Grünen-Politikerin Keul als Gastrednerin bei Neujahrsempfang in der Immelmann-Kaserne

CELLE. Die Standortkameradschaft Celle im Deutschen Bundeswehrverband (DBwV) und die Kreisgruppe Celle im Verband der Reservisten der Bundeswehr (VdRBw) hatten gemeinsam zu ihrem Neujahrsempfang in die Immelmann-Kaserne geladen und mehr als 230 Gäste aus Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Bundeswehr waren der Einladung gefolgt und brachten damit ihre Verbundenheit zu den Soldaten zum Ausdruck. Gastrednerin war Katja Keul, MdB und Mitglied im Verteidigungsausschuss von der Partei Bündnis90/Die Grünen.
Der Vorsitzende der Standortkameradschaft, Oberstleutnant Heiko Tadge, dankte in seiner Begrüßungsrede den Mitgliedern des Deutschen Bundeswehrverbandes vor Ort für die Unterstützung - sei es als Ratgeber oder aktiver Helfer  - bei der Durchführung der Veranstaltung und machte deutlich, dass auf den Verband Verlass sei. Die Präambel des Grundsatzprogramms des Verbandes in der es wörtlich heißt: „Der Deutsche BundeswehrVerband bekräftigt seine Mitverantwortung für Frieden in Freiheit und Gerechtigkeit, sein Einstehen für die Grundsätze und Werte des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland, seine Mitwirkung an der europäischen Einigung und am Ausbau der internationalen Weltordnung auf der Grundlage der Charta der Vereinten Nationen“, nutzte Tadge, um eine Brücke zu schlagen zwischen außenpolitischen Positionierungen und der Bundeswehr vor Ort. „Die Vision, eines Tages eine echte europäische Armee zu schaffen, ist eine Zielsetzung, die ich für immens wichtig halte,“ so Tadge. „Viele Faktoren wirken auf uns ein, von in Europa nicht bzw. nicht ausreichend vorhandenen Ressourcen über die  Fragen von Flucht und Migration und nicht zuletzt die veränderte sicherheitspolitische Lage. Wenn wir uns die Größe und die Kraft der einzelnen europäischen Staaten anschauen, wird schnell klar, es kann nur gemeinsam gehen.“

Mit Skepsis schaut der Oberstleutnant auf die jüngsten Veröffentlichungen in der Presse, denen zu entnehmen war, dass es im Ministerium Pläne gäbe, jungen Polen, Italienern und Rumänen den Zugang in den aktiven Dienst in der Bundeswehr zu ermöglichen. „Dazu sage ich entschieden nein, das ist der zweite Schritt vor dem ersten! Wir betreiben damit einen ‚Fachkräfteklau‘ in unseren Nachbarländern, was zur Folge haben könnte, dass dortige Strukturen ausgeblutet werden,“ erläutert er seine Bedenken. Soldaten stünden in einem besonderen Treueverhältnis zum Staat. So sei es seines Erachtens zielführender, wenn zunächst die Beantragung der deutschen Staatsangehörigkeit  erfolge. Erst danach sei eine Bewerbung für einen Dienst in den Streitkräften denkbar.

Der Kreisvorsitzende des Reservistenverbandes, Stabsunteroffizier der Reserve, Hans-Georg Blonn betonte in seinen Grußworten die Verantwortung der Bundeswehr für Sicherheit und weltweiten Frieden und brachte seine Hoffnung zum Ausdruck, dass seitens der Bevölkerung  den Soldaten dafür Respekt und Anerkennung entgegengebracht werde. Da er selbst nicht erneut für den Vorsitz kandidieren werde, schloss er seinen Vortrag kurz und soldatisch knapp mit: „Dies war nach 20 Jahren meine letzte Ansprache, ich melde mich ab!“

Die Grußworte der Stadt überbrachte Bürgermeister Heiko Gevers. Oberbürgermeister Dr. Jörg Nigge ließ herzlich aus der Partnerstadt Meudon grüßen, wo zurzeit das 65-jährige Bestehen der Städtepartnerschaft begangen wird. Gevers, selbst in der Reservistenkameradschaft aktiv, brachte anhand von plastisch erzählten Bildern den Wandel der Stellung und Aufgaben der Reservisten von 1995 bis heute zum Ausdruck und regte zur Diskussion über diesen Aufgaben- und Wertewandel an.

