CELLE. Die Weihnachtspredigt in der Christvesper 2018 der Bonifatiuskirche Celle-Klein Hehlen und in CELLEHEUTE: Jesaja 9,1+4-6 oder „Gott sei Dank, es ist Weihnachten!“

24. April 2018 – erinnern Sie sich? England, zur Abwechslung mal nicht der Brexit, sondern die Königsfamilie, und an diesem Tag herrschte quer durch die Reihen der Brexit-Befürworter und Brexit-Gegner große Einigkeit über das zarte Glück: Da begrüßte der Buckingham-Palast „His Royal Highness Prince Louis Arthur Charles of Cambridge“ als jüngstes Mitglied der britischen Königsfamilie. An etwas in dieser Art müssen wir vielleicht auch denken bei den folgenden Versen aus der Weissagung des Propheten Jesaja:

„Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. Denn jeder Soldatenstiefel, der mit Gedröhn daherstampft, und jeder Uniformmantel, von Blut getränkt, wird verbrannt und vom Feuer verzehrt.
Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, starker Gott, Ewig-Vater, Friede-Fürst; auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich.“

Gott sei Dank, es ist Weihnachten… oh ja, nicht wahr, das trifft‘s! Oder sollte es wenigstens treffen, das wünscht sich doch jeder heute, so empfinden zu können.

„Etwas so Frohem wie Weihnachten ist ein gewisses Potential an Gereiztheit nicht abzusprechen.“

Einziger Unsicherheitsfaktor: Es ist eben auch alles sehr menschlich: „uns ist ein Kind geboren“, wie es beim Propheten Jesaja schon hieß. Einerseits keine Frage, riesengroße Freude! Was aber wiederum auch nicht zwingend heißt, Eltern wissen das, von morgens bis abends nur eitel Sonnenschein, sondern eben sehr menschlich mit Höhen und Tiefen. Gut zu hören, dass Gott das kennt, wenn er uns denn in diesem Kind Jesus entgegenlacht, aber entgegenweint natürlich auch, wie das wirkliche Leben nun mal ist.

Manchmal überwiegt das Weinen. Und tatsächlich ist ja gerade etwas grundsätzlich so Frohem wie Weihnachten ein gewisses Potential an Gereiztheit nicht abzusprechen. Anspruch und Wirklichkeit sind gerade an solch einem Fest nicht immer leicht in Einklang zu bringen. Im Weihnachtsspiel der Jugendlichen während der Christvespter haben wir es live erleben können, bei der Zeitreise quer durch die Jahrtausende: Ob es Mutter, Vater, Tochter, Sohn sind mit ihren unterschiedlichen Vorstellungen von einem gelungenen Heiligabend, oder ob es in Bethlehem die noch ganz von der Erscheinung der Engel beeindruckten Hirten waren, die selbst nach so einem Erlebnis ihre Rivalitäten und Empfindlichkeiten nicht ganz beiseite lassen konnten. Ja, selbst quer durch die himmlischen und irdischen Sphären zieht sich ein Riss durch die ungetrübte Freude: Nicht nur Maria und Josef, bei denen unter dem Druck der Situation die Nerven blank liegen – sondern sogar bis hinauf zu den himmlischen Chören, wo es schon beinahe Krach gegeben hätte zwischen den Engeln statt lieblichen Gesangs. Dabei war der Anlass für alle Beteiligten doch ein wunderschöner!

„Jesus macht auch Stress“

Gott sei Dank, es ist Weihnachten – einerseits! Aber Jesus macht auch Stress, das lässt sich gar nicht bestreiten. Das zieht sich bei ihm ja durch, bis sie ihn zuletzt einfach nur noch weghaben wollten. Davon wollen wir heute nicht weiter reden, wir feiern schließlich Weihnachten. Aber „Frieden auf Erden“ war von Anfang an nicht durchweg sichtbar – bis der Auferstandene ganz am Ende, als es mit Ostern schon wieder ein Anfang war, die von seinem Erscheinen völlig geplätteten Jünger neu ansprach mit seinem „Friede sei mit euch!“

Genug, wir bleiben bei Weihnachten, und da ist nun bei allem Für und Wider erst einmal etwas, das fühlt sich wunderbar an. Das lässt uns wirklich wünschen, einfach nur zu sagen: „Gott sei Dank, es ist Weihnachten!“ Auch wenn es noch lange nicht perfekt ist. Es muss uns keiner etwas erzählen über die Realitäten, wie sie aussehen. Aber erst einmal könnten wir uns selber angesprochen fühlen: „Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht schon ein großes Licht“. Heute Abend ahnen wir es. Bei allem, was noch fehlt.

