"Gesundheitsnotstand durch manipulierte Zählweise?" Auch Unfallopfer in Corona-Statistik

Medizin Von Redaktion | am Sa., 07.11.2020 - 12:43

CELLE/HEIDEKREIS/UELZEN/LÜNEBURG. „Droht tatsächlich eine akute nationale Gesundheitsnotlage?“ Dieses Szenario wurde uns seitens der Politik bereits bei der ersten so genannten „Corona-Welle“ prognostiziert und wiederholt sich zur mutmaßlich zweiten. Recherchen der Kollegen von "Heise online" belegen jedoch: Zu den Intensivpatienten werden z.B. auch Unfallopfer gezählt, sobald sie ein positives SARS-CoV-2-PCR-Testergebnis aufweisen und obwohl sie keine Symptome haben.

Damit ziehe sich die nach Meinung von Experten offenbar manipulierte Statistik von Beginn an durch die gesamte Corona-Krise: Zur den ersten offiziellen „Corona-Toten“ im Landkreis Celle zählte eine Dame, die eine Treppe hinunterstürzte. Diese und ähnliche Zählweisen wiederholten sich bundesweit tausendfach. 

Heise schreibt: Eine offizielle Antwort auf eine Anfrage an das DIVI-Intensivregister zur Diagnostik von "COVID-19-Intensivpatienten" offenbart ein fundamentales diagnostisches Problem. Dort wird bestätigt, dass (1) jeder Intensivpatient - unabhängig von der Symptomatik - mit einem SARS-CoV-2-PCR-Test getestet wird und (2) jeder Intensivpatient - unabhängig von der Symptomatik - mit einem positiven SARS-CoV-2-PCR-Testergebnis als "COVID-19-Intensivpatient" geführt wird. Letzteres wird auch in einer offiziellen Antwort des RKI auf eine entsprechende Anfrage bestätigt. Selbst wenn demnach beispielsweise eine Person wegen eines Autounfalls auf Intensivstation liegen würde und ein positives SARS-CoV-2-PCR-Testergebnis aufweist ohne jede weitere COVID-19-spezifische Symptomatik, würde diese Person als "COVID-19-Intensivpatient" zählen.

Es lasse sich daher kein wirklicher Anstieg in der Anzahl de insgesamt belegten Intensivbetten erkennen. Das einzige, was ansteige, sei die Anzahl der Intensivpatienten mit positivem SARS-CoV-2-PCR-Testergebnis. Dieses Muster werde auch durch weitere Befunde bestätigt.

Wir fragten bei den Krankenhäusern im LOKALHEUTE-Gebiet nach:
1. Können Sie diese Zählweise für Ihr Krankenhaus bestätigen?
2. Wie sieht die aktuelle Situation aus?
3. Wieviele Mitarbeiter mussten durch die Maßnahmen in Kurzarbeit, wieviele Betten stehen / standen leer?

Die HELIOS Kliniken in Uelzen antworteten auffällig wortkarg:
1. Die Zählweise entspricht den Vorgaben des Robert-Koch-Instituts.
2. Derzeit befinden sich keine COVID-19-positiven Patienten im Uelzener Helios Klinikum.
3.  Es mussten keine Mitarbeiter in Kurzarbeit gehen. Die Anzahl der leerstehenden Betten richtete sich nach den Vorgaben der Landesregierung zum jeweiligen Zeitpunkt.

Nina Bernhard, Sprecherin vom Heidekreis-Klinikum ist überzeugt, dass es für die Erfassung keine Rolle spiele, ob das Intensivbett wegen einer COVID-Erkrankung oder wegen eines anderen Leidens belegt sei. „Das DIVI Register hat nicht den Anspruch, als COVID Erfassungsregister zu dienen, sondern als Intensivbettenregister“, so Bernhard.

„Wir zählen und erfassen so, wie es beschrieben ist – und wie es bundesweit alle Krankenhäuser tun. Daraus darf man nicht pauschal ableiten, dass alle COVID-positiven auch wegen der COVID Erkrankung auf der ITS behandelt werden! Aus unserer Erfahrung heraus, gehen wir davon aus, dass doch die große Masse der dort erfassten auch wegen der COVID-Erkrankung dort liegen - und nicht Zufallsbefunde bei anderem Grundleiden sind. Das dürften absolute Ausnahmen sein.

Im Heidekreis-Klinkum seien weder im Frühjahr noch jetzt Mitarbeitende in Kurzarbeit gewesen. Anders im AKH Celle - hier waren wochenlang Betten leer, wurden Operationen verschoben und Personal streckenweise nicht gebraucht. Natürlich würde auch im AKH jeder Patient - unabhängig von der Symptomatik – auf das Corona-Virus getestet. „Die in dem von Ihnen zitierten Artikel berichteten Fälle spielen im AKH bisher kaum eine Rolle, bisher waren und sind fast alle auf der Intensivstation länger behandelten Patienten mit einem positiven Corona-Test wegen ihrer eindeutig nachgewiesenen Covid-19-Erkrankung behandelt worden“, so Sprecher Tobias Mull. 

Noch im August hatte das Krankenhaus gemeldet, seit mehreren Wochen keine PatientInnen mit einer Corona-Infektion zu behandeln. Inzwischen sei eine deutliche Zunahme an intensivbehandlungspflichtigen PatientInnen mit der Covid-19-Erkrankung zu beobachten.

„Es kommt bei jedem Labortest naturgemäß in Einzelfällen vor, dass ein ‚falsch positives’ Testergebnis auftaucht, was aber die Gesamtzahlen nur unwesentlich beeinflusst“, so Mull. Was zudem eine Rolle spiele, ist, dass Covid-PatientInnen oftmals mehrere Wochen intensivmedizinisch behandelt werden müssten. „Ausschlaggebend ist deshalb nicht allein die Fallzahl intensivmedizinischer Fälle, sondern die benötigten Intensivtage, also die sogenannte Mitternachtsstatistik“, ist Mull überzeugt.

„Abschließend können wir so für das AKH Celle feststellen, dass in den vergangenen Tagen die Anzahl der Aufgrund einer Corona-Infektion intensivmedizinisch zu behandelnden Personen stark gestiegen ist. Das hatte und hat natürlich Auswirkungen auf die intensivmedizinischen Kapazitäten des AKH insgesamt. Noch sind diese Kapazitäten ausreichend, damit es jedoch gar nicht erst zu einem Mangel an diesen Kapazitäten kommt, muss man der aktuellen Pandemie-Entwicklung schnell entgegentreten. Die Maßnahmen der Politik sind aus unserer Sicht deshalb sinnvoll.“

Das städtische Lüneburger Klinikum hat auf unsere Anfrage nicht geantwortet.