Generalmajor a.D. Adalbert von der Recke, Ehrenvorsitzender des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge, dankte den eifrigen Spendensammlern und Spendern, durch die es im vergangenen Jahr möglich gewesen sei, 23.000 Kriegsgefallene umzubetten. „Die Wunden des Krieges müssen uns  Ansporn sein, den Frieden und Wohlstand unseres Vaterlandes zu sichern.“

Als Gastrednerin machte Katja Keul, MdB, Mitglied im Verteidigungsausschuss von der Partei Bündnis90/Die Grünen, deutlich, dass dies ein ganz besonderer Tag sei – „genau vor hundert Jahren war die Wahl zur Weimarer Nationalversammlung und es war das erste Mal, dass Frauen ihr Wahlrecht ausüben konnten.“ Bei dem Neujahrsempfang standen jedoch die Sicherheits- und Verteidigungspolitik im Fokus ihres Vortrages. Sie wies darauf hin, dass die weltpolitische Lage derzeit nur wenig Anlass für Optimismus gäbe. Die Kriege im Jemen und in Syrien, die sich verschlechternden Sicherheitslagen in Afghanistan und Mali sowie der Konflikt in der Ukraine und dass sich die Großmächte gerade vom letzten Rüstungskontrollvertrag verabschiedeten und der zerbröselnde Zusammenhalt Europas mit den unabsehbaren Folgen des Votums der Briten zum Brexit, seien nur einige wenige Beispiele, die Grund zur Sorge böten. Zur Rolle Deutschlands in "diesem ganzen Schlamassel" führte Keul aus: „Sicherlich ist der Einfluss deutscher Außen- und Sicherheitspolitik in Anbetracht der genannten Krisen und Herausforderungen begrenzt, aber trotzdem ist er nicht irrelevant. Deutschland ist innerhalb der EU und der NATO nicht irgendwer, sondern durchaus von einer Größe und Gewicht, die auch Verantwortung mit sich bringt.“ Aus ihrer Sicht gehe die Diskussion um eine Vergrößerung der Bundeswehr angesichts der steigenden Anforderungen am Thema vorbei. Schließlich habe man ja erst vor acht Jahren die Verkleinerung auf den Weg gebracht.

„Das größte Problem“, so führte sie weiter aus, „sind die Mängel bei der Ausstattung der Bundeswehr. Solange das Vertragsmanagement dazu führt, dass bestellte Schiffe nicht schwimmen, Flugzeuge nicht fliegen und die für die Instandhaltung notwendigen Dokumente nicht auffindbar sind, wird mehr Geld das Problem nicht lösen.“ Mit Blick auf die bevorstehende Europawahl ist es aus ihrer Sicht erstaunlich, „wer so alles im Jahr 2019 das Wort von der ‚europäischen Armee‘ in den Mund nimmt.“ Und sie stellt in Frage, dass es dieses Mal besser gelingen könne. Andererseits diene die Zusammenlegung militärischer Fähigkeiten immer auch der Friedenssicherung. Staaten, deren Streitkräfte miteinander verzahnt seien, könnten schwerlich gegeneinander Krieg führen. Im weiteren Verlauf ihres Vortrags beleuchtete sie Fragen zur  Beschaffung der für die Rüstung erforderlichen finanziellen Mittel ebenso wie die Verzahnung mit der Rüstungsindustrie. Für Keul heißt die Verantwortung im Jahr 2019: „Einen verantwortlichen Auftrag für die Streitkräfte zu definieren, Multilateralismus und Völkerrecht zu verteidigen und mit den vorhandenen Mitteln besser und effizienter einzukaufen.“ Sie schloss mit der Bitte an jeden Einzelnen, am 26. Mai zur Wahl zu gehen und die demokratischen Parteien zu stärken.

Die Vorträge boten den Anwesenden eine breite Grundlage für lebhafte Diskussionen miteinander, die intensiv geführt wurden und in die die CDU-Landtagsabgeordneten Thomas Adasch und Jörg Schepelmann  ebenso eingebunden wurden wie die zahlreichen Mitglieder von Stadtrat und Kreistag.

Viel Applaus für die musikalische Umrahmung erntete Harald Duprèe, der in alter Verbundenheit wieder an der Veranstaltung teilgenommen hatte, obwohl er inzwischen nicht mehr im Landkreis Celle, sondern auf der Insel Pellworm zuhause ist. „Es hat sich wieder gelohnt, dabei gewesen zu sein,“ so der allgemeine Tenor der Anwesenden, die sich zufrieden und mit vielen neuen Aspekten aus den Vorträgen und Gesprächen nach dem Genuss der vorbereiteten Erbsensuppe auf den Heimweg machten.