„Einer muss rausgehen, damit wirklich Licht wird“

„Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter“ – das eigentliche Geheimnis dieses Fests lastet nicht auf unseren Schultern, wie gut! „Ein Kind ist uns geboren“ – heißt es nicht: „Kinder sind unsre Zukunft“? Hier jedenfalls gilt es: Verbindet sich mit Jesus doch das Geheimnis dieser Nacht, dass in ihm Gott rausgekommen ist – heraus aus seiner himmlischen Komfortzone, heraus aus unerreichbar-überirdischen Sphären himmlischen Friedens dahin, wo (O-Ton Jesaja) „Soldatenstiefel daherstampfen und blutgetränkte Uniformteile“ markieren, wie grausam es unter uns Menschen zugeht, und die immer neu wieder die Frage hervorrufen, wo Gott da eigentlich war.

aEiner muss immer rausgehen, wenn Licht ins Dunkle fallen soll, einer muss als erster seine Bastion verlassen: Das ist in zerstrittenen Familien so, das ist in einer gespaltenen Gesellschaft so, das ist so zwischen Gott und uns. Einer muss immer rausgehen, damit Licht wird, und sei es, um uns aus vollem Herzen einstimmen zu lassen in „Gott sei Dank, es ist Weihnachten!“ gerade dann, wenn uns sonst nicht so froh zumute war. Und Gott ist rausgegangen: „Uns ist ein Kind geboren!“ Das feiern wir.

„Weihnachten als Fest des gemütlichen Drinhockens“

Vielleicht hängt ja manche Weihnachtsüberdrüssigkeit und manche Enttäuschung über den Weihnachts-Strohfeuer-Effekt mit so wenig Nachhaltigkeit auf unser Leben sonst damit zusammen, dass wir zu sehr gewohnt sind, Weihnachten als Fest des gemütlichen Drinhockens zu feiern: Hocken drin in unseren Festgewohnheiten, hocken drin in unseren festen Vorstellungen, wie es sein muss, damit wir es gut finden. Hocken da genauso drin wie in unseren verfestigten Vorstellungen, wie wir einander finden und was wir voneinander erwarten. Hocken vielleicht auch drin in allzu süßlichen Vorstellungen vom „lieben Jesulein“ in seiner beschaulichen Krippe, so dass darüber der für uns außer sich geratene Gott im Himmel gar nicht mehr zu erkennen ist. Und am Ende behalten wir bloß einen weihnachtsmann-ähnlichen Drinhocker-Gott übrig, der mit dem wirklichen Leben nichts zu tun hat.

„Ich bin durch die Straßen Hamburgs gelaufen und habe das andere Weihnachten gesehen.“

Der Gedanke kam mir, als ich von jemandem las, der es mit 17 Jahren an Heiligabend im trauten Familienkreis nicht mehr aushielt (Husch Josten, Land sehen. Berlin 2018, 57f). Gegen Mitternacht, als seine Eltern schlafen gingen, brach er auf, um sich mit Freunden zu treffen. Auf dem Weg kamen ihm allerlei schräge Gedanken, welche Symbole wohl heutzutage auf den Kirchenaltären anstelle der Kreuze zu finden wären, wenn Jesus anders gestorben wäre, verbrannt zum Beispiel. Während er sich das noch fragt, tauchen vor ihm lauter Menschen auf, die bisher in seiner Weihnachtswelt nie vorgekommen waren: Alle möglichen, die an diesem Abend nicht vor einem Baum sitzen wollen oder können. Die allein spazieren gehen oder in einem der wenigen geöffneten Restaurants mit gleichgesinnten Freunden oder bloß mit einem Buch am Tisch sitzen. Kellnerinnen und Kellner, die schnell eine Zigarette im Hauseingang rauchen. Obdachlose, die an der Alster aus Bussen heraus mit warmer Suppe versorgt werden … Prostiutierte mit Nikolausmützen zu ihren Lackstiefeln…

