HANNOVER. George Ezra ist fürwahr ein Teufelskerl… fast scheint es so, als könne er hier, dort und überall gleichzeitig sein. Seine sensationelle Out-of-the-box-Erfolgsstory gründete auf der einzigen Sache, die wirklich zählt: seine Songs. Lieder, die ihm nicht zuletzt eine weltweite Tournee bescherten, die zwei Jahre andauerte. Und selbst, wenn es einmal kurz danach aussah, als sei der nicht zu bremsende Breakout-Star des Jahres 2014 (und 2015) einmal NICHT überall gleichzeitig, so stellt sich im Nachhinein heraus, dass er es in der Tat war: er reiste, suchte, schrieb, musizierte und pfiff.

Am Dienstag, 7. Mai 2019, ist Ezra in der TUI Arena Hannover zu Gast. Der Vorverkauf beginnt am morgigen Montag, 8. Oktober, 10 Uhr, mit einem Presale über www.eventim.de. Ab Mittwoch, 10. Oktober, sind Tickets im allgemeinen Verkauf unter 0511 – 12123333, www.hannover-concerts.de und an den VVK-Stellen erhältlich. Einlass 18 Uhr. Tickets 46,49 bis 56,39 Euro inkl. Gebühren.

Bevor wir uns seinen jüngsten Streifzügen zuwenden, wollen wir zunächst rekapitulieren: George war ein unbekannter Teenager, der seine mit-Gitarre-auf-Reisen-Attitüde nebst Wissendurst und Inter-Rail-Ticket in eine Kofferladung Postkarten-hafter Songs verwandelte, die noch weiter um die Welt reisten, als er selbst es getan hatte.

„Wanted On Voyage“, das Debütalbum des aus Hertfordshire stammenden Singer-Songwriters, erschien im Juni 2014 und verkaufte sich mehr als drei Millionen Mal. Es war das drittmeistverkaufte Album des Jahres in Großbritannien, hinter den Longplayern von Ed Sheeran und Sam Smith. Doch wie für seinen Schöpfer ging es bei „Wanted On Voyage“ in erster Linie um den Weg, den es zurückzulegen galt, nicht das Ziel. Nach vierzehn Wochen hatte das Album schließlich Platz eins der Charts erreicht und es war ein waschechter Erfolg durch Mund-zu-Mundpropaganda. Befeuert vom Erfolg der Songs „Budapest“, „Barcelona“, „Cassy O“ und „Blame It On Me“ wurde der gerade einmal zwanzigjährige Sänger und Gitarrist weltweit zum gefragten Live-Act.

Die bisherigen Highlights? Nein, es war nicht der Videodreh mit Sir Ian McKellen oder als ihm klar wurde, dass seine erste Show in New York im Madison Square Garden sein würde (als Support von Sam Smith). „Ich weiß, das klingt jetzt sehr nach 21. Jahrhundert…“, schmunzelt der Denker mit der tiefen Stimme. „Ich trat beim Glastonbury Festival auf der Pyramid Stage auf, vor einem ziemlich großen Publikum. Wir feierten danach den ganzen Abend. Unser Tourbus fuhr schließlich um vier Uhr morgens los und ich kam heim – ich lebe immer noch im Haus meines Vaters in Hertford, in derselben Wohnsiedlung, in der ich groß geworden bin – in mein altes Zimmer. Ich wachte auf, und das Konzert war schon auf dem iPlayer verfügbar. Ich lag also in meinem Kinderbett, immer noch jede Menge Facepaint im Gesicht und sah mir meinen Auftritt auf dem Laptop an.“

Dies war damals eine der wenigen Unterbrechungen, die George sich gönnte, bevor die „Wanted On Voyage“-Kampagne endlich zu Ende ging. Der vierfache BRIT Awards-Nominée war ziemlich schnell sehr weit gekommen. Wesentlich schneller, als er sich es vorgestellt hatte, als er als Teenager seinen ersten Plattenvertrag unterschrieben hatte. Doch andererseits war er auch nirgendwo angekommen. Er war wieder zu Hause im Bett seiner Kindheit, drehte Däumchen und fragte sich, was aus seinem Leben geworden war. Es war eine Art postkoitaler Stimmungsabfall von verwirrenden Ausmaßen. Selbstverständlich ist ihm bewusst, dass das, was er tut, nichts ist im Vergleich zur harten Arbeit, die Ärzte, Krankenschwestern, Lehrer oder viele andere Menschen tagtäglich leisten. Doch George hatte sich daran gewöhnt, dass alles für ihn organisiert wurde, vom Frühstück bis zum Zubettgehen, jeder Tag war bis zum Anschlag durch getaktet.

