Große Kunst im Kleinformat – Goethes Faust als Puppenshow bei Ni-Ku

Theater Von Anke Schlicht | am Mo., 27.01.2020 - 10:38

NIENHAGEN. Er verbeugt sich ganz tief, fast bis der Kopf an den Boden reicht, und zeigt auch mit dieser heutzutage selten anzutreffenden Geste des Dankes für den großen Applaus, wie außergewöhnlich er ist. Die Veranstalter von Nienhagen-Kultur (Ni-Ku) haben den Puppenspieler mit Doktortitel nicht aus Mexiko, sondern aus Freiburg in den Hagensaal geholt und damit der Veranstaltungsreihe einschließlich des Vorprogramms mit dem Singer-Songwriter aus Eicklingen, Desmond Lewis, erneut ein Highlight beschert.

„Wir machen eine Puppenshow“, verkündet das Kasperle, dem Dr. Johannes Minuth, wie allen anderen Figuren auch, seine Stimme leiht, zum Auftakt. Ja, nur ein Puppenspiel wartet auf die Gäste im fast bis auf den letzten Platz besetzten Hagensaal, aber eines mit einem Klassiker der Weltliteratur als Inhalt, geschrieben von einem, der als größter deutscher Dichter gilt. Liebe, Himmel und Hölle, Tod und Teufel, Gier und Gott – Goethes „Faust“ spart nicht mit den großen Themen des Lebens und Sterbens. Wie soll ein auf Kinder ausgerichtetes Theaterformat dem gerecht werden? Geht das überhaupt? Und wenn, dann wie, mag sich mancher Besucher im Vorfeld gefragt haben und im Nachhinein überrascht gewesen sein, wie überzeugend und beeindruckend dies gelang. 

Die kunstvoll gearbeiteten Puppengesichter mit den dazugehörigen Kostümen spiegeln die Charaktere der Figuren vom nach Sinn suchenden Dr. Faust über den teuflischen Mephisto bis zum unschuldig-naiven Gretchen ausdrucksstark wider. Die Musik untermalt die Szenen passend, mal mit Rock, mal mit kirchlichem Choral oder Glockengeläut. Johannes Minuth hat eine sehr verkürzte Fassung erarbeitet, die die richtige Mischung aus ernsthaftem Drama und unterhaltsamem Puppenspiel bietet. Wer den Kasperl im Programm hat, der muss mit dem Publikum in den Dialog treten, und so fragt der Mann hinter den Kulissen, der alle Fäden in der Hand hält, zwischendrin immer mal wieder nach dem Befinden seiner Gäste.

Selbst wenn Hund Bello sich auf die Bühne drängt und unbedingt den Pudel spielen will, rutscht die Aufführung nicht ins Alberne ab. Die kleinen lustigen Einlagen heitern den sehr komplexen, tiefgründigen Stoff auf. „Ich bin immer noch dabei, den Faust zu verstehen“, merkt Johannes Minuth im Nachgang an und wischt damit alle womöglich aufgekommenen Zweifel auf Zuschauerseite, mit der Deutung überfordert zu sein, beiseite. Seit Jahrhunderten werde Goethes Faust auf den Bühnen gegeben, berichtet der promovierte Theatermacher, Geheimrat Goethe habe sich gar anregen lassen von einem Puppenspiel. Vielleicht ist er über einen Jahrmarkt geschlendert und war fasziniert von der Unmittelbarkeit, mit der sich in dieser Welt der Gaukler Kunst erleben ließ. Die Freiburger Puppenbühne bewahrt etwas von diesem Geist der direkten Begegnung zwischen Zuschauern und Künstlern. „Ich bin dankbar, dass ich hier sein darf“, sagt Johannes Minuth zum Abschluss. Seine tiefe Verbeugung drückt wohl auch die Liebe zu seinem Metier aus, vor allem aber zeigt sie, was dieser großen Kunst im Kleinformat gebührt.