Wo Stadt und Natur im Einklang sind – „Zeit für Grün“ entlang des „Eselsweges“

Gesellschaft Von Anke Schlicht | am Mi., 12.08.2020 - 18:44

CELLE. „Diese Sichtachse ist überhaupt der Clou“, sagt eine Teilnehmerin mit Blick auf Thaers Villa vom „Eselsweg“ aus. „Ja, so bauten die Gestalter von damals, sie schufen stets Sichtachsen auf Gebäude, Brunnen oder Skulpturen“, greift eine weitere Besucherin die Bemerkung direkt auf. „Zeit für Grün“, die Veranstaltungsreihe des Fachdienstes Grün- und Friedhofsbetrieb der Stadt, hat mal wieder ein kenntnisreiches Publikum. An die 30 Gäste trotzten am Dienstagabend der Hitze und fanden sich ein zum Spaziergang entlang der Dammaschwiese bis zu Thaers Garten.

Die Häuser der Wittinger Straße sind so nah wie die malerischen Rückansichten der an der Fritzenwiese gelegenen Grundstücke längs der Aller auf der anderen Seite, auch in den späten Abendstunden ist die Nähe zur City noch zu erkennen, der Turm der Stadtkirche ist kaum von einer Stelle dieses Naherholungsgebietes aus zu übersehen, kündet vom harmonischen Miteinander zwischen Natur und Stadt, das es auf diesem Areal zu erleben gibt. Vor Jahrhunderten ließ einer der Größten, die Celle je hervorgebracht hat, auf dem breiten Pfad, der an der Pfennigbrücke seinen Anfang nimmt und vor der von ihm als Sommerresidenz erbauten Villa endet, mit einem Eselskarren Milch ins Zentrum fahren. Auch die volkstümliche Bezeichnung des beliebten Spazierweges, der heute offiziell An der Dammaschwiese heißt, geht auf Albrecht Daniel Thaer (1752-1826), den Begründer der modernen Landwirtschaft, zurück. Doch auf den Mediziner, Landwirt und Botaniker kommt Exkursionsleiter Heiner Hoppenstedt, der kurzfristig für den Chef des Grünflächenamtes, Jens Hanssen, einspringen musste, erst gegen Ende zu sprechen.

TUMMELPLATZ FÜR SCHWEINE

Zunächst widmet er sich dem Ausschnitt des Areals, das seit 2007 als Teil des „Oberen Allertales“ Naturschutzgebiet ist. Insgesamt umfasst dieses eine Fläche von 239 Hektar und erstreckt sich bis Altencelle und Lachtehausen. Schaut man auf die Wiese und Röhrichte, also die schilfartigen Pflanzenarten wie Schilfrohr, Rohrkolben und -gras oder Sumpf-Schwertlilien, die ein wichtiger Lebensraum für Insekten und Vögel sind, ist schwer vorstellbar, dass an gleicher Stelle bis vor 60 Jahren noch Landwirtschaft betrieben wurde. Das vom Aussterben bedrohte Tüpfelhuhn ist eines der seltenen Bewohner. „Damit die hier brüten können, fluten wir im Frühjahr einen Teil des Gebietes“, berichtet der Experte. Zuständig für alle Maßnahmen ist die Untere Naturschutzbehörde, die bei der Celler Verwaltung angesiedelt ist. Naturschutz begann im Celler Land bereits in den dreißiger Jahren, nach dem Zweiten Weltkrieg war die Unterschutzstellung des „Oberen Allertals“ von der Pfennigbrücke bis nach Altencelle durch die Bezirksregierung Lüneburg im Jahr 1953 die erste bedeutsame Aktion hinsichtlich dieses Themas. „An Bäumen finden Sie hier Pappeln, Erlen und Weiden“, erläutert der Baumsachverständige der Stadt, Heiner Hoppenstedt. Die Pioniergewächse für Auenwälder zeugen von der urwüchsigen Flusslandschaft, die das obere Allertal auch in den Fünfzigern noch war. Auf der Dammaschwiese tummelten sich ab 1372 Schweine, Herzog Magnus hatte die „Danne“, also die Schweine-Weide, den Bürgern geschenkt. Mitte des 19. Jahrhunderts übernahm die Stadt das Areal, entwässerte es und wandelte es in eine Feuchtwiese um, damit das Wasser der Aller sich ausbreiten konnte. Die besondere Bedeutung der Dammaschwiese liegt in der Eigenschaft, dass sie geflutet werden kann. Einmal im Jahr wird sie gemäht. Wieso dieses überhaupt sein müsse, möchte ein Teilnehmer wissen. „Sonst hätten Sie hier innerhalb von fünf Jahren Bäume stehen“, antwortet Hoppenstedt. Ohne Pflege geht es nicht, doch die Auflagen des Naturschutzes sind hoch. Nur einmal im Jahr, ab September, ist es erlaubt, die Wege zu mähen, auch um die Bänke herum dürfe nur limitiert Freiraum geschaffen werden, berichtet der Fachmann.

