Hambühren setzt auf Wettbewerb beim Glasfaserausbau

Gesellschaft Von Anke Schlicht | am Di., 21.07.2020 - 22:40

HAMBÜHREN. Carsten Kranz‘ Ziel steht fest, er möchte, dass seine Gemeinde in Zukunft über eine flächendeckende Glasfaser-Infrastruktur verfügt. „Ich werde von Unternehmen aus dem Ort angesprochen, weshalb es in diesem Bereich nicht vorangeht“, berichtet der Bürgermeister. Nun hat er sich mit Rückendeckung des Rates entschlossen, auf Wettbewerb zu setzen, und mit dem Unternehmen „Deutsche Glasfaser“ einen zweiten Anbieter für die Glasfaser-Erschließung ins Boot geholt. Bisher war die SVO alleiniger Akteur. Der neue Mitbewerber ist in Nordrhein-Westfalen ansässig, habe sich auf ländliche Kommunen spezialisiert und setze auf "geballte Präsenz vor Ort in unterschiedlicher Form".

Der Startschuss für das Umwerben der mehr als 10.000 Gemeindemitglieder falle am 1. August. „Von diesem Zeitpunkt an sind drei Monate Zeit, um Überzeugungsarbeit für Glasfaser zu leisten“, betont der Bürgermeister. Per Glasfaserleitungen können erheblich größere Datenmengen viel schneller als mit herkömmlichen Zugängen übertragen werden. Die Technik bedient sich sogenannter FTTH-, also „Fiber to the Home“, Anschlüsse, die nicht mehr nur bis zum Verteilerkasten auf dem Bürgersteig oder in den Keller des Hauses, sondern direkt in die Wohnung verlegt werden. Für eine Komplettversorgung muss eine Quote von 40 Prozent an Vorverträgen erreicht werden. „Es geht um 4.700 Wohneinheiten, die wir in die Vermarktung nehmen wollen und ein Investitionsvolumen von 11 bis 12 Millionen Euro“, erläutert Projektmanager, Christof Martin Milek.

Am 10. August ist eine Informationsveranstaltung geplant, die Coronamaßnahmen-bedingt per Internet-Livestream zu verfolgen sein wird. Sämtliche Haushalte werden angeschrieben und in diesem Zuge auch mit Kontaktdaten versorgt, und „wir gehen von Tür zu Tür, statten Besuche ab, und es gibt ein Infolokal in der Ostlandstraße, gleich bei der Apotheke“, ergänzt Milek, der sich gemeinsam mit dem Manager für kommunale Kooperation, Marcel Büter, zu einem Gespräch mit Bürgermeister Kranz im Rathaus eingefunden hat. Das Duo verfährt bei der groß angelegten Kampagne nach gleichem Muster wie in Wietze, Hermannsburg und Südwinsen, wo sich die Bürger für flächendeckende Glasfaserversorgung entschieden.

„Glasfaser ist ein Standortvorteil für jede Kommune“, betont Marcel Büter und rennt damit beim Verwaltungschef Kranz offene Türen ein. „Wir haben hier Unternehmen, die für den Weltmarkt produzieren“, nennt Kranz einen Grund für die Dringlichkeit von bestmöglicher technischer Infrastruktur. Doch auch kleinere Firmen wie Handwerksbetriebe und Pflegeheime legten Wert auf Breitbandanschlüsse, manche hätten sich Glasfaser bereits aus Eigeninitiative heraus verlegen lassen. „Der entscheidende Faktor für die Ansiedlung von Unternehmen ist die Infrastruktur, und dazu gehört Glasfaser“, berichtet Kranz auf Grundlage von Gesprächen mit Wirtschaftsvertretern, auch solchen, die neu hinzugekommen sind. Der Blick auf den Gewerbesteuerindex spiele eine untergeordnete Rolle.

„Wir schaffen jetzt die Basis für das, was in den kommenden Jahren im Bereich Digitalisierung möglich sein wird“, betont Kranz, räumt allerdings ein, dass die Grundversorgung mit dem „Platzhirsch Vodafone“ für die Privathaushalte durchaus gut sei. Viele sähen keinen Grund für Veränderung. Um einen solchen einfachen Anbieterwechsel gehe es nach Ansicht der Firmenvertreter jedoch nicht. Die Zeiten, in denen sich 20 Anbieter tummelten würden bald der Vergangenheit angehören, werfen beide einen Blick in die Zukunft, die Glasfaser heißt. Da ist sich die Fachwelt einig. Dennoch ist Deutschland auf diesem Feld ein Entwicklungsland. Angaben der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zufolge waren im Juni 2019 lediglich 3,6 Prozent aller stationären Breitbandanschlüsse in Deutschland mit einem Glasfaserkabel verbunden, Schweden führt europaweit mit 69 Prozent, nur wenige Mitgliedsstaaten der OECD sind in diesem Bereich schlechter aufgestellt als die Bundesrepublik.

Vor dem Hintergrund solcher Zahlen weitet Projektmanager Christof Martin Milek im Rathaus den Blick weit über die Gemeinde Hambühren hinaus und sagt: „Wir haben noch so viel zu tun in Deutschland“.