Orte! Wir wollen Ihnen keine Heimat bieten. Unsere Heimat steht für Vielfalt, Offenheit, für Tradition und Experimentelles, für Weltoffenheit. Die NPD gehört zum Rechtsextremistischen Spektrum, der vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Nach dem Verfassungsschutzbericht von 2018 gibt es nach deren Zählung 1250 zu beobachtende Personen in Niedersachsen aus dem rechtsextremistischen Bereich, von denen 880 gewaltbereit sind. Das sind 70 Prozent! Diese Zahl ist erschreckend, anscheinend geht mit der antidemokratischen, menschenverachtenden Einstellung eine sehr hohe Bereitschaft einher Gewalt einzusetzen. Wir müssen hier also alles dafür tun um zu hindern, dass ein Ort ausgebaut wird, der den Nazis und deren Freunde  weiterhin zur Verfügung steht. Am besten, wir verhindern den Bestand des Hofes in dieser Form!

Im Frühjahr hat die NPD den Hof gekauft. Joachim Nahtz, der Besitzer, hat für seine Partei einen dauerhaften Unterschlupf gefunden. Herr Nahtz hat den Hof selbst verkauft und hat dort weiterhin ein Wohnrecht. In Uelzen und Lüchow Dannenberg sind mehrere Höfe gekauft worden von völkischen Siedlern. Auch im Landkreis Celle wird es immer mehr Leerstand geben, die Gefahr, dass sich weitere Faschisten ansiedeln ist groß, wir müssen unsere Nachbarschaft beobachten und einschätzen, bevor Immobilien verkauft werden. Dafür müssen wir sensibilisieren. Wir müssen die Besitzer in unser Boot holen.

Hier im Landkreis Celle wurden zwei Veranstaltungszentren verhindert, Gerdehaus 2010 und Hetendorf 1999. Unser Baurecht im Außenbereich verhinderte, dass die Gemeinde ein Vorkaufsrecht hier hatte. Der Hof ist dafür zu klein. Der Hof kam auch nicht aus einer Konkursmasse. Ein Ausbau innerhalb der Grundmauern kann aber erfolgen, wenn die NPD Bauvorschriften erfüllt. Höfen im Außenbereich ist eine Umnutzung möglich. Das ist mit vielen sehr hohen Hürden  verbunden, aber möglich. Das Baugesetz § 35 gibt hier Möglichkeiten, wenn z.B. die Infrastruktur dafür vorhanden ist. Diese Straße gehört der Gemeinde Eschede. Zur Infrastruktur gehört auch eine Ver- und Entsorgung. Außenkläranlagen, wie hier auf dem Hof sind, müssen kontrolliert werden.

Die Verwaltungen müssen deshalb sehr sorgsam arbeiten um ein Veranstaltungszentrum zu verhindern. Ich weiß vom Landkreis, dass es Kontrollen und Auflagen gibt, die die Bautätigkeiten auf dem Hof kontrollieren.
Als Kreistagsabgeordnete weiß ich, dass der Landkreis Celle und auch unser Rathaus das Problem gesehen haben. Es wurde aber keine Aktion, kein Plan erstellt und auch die Bürger*innen vor Ort wurden nicht informiert. Da brauchen wir in Eschede und im Landkreis mehr Mut und Vertrauen, dass wir zusammen Probleme erkennen und keine Seite ohne die andere Ziele erreicht. Die Feinde sind nicht die Parlamente und die Verwaltung! Und an unser aus dem Rat sowie an die Verwaltung, die Feinde sind nicht die Demonstrationsteilnehmer*innen, die Menschenfeinde sind dort (NPD-Hof). Wir müssen zusammen halten!

