Heinrich Thies berichtete beim Kulturkreis Faßberg über Marlene Dietrich und ihre Schwester

Kultur + Gesellschaft Von Extern | am So., 23.02.2020 - 18:19

MÜDEN. Der Vorsitzende des Kulturkreises Faßberg, Lothar Kuhlmann, begrüßte am Sonnabend im Landhaus Müden rund 50 Mitglieder und Gäste, die sich zum Dämmerschoppen mit kleinem Imbiss eingefunden hatten. Der frühere HAZ-Redakteur Heinrich Thies ging der Frage nach, warum Marlene Dietrich ihre Schwester nie erwähnte. Offenbar bekannte sich Marlene Dietrich in ihrer Biografie ganz bewusst nicht zu ihrer Schwester Elisabeth. Diese betrieb auf dem Kasernengelände Bergen-Belsen mit ihrem Mann Georg Will ein Lichtspieltheater, dessen Besucher Wehrmachtssoldaten und auch SS-Offiziere aus dem benachbarten Konzentrationslager (KZ) waren.

Insbesondere ging Heinrich Thies auf den Besuch von Marlene Dietrich in Bergen ein, die vor rund 75 Jahren zu einem Überraschungsbesuch in die Heide gekommen war. Sie war mit einer "Generalsmaschine" von München aus zum Fliegerhorst Faßberg geflogen. Die nach Amerika ausgewanderte Marlene Dietrich verweilte in Deutschland, um nach Kriegsende als Truppenbetreuerin die US-amerikanischen Soldaten aufzusuchen. Erst in Deutschland angekommen erfuhr die Diva, dass sich ihre Schwester Liesel in Bergen-Belsen aufhielt und in Bergen wohnte. Vor Ort erfuhr Marlene Dietrich erst, dass die Schwester nicht als KZ-Insassin in Belsen inhaftiert war, sondern dort mit ihrem Mann ein Kino betrieb.

Im weiteren Verlauf des Abends rollte Heinrich Thies die Geschichte der beiden ungleichen Schwestern Liesel und Marlene auf. Die beiden wuchsen als sogenannte höhere Töchter in Schönefeld bei Berlin auf, denn der Vater war ein preußischer Polizeioffizier. Die ältere Schwester Liesel wurde 1900 geboren, Marlene folgte knapp zwei Jahre später 1901. Sehr früh verstarb der Vater 1908 an Syphilis. Gesagt wurde, er sei vom Pferd gefallen. Insbesondere Elisabeth wurde durch die Mutter geprägt, deren zweiter Mann im Krieg gefallen war. Als höhere Töchter sollten beide Mädchen das Abitur machen. "Aber während Liesel sehr brav und klug war, hatte Marlene nur Flausen im Kopf", berichtete der Autor.

Die Kindheit der Töchter spiegelt sich im roten Tagebuch von Marlene wieder, das sie liebevoll „Rotchen“ nannte. Aus einem Eintrag aus dem Jahre 1914 zitierte der Autor, dass Liesel ein braves Mädchen gewesen sei, wenige Freundinnen und noch weniger Jungs gehabt hätte. Liesel liebte ihre kleine Schwester und wurde Lehrerin. Marlene blieb ohne Abitur. Sie wurde in ein Internat gebracht und sollte das Geigenspiel erlernen, wurde aber vom Geigenlehrer vergewaltigt.

Marlene hatte es mit Männern sowie Frauen. Es wird berichtet, sie hätte eine Liason mit John Wayne gehabt. Ihre größte Liebe jedoch war Jean Gabin, den sie 1938 in Paris kennen lernte, als Gabin schon ein weltberühmter Filmschauspieler war. Diese unvollendete Liebe führte dazu, dass der Weltstar und die Diva nur einen einzigen Film gemeinsam drehten: Ein Jahr nach Ende des Krieges drehten beide den Film „Martin Roumagnac“ (1946), ihren einzigen gemeinsamen Film.

So kamen in dieser Autorenlesung viele Details ans Tageslicht, die auch Marlene Dietrich-Fans noch unbekannt gewesen sein dürften. In sehr unterhaltsamer Weise las Heinrich Thies aus seinem Buch „Fesche Lola, Brave Liesel – Marlene Dietrich und ihre verleugnete Schwester“ vor. Auf die Frage, ihres Schauspielerkollegen Maximilian Schell, ob sie Geschwister gehabt habe, antwortete sie mit einem Wort: „Nein“. Sie hat also ihre Schwester Liesel nach außen verleugnet, jedoch tatkräftig finanziell unterstützt.

Mit kleinen Gesangseinlagen aus den Musikfilmen lockerte der Autor seine Lesung auf, was die gespannt zuhörenden Gäste mit Beifall belohnten. Es war spannend bis zum Schluss, als die Nachkriegszeit beschrieben wurde. Fasziniert lauschten die Lesungsbesucher den Ausführungen. Zum Abschluss der Autorenlesung bestand Gelegenheit, Fragen zu stellen und Heinrich Thies bewies in eindrucksvoller Form, dass er unzählbare Einzelheiten recherchiert hatte und keine Frage blieb offen. Mit einem kleinen Geschenk verabschiedete die 2. Vorsitzende Brigitte Kriegel den brillanten Autor sowie Erzähler und versprach ihren Mitgliedern, dass Heinrich Thies bereits seine zweite Lesung beim Kulturkreis gehalten hätte und eine dritte bestimmt folgen würde. Mit anhaltendem Beifall wurde der Autor verabschiedet und die Gespräche wurden an den Tischen fortgeführt. In der Lesungspause wurde den Mitgliedern und Gästen ein kleiner Käseteller mit wohlschmeckenden Käsevariationen gereicht.