„Er komponierte und hasste“ – Grandioses Beethoven-Musikgedankentheater

Musik Von Anke Schlicht | am Sa., 24.07.2021 - 13:41

CELLE. Das, was da am Donnerstagabend über den Französischen Garten hinweg akustisch herüberkam, war – natürlich nur nach den Maßstaben eines Genies – eher dem gerade von Ludwig van Beethoven verwendeten Begriff „Musikmüllhalde“ zuzuordnen. Es fügte sich in das fiktive Szenario auf der Schlösschen-Bühne auf der anderen Seite des Parks. Helen Fischers „Atemlos“ war dem Meister der Musik eben vom Meister des Maschinenbaus, Johann Mälzel, als Beispiel für Klänge der Zukunft vorgespielt worden und hatte ihn zornig werden lassen.

Ein Glück für die Veranstalter des Bierfestes im Casino war Ludwig van Beethoven nur virtuell anwesend im Rahmen des Musikgedankentheaters von Ben Süverkrüp, Stephan Picard und Tina Teubner, das den zweiten Teil des Festivals „Beethoven anders“ bildete. Im Mittelpunkt stand ein Beethoven, der den Stecker einer jeden Soundmaschine kurzerhand gezogen hätte, die die Darbietung seiner Sonaten störte – jähzornig, unrasiert, mürrisch und zudem Wein- statt Biertrinker. „Drei Schluck Wein und die Welt wird wärmer“, lautet einer der Glaubenssätze des Komponisten im Jahr 1827 in Wien. Es ist sein Sterbejahr, krank, nur umgeben von seiner Wirtin, Frau Neugebauer, liegt er im Bett und sinniert darüber nach, wie er den Tod überlisten kann, um der Nachwelt noch mehr von seiner Musik zu hinterlassen. Immerhin trennen ihn noch 95 Sinfonien von Joseph Haydn. Das darf nicht sein und so nimmt Kontakt auf zu dem Hofkammermaschinisten, Erfinder und Konstrukteur Johann Mälzel, damit dieser eine „Beethovenmaschine“ baut, der ähnlich geniale Klänge entspringen wie dem Gehirn des Komponisten.

Die preisgekrönte Kabarettistin Tina Teubner liest die von Ben Süverkrüp erdachte Geschichte, der Autor ist auch Pianist und begleitet die zwischen den gesprochenen Elementen von Stephan Picard dargebotenen Violinsonaten. Durch diesen Komponentenmix erwacht ein Beethoven zum Leben, der heruntersteigt vom Sockel seiner genialen Werke, aus dem Genie wird ein Mensch wie du und ich. „Der Kinderstar ohne Kindheit komponierte und hasste“, erzählt Tina Teubner. Wenn der Vater nachts betrunken heimkam, holte er den Jungen aus dem Bett, er musste Klavier spielen. Ein Wunderkind à la Mozart sollte er werden, um die Unzulänglichkeit der Eltern zu kompensieren. Die Mutter stirbt, als Ludwig 17 ist, nun muss er Verantwortung übernehmen für die drei jüngeren Brüder. Den drei Geschwistern gelingt ein normales Leben, dem Ältesten nicht. Der Autor Ben Süverkrüp hat einen treffenden Vergleich verwendet. „140 Jahre später sagte Romy Schneider: ‚Im Film kann ich alles, im Leben kann ich nichts'.“ Genauso verhält es sich bei Beethoven. In der Musik kann er der Sehnsucht, dem Trost, dem Glück, ein Mensch zu sein, Ausdruck verleihen, im Leben vermag er nichts, wird zu einem einsamen, verbitterten Mann. Und doch sagt er zu dem wenig geschätzten Mälzel: „Erst die Liebe macht den Menschen zum Menschen.“ Und so lautet der Titel des letzten Stücks, das das Trio nach einer grandiosen Performance mit tiefgründigen, aber auch humorvollen Inhalten als Zugabe mit Tina Teubner an der Säge zu Gehör bringt: „Ich liebe Dich“.