Das was fehlt im Landkreis, ist eine gemeinsame Strategie. Wenn man umfänglich über die Situation und die Möglichkeiten von Strategien gegen Rechtsextremismus Informationen beim Landkreis haben möchte, so wird man durch die Telefonreihen gereicht. Baurecht – Ordnungsamt – Jugendamt… Jeder weiß was, aber niemand hat den Auftrag, sich damit nachhaltig und umfänglich zu beschäftigen. Dieses Manko haben wir als Grüne Kreistagsfraktion zum Anlass genommen, eine Vernetzungsstelle in der Verwaltung zu beantragen. Diese Stelle soll für alle Bereiche den Bereich Rechtsextremismus im Auge behalten und sich auch einschalten können: Ordnung – Bauen – Jugend – Schule – soziales und Öffentlichkeitsarbeit. Diese Stelle ist dann auch Schnittstelle zum Land, Landespräventionsrat und für die Landkreis-Kommunen und unsere Präventionsarbeit. Diese Stelle ist für die Öffentlichkeitsarbeit für den Bereich Rechtsextremismus zuständig. Nur Rechtsextremismus!

In Eschede hat der Rat und die Verwaltung eine Steuerungsgruppe in diesem Sommer gegründet: wie gehen wir damit um, was sagen wir den Menschen, darüber, was hier passiert. Die Sprachlosigkeit die entstanden ist, musste erst in langen Prozessen wieder aufgebrochen werden. Vertrauen musste wieder aufgebaut werden.

Ich bitte deshalb ganz eindringlich wahrzunehmen, dass es in Eschede nicht mehr oder weniger Rassismus und Neonazis gibt wie in anderen Kommunen. Wir haben im Rat nicht einmal die AFD, sie  hatte keine Liste. Vor 12 Jahren sind wir, mit einem Arbeitskreis für Demokratie und Menschenrechte, mit viel Energie angetreten um auf das Treiben auf dem Hof Nahtz aufmerksam zu machen. Diese Energie schwand im Laufe der Zeit. Ich hoffe nun aber, dass wir, jetzt wo unser Rat und unser Bürgermeister auch wieder hier stehen, dass wir wieder gemeinsam zusammen arbeiten.

Ich bin keine gebürtige Eschederin. Aber ich lebe hier seit über 30 Jahren und habe mein Dorf schätzen gelernt. Das was Eschede ausmacht ist, dass Probleme mit wenig Mitteln, ehrenamtlich und engagiert angegangen werden. Auch bundesweit ist bekannt, dass Eschedeer anpacken können und zusammen stehen, wenn es eine Krise gibt. Die Waldbrandkatastrophe von 1974 oder das ICE-Unglück von 1998. Aber auch den Erhalt des Freibades, einen Bürgerbus auf die Beine stellen oder wie die Initiative Zusammen, Geflüchtete in Eschede willkommen heißen, sind dafür Beispiele. Dieses Selbstverständnis macht Eschede aus. Mit der gleichen Kraft wünsche ich mir, dass wir hier klarstellen, wo die Grenze zwischen der bunten Vielfalt und der braunen Einfalt auf diesem Hof ist.

Ich will jetzt zum Schluss noch ganz deutlich DANKE an alle Unterstützer*innen sagen. Wenn der DGB und all die engagierten Menschen aus dem Netzwerk Südheide nicht stetig hier uns Escheder unterstützen würden, dann hätten wir das nicht geschafft. Oft erhielten wir auch Unterstützung durch Initiativen aus Jützel, Bad Nenndorf, Kirchen oder heute mal wieder von den Omas gegen rechts. In Eschede gibt es viele, die uns unterstützen, aber nicht zur Demo kommen. Diese Bürger*innen sind deshalb nicht unsere Gegner*innen. 

Dieses Jahr lädt die Gemeinde Eschede und die Kirchengemeinde zum Singen in die Glockenkolkhalle. Um 18h singen wir Gospel. Eine starke Stimme für Eschede wird auch von unserem Arbeitskreis unterstützt. Zur Steuerungsgruppe aus Rat, Verwaltung, Kirche gehört auch eine Vertretung aus unserem Arbeitskreis. Wir werden auch wieder Veranstaltungen für das Jahr 2020 planen. Wie immer werden es Informationen – Unterhaltungen und Demonstrationsbeteiligungen sein. Und auch im Haushalt 2020 hat der Rat, wie schon in den 10 Jahren vorher  Geld dafür zur Verfügung gestellt. Auch dafür will ich danken. Ihr hört von uns auch weiterhin und seid herzlich eingeladen."