„Und dann wirst du am Ende wieder ausgespuckt. Deine Freunde sind von Montag bis Freitag bei der Arbeit, also wartest du, bis sie Feierabend haben, damit du in den Pub gehen kannst. Sie gehen aber in den Pub, um nach einem anstrengend Arbeitstag zwei Biere zu trinken, und das war’s dann. Es ist für sie eine Art Belohnung. Aber wenn man den ganzen Tag nichts getan hat, bringt einen das nach einer Weile ziemlich runter. Und ja“, fügt er mit einem Grinsen hinzu, „mir ist klar, dass das etwas zu sehr nach ‚oh weh, ich armer Popstar‘ klingt.“

Also machte George Ezra das, was er am besten kann: er schnappte sich seine Gitarre und machte sich vom Acker. Seine erste Anlaufstation war eine Stadt, die er recht gut kannte, in der er allerdings – paradoxerweise – gar nicht so bekannt ist: Barcelona. (Obgleich eines seiner bekanntesten Stücke den Namen der spanischen Stadt trägt, gibt Ezra augenzwinkernd zu, dass er dort bestenfalls auf dem Niveau eines Club-Acts ist).

In einem weiteren Versuch, die Komfortzone abzuschütteln, vermied es George, in jenen vornehmen Hotels abzusteigen, die er sich nun leisten konnte. Er wählte die „Airbnb”-Variante – und lebte dabei mit dem jeweiligen Gastgeber zusammen. Sie teilten sich die Wohnung. Ohne jeden persönlichen Extra-Komfort. „Es war buchstäblich ein Bett im Zimmer einer Wohnung, die einem Mädchen namens Tamara gehörte“, erinnert er sich. Im siebten Stock mit eingeschlagenen Fenstern im Treppenhaus. In einem Zimmer wohnte ein Mädchen aus Argentinien etwa in meinem Alter. In einem anderen ein älteres Paar aus Deutschland. Die Dusche war wacklig. Die Wohnungstür schloss nicht richtig. Es war ein ständiges Kommen und Gehen von Leuten“.

Ezra blieb einen Monat in Barcelona und schrieb jeden Tag, genoss die Freiheit und die Anonymität – bis eine ahnungslose Tamara, neugierig geworden durch die Gitarre, die nahezu die Hälfte seines spärlichen Gepäcks ausmachte, ihn auffordert, ihr seine Spotify-Seite zu zeigen und seinen beliebtesten Song vorzuspielen („Budapest“, 365 Millionen Streams). Ein Moment, der die junge Argentinierin zu einer späten Erkenntnis führte: „Ich WUSSTE, ich kenne dich von irgendwo!“. Seine Tarnung war aufgeflogen, zwar gottseidank nur in dem chaotischen Airbnb in Barcelona, aber das machte die Reise nur noch besonderer. „Es entpuppte sich als die beste Erfahrung, die ich hätte machen können. Tamaras Freunde waren alle Künstler, Designer, Modestudenten und sie sind einfach viel cooler als wir. Sie sagen Sachen wie: ‚Wollen wir Abendessen gehen? Dann treffen wir uns 23 Uhr!‘. Ich brauchte zwei Wochen, um mich darauf einzustellen und zu entschleunigen”.

Als er nach dieser Zeit, die sich wie sein persönlicher Almodovar-Film anhört, wieder nach Großbritannien zurückkehrte, hatte er nicht nur einen kompletten Reset durchgeführt, sondern war neu belebt und hatte die Anfänge von mehreren Songs im Gepäck. Ein Schlüsselsong war „Pretty Shining People“, der nun der Opener des neuen Albums ist – dem er den Titel „Staying At Tamara’s“ gab. Denn „alles hatte seinen Ursprung in dieser Wohnung, und davor muss ich meinen Hut ziehen.“

Textlich und künstlerisch gibt „Pretty Shining People” den Ton für die restlichen Songs des Albums vor, das einnehmend melodisch und mitreißend euphorisierend ist – und das in jeder Sprache. Zunächst bleibt festzuhalten, dass der Song unterwegs fertig gestellt wurde, auf einem weiteren Songwriting-Ausflug auf die Isle of Skye. Wieder zurück in Großbritannien unternahm Ezra einige weitere Kompositions-Kurztrips, u.a. auf eine Schweinefarm nach Norfolk, einen ehemaligen Maismehl-Schuppen in Kent und einen umgebauten Kuhstall in Nordwales. Die letzte Reise fand in Begleitung des Ex-Athlete-Sängers Joel Pott statt, der seit einige Zeit Georges Songwriting-Partner ist.

