Glanzvoller Auftakt - „Musikalischer Seelenmaler“ eröffnet Beethoven-Festival

Musik Von Anke Schlicht | am So., 18.07.2021 - 18:02

CELLE. „Man kann nicht anders, als den Blues daraus zu entwickeln“, sagt Markus Becker in schönster Umgebung am Flügel sitzend. Blues und Beethoven? Anlass der Veranstaltung am Samstagabend im Französischen Garten ist der Auftakt zum Festival „Beethoven anders“. Die Betonung liegt auf „anders“, bei dieser Veranstaltungsreihe, die die städtische Kulturdezernentin Susanne McDowell in ihrer Ansprache als einen Höhepunkt des „Celler Kultursommers“ bezeichnet, ist nichts wie der Klassikliebhaber es kennt. Und so ist natürlich auch eine in den Blues abdriftende Bagatelle nichts Außergewöhnliches.

Der preisgekrönte Pianist Markus Becker hat sich neben der Klaviersonate „Appassionata“, Liedern und dem „Allegretto“ aus der 7. Sinfonie einige der elf „großen Weisheiten in kleiner Form“, wie der Dirigent und Musikforscher Jan Caeyers die Bagatellen in seiner Beethoven-Biographie nannte, ausgewählt, um zu improvisieren. Wie der Künstler das macht, ist schwer zu beschreiben. Dass er sein Publikum jedoch berührt und begeistert, offenbart ein Blick durch die Reihen mit mehr als 200 Besuchern an diesem reizvollen Platz gleich neben dem Schlösschen. Auf allen Gesichtern findet sich stets ein Lächeln, kraftvoll treffen die Handinnenflächen applaudierend aufeinander, sobald die virtuosen Finger die Tasten verlassen, der Pianist den Kopf den Gästen zuwendet. Becker und Beethoven, das ist ein Gespann, das harmoniert. Der dreifach mit dem ECHO-Klassik prämierte Becker holt den Komponisten mit seinen Improvisationen in die Gegenwart, er variiert mit dem, was seinerzeit noch nicht da war, entwickelt aus einem Thema völlig Neues.

Das hätte dem Meister wohl gefallen. Die Worte, mit denen die künstlerische Leiterin, Bettina Päselt, Ludwig van Beethoven in ihrer Rede charakterisiert, lassen keinen anderen Schluss zu. „Er war unkonventionell, Freiheit war sein Credo, auch in der Kunst, er war ein von Leidenschaft Getriebener, er wollte die Gesellschaft verändern“, sagt die Ideengeberin der Veranstaltung vor illustrer Zuhörerschaft. Ulrich Kaiser ist gekommen als Repräsentant des Landkreises, Jürgen Brandes vertritt die BürgerStiftung, Holger Schwenke die SVO, Christine Roßmayer die Stiftung der Volks- und Raiffeisenbanken in Norddeutschland, Martina von Bargen den Bundesverband Freie Darstellende Künste als Projektträger und auch die Landeshauptstadt ist mit der Präsidentin des Niedersächsischen Landtages Dr. Gabriele Andretta zugegen. „Ein zauberhafter Ort“, zeigt sich die Schirmherrin der Veranstaltung und Politikerin sehr angetan von der Platzierung der Open-Air-Bühne des Kanals 29. Dass die interdisziplinäre Reihe mit acht Events trotz der Corona-bedingten Wirrnisse überhaupt zustande gekommen ist, nennt Andretta „ein kleines Wunder“. Über die Hauptperson des Abends führt sie aus: „Sein Anliegen war es, Neues zu wagen. Dieses Festival hält das ein, es wagt neue Perspektiven.“

Wie sich das anhören kann, war am Samstagabend in einer blendend vom Künstler selbst moderierten Live-Uraufführung zu erleben. Markus Becker löste mit seinem Programm „Thoughts about Beethoven“ ein, was die FAZ-Autorin Eleonore Büning ihm als Attribut zugeordnet hatte: „Ein musikalischer Seelenmaler mit Verstand.“ Die künstlerische Leiterin Bettina Päselt schuf indes in ihrer Einführungsansprache vor dem Hintergrund des außergewöhnlichen Veranstaltungsortes ein Bild, das mit ein wenig Phantasie den Abschluss einer überaus gelungenen Auftaktveranstaltung bilden konnte: „Beethoven hätte das gefallen, er liebte die Natur, die Stille. Als ich zum ersten Mal hier herkam stellte ich ihn mir vor, wie er oben auf einem Balkon des Schlösschens steht und wohlwollend nickt.“