Auf einmal wurde das für ihn der Moment des Aufwachens aus dem seelenlos gewordenen Alle-Jahre-wieder-Weihnachts-Trott: „An jenem Abend bin ich nicht mit meinen Freunden in die Disco gegangen. Ich bin durch die Straßen Hamburgs gelaufen und habe das andere Weihnachten gesehen.“

Es braucht`s vielleicht, dass wir auch zu Weihnachten rausgehen wie Gott im Zur-Welt-kommen Jesu, damit uns ein Licht aufgeht. Und sei es, dass Jesus selbst uns inmitten all dem Weihnachtskram herausholt und uns über ihm, der Hauptperson, das Licht aufgeht, das keine Weihnachtsbeleuchtung ersetzen kann – wie in der Spielszene beim Christvesper zum Schluss, als die Mutter ganz ergriffen seufzt: „schön!“ Und der Vater ihr ganz gegen seine sonstige Art beipflichtet: „Ich hab irgendwie das Gefühl, da war etwas anders als sonst,… irgendwie cool.“

Und Tochter und Sohn, die anfangs partout nicht mitgewollt hatten, ihnen zustimmen und fragen: „Aber was ist denn nun anders?“ Dieses Rausgehen aus dem Drinhocker-Weihnachten muss etwas mit dem hier draußen bei Bethlehem geborenen Kind zu tun haben. Nicht von ungefähr waren Hirten die ersten, die es fanden. Sozusagen die „Außenposten“ der örtlichen Bevölkerung, die selber gemütlich drinsaß und deshalb in dieser Nacht das Entscheidende verpasste.

„Die Letzten in der Gesellschaft findet Gott als erste“

Die Hirten waren die Letzten in der Gesellschaft, die findet Gott als erste. Aber egal. Wenn das Wunder geschieht, dass Gott, wie er in Jesus zu uns raus ist, uns findet – das ist möglicherweise genau der Moment, in dem auch wir rausfinden und neu das Licht sehen: „Ich hab irgendwie das Gefühl, da war etwas anders als sonst … irgendwie cool.“ Das scheint mir zugleich das Geheimnis der eigenartigen Namen zu sein, die der Prophet Jesaja hier dem Königskind beilegt: Statt „his Royal Highness“ wie beim englischen Prinzen hier die Bezeichnung „Wunder-Rat“ – also der, der sich Unglaubliches für uns ausdenkt; „mächtiger Gott“ – der die Macht hat, nicht nur die äußeren Rahmenbedingungen zu verändern, sondern uns selber bis tief in die Schichten unserer Seele, an die sonst niemand herankommt, zum Glück, und vielleicht nicht mal wir selbst, bei aller Anstrengung nicht.

„Für ewig Vater“ – auf einmal stellen wir da ein Vertrauen fest, „Vater“ / „Vater unser“ zu sagen statt bloß „der da oben“: Vater (oder auch: Mutter), dir überlassen wir uns. Bei allem, was für uns noch offen bleibt und auf letzte Antwort wartet, vielleicht auch an diesem Weihnachten – aber du meinst es gut mit uns!

Ja, stellen wir fest, „Friede-Fürst“, das trifft’s: An dir erwacht für uns Frieden, trotz Streit, inmitten aller Unruhe. Sag’s uns, Jesus, wie den Jüngern, dein „Friede sei mit euch!“, so, dass es uns auch wirklich erfüllt!

Wie gesagt, einer muss rauskommen, damit für uns alle Licht wird. Ja, und darum geht es doch in dieser heiligen Nacht – ich meine, seht ihn an, Jesus hier in der Krippe und wie er sie bald schon verlassen wird, um einzusteigen ins ganz normale Leben: Da ist Gott draußen bei uns, im „real life“… auf dass schon hier seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende!“

In dieser weihnachtlichen Perspektive leben wir, Gott sei Dank! Gott sei Dank, es ist Weihnachten! Amen.

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