Die Positivität und das Gemeinschaftsgefühl des eigentümlich Britpop-haften „Pretty Shining People“ („We’re alright together”) sind die Grundpfeiler für die Gesamtstimmung, die auf „Staying At Tamara’s“ herrscht. Die Songs entstanden in einem Jahr, das von Trump, Brexit, Food Banks (Tafeln) und allgemeinem Aufruhr geprägt war. Aufmerksam die Geschehnisse der chaotischen Welt um ihn herum beobachtend und inspiriert von allerlei Hör- und Lesestoff (u.a. sehr früher Bob Dylan und „So Long, See You Tomorrow“ des US-Autors William Maxwell), entschied sich Ezra genau das zu machen, was er am besten kann: Songs schreiben, die ermutigen, unterstützen und dem Hörer die Möglichkeit geben, den Alltag hinter sich zu lassen.

Wie z.B. die Finger-schnippende, Bläser-tastische, Haare-im-Fahrtwind-Nummer „Get Away”, eine Art Schlachtruf in Zeiten großer Ängste. Oder „Shotgun“, ein unwiderstehlicher Song mit „Hit The Road, Jack“-Message und „Graceland“-Vibe, der einem ein Lächeln ins Gesicht zaubert. „Eigentlich versuche ich unentwegt, Paul Simons ‚Graceland‘ nachzueifern, sowohl beim ersten Album als auch bei diesem hier“, gibt Ezra gut gelaunt zu. Eine Mission, bei der ihm (bei beiden Alben) der Londoner Produzent Cam Blackwood (London Grammar, Florence And The Machine) zur Seite stand. „Normalerweise schieße ich übers Ziel hinaus und muss dann wieder einen Schritt zurück machen. ‚Shotgun‘ ist der Song, wo ich es hinbekommen habe und die Leute sagen werden: ‚das ist Graceland‘, aber das ist total Okay“.

Auch die Vorabsingle „Paradise“ handelt von „kindischem Eskapismus“, und auch das unbeschwert gutgelaunte „Don’t Matter Now“, mit dem George Ezra im vergangenen Sommer begann, seine Fans auf sein zweites Album einzustimmen, ist beseelt vom selben Geist. „Ich verstehe es nicht, wenn Bekannte von mir sich verpflichtet fühlen, jedes Mal ‚RIP‘ zu tweeten, wenn ein Celebrity das Zeitliche segnet und ‚my heart goes out to…‘ als Antwort auf jedes Weltereignis. Es ist süß, aber zwecklos. Man kann Empathie und Anteilnahme empfinden, ohne das Bedürfnis zu haben, es zur Schau zu stellen. Und dieser Drang immer alles kommentieren zu müssen? Das ist nicht, warum ich hier bin, weder im öffentlichen Kontext noch im Zusammenhang mit meinem Songwriting.“ Es ist eine Position, die er neben einer Vielzahl von anderen Gedanken in einer Serie von Podcasts beleuchtet, den er gerade aufnimmt und editiert. „Ezra & Friends“ heißt die Reihe, in der der 24-Jährige Gespräche mit einer ganzen Reihe von Künstlern und Kollegen führt, von Ed Sheeran bis Declan McKenna, Rag ‘N’ Bone Man bis London Grammar-Sängerin Hannah Reid.

Der Aufenthalt bei Tamara ermöglichte es George Ezra, sich locker zu machen, sich selbst zu finden und sich auf einen kreativen Weg zu begeben, der ihn zu „Staying At Tamara’s“ führte. Es ist ein positives, ermutigendes Album, das in der Folge eines unfassbaren Erfolgs geschrieben wurde – und in der Tat muss er zugeben, im Vorfeld seines Bühnen-Comebacks im vergangenen Sommer im Rahmen der sogenannten „Top Secret“-Tour von Angstträumen geplagt worden zu sein. Er weiß besser als die meisten, wie es ist, wenn man sich fragt, was man mit seinen Tagen anfangen soll – insbesondere, wenn die Welt dich mit ihrer Erwartungshaltung belastet.

Im Zuge dieser Erkenntnis, aber auch inspiriert durch persönliche Erfahrungen, moderierte Ezra jüngst eine vorweihnachtliche Charity-Show in London zu Gunsten der gemeinnützigen Organisation für psychisch Kranke, „Mind“. Eine Aufgabe, die er in Zukunft regelmäßig übernehmen möchte. „Die Wahrscheinlichkeit ist ja sehr groß, dass wir alle irgendwie von diesem Thema betroffen sind“, gibt er zu Bedenken. „Eine unglückliche Minderheit leidet wirklich und der Rest von uns schlägt sich irgendwie durch. Der Mangel an Aufklärung und Bildung in diesem Bereich ist eklatant.“

In der Zwischenzeit trägt Ezra weiterhin sein Scherflein dazu bei, das Happiness-Level in der Welt weiter zu steigern, mit einem Comebackalbum, dass ebenso fröhlich und jubilierend, achtsam und gefühlvoll, herzlich, energisch und anregend ist. „Staying At Tamara’s“ handelt vom Entfliehen, Vorankommen und fantastischen Höhenflügen – mit der Musik, dem Leben und der Liebe.

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