HERRENHAUS UND BAUERNHOF

Mit jedem Schritt, den dieser mit der Gruppe der Interessierten im Gefolge, voranschreitet, rückt die weithin sichtbare Thaer’sche Villa näher. Der heutige Sitz der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten befindet sich in Thaers Garten, der eigentlich ein Landschaftspark ist. „Auf alten Fotografien erkennt man diese Bäume, sie müssen also um die 200 Jahre alt sein“, berichtet Hoppenstedt und verweist auf die Eichen unmittelbar neben dem großzügigen Herrenhaus, das Albrecht Thaer 1793 errichten ließ. Um eine passende Umgebung zu schaffen, gab er einen Landschaftspark in Auftrag. „Ob er hier je seine Fruchtwechselwirtschaft ausprobiert hat, weiß man nicht“, sagt Hoppenstedt. Sicher ist jedoch, dass er Knechte und Mägde anstellte, für sie eigens einen Trakt als Unterkunft vorsah und einen Bauernhof führte, aus dem sich die erste deutsche landwirtschaftliche Versuchsanstalt entwickelte. Nur in den Sommermonaten wohnte er mit seiner Frau Philippine und den fünf Kindern in der Villa, seinen Hauptwohnsitz hatte er von 1781 bis 1804, dem Jahr, in dem er Celle den Rücken kehrte, in der Altstadt, wo er geboren und aufgewachsen war.

Die einstige Sommerresidenz durchlebte in der Folge eine wechselvolle Geschichte, in den Annalen finden sich viele verschiedene Eigentümer und Nutzungen, die von einem Bierausschank mit Tanzsaal über Mehrparteienmietshaus bis zur Schulungs- und Wohnstätte für den zivilen Arm der SS von 1939 bis 1945 reichten. Zu diesem Zeitpunkt gehörte das Areal samt Park und Haus bereits der Stadt Celle. Im Jahr 1934 hatte sie es erworben und konnte so gerade noch die Pläne eines Frankfurter Unternehmers durchkreuzen, der das Gelände in 48 Bauplätze parzellieren wollte.

Heute ist Thaers Garten Teil des Naherholungsgebietes, das von den Cellern ausgiebig in Anspruch genommen wird. Und noch einem gefällt es in diesem Kleinod. Hoppenstedt berichtet von einem Bewohner, der sehr selten geworden ist, uralte Bäume liebt und „Bahnhöfe verhindern kann“. Es war der Juchtenkäfer, der vor neun Jahren für einen Baustopp von Stuttgart 21 sorgte. Als Heiner Hoppenstedt abschließend berichtet, dass sich just dieser unter strengem Schutz stehende „Eremit“ in Thaers Garten häuslich eingerichtet hat, schließt sich der Kreis zwischen Mensch und Natur, die an der Dammaschwiese und in Thaers Garten in friedlicher Koexistenz vereint sind.