Henrik Ibsens „Nora“ auf Abwegen – Premiere im Schlosstheater

Theater Von Anke Schlicht | am Mo., 03.02.2020 - 12:51

CELLE. Acht Jahre sind sie bereits miteinander verheiratet, aber noch nie haben die puppenhaft schöne Tochter aus gutem Hause und der verbissen karrierebewusste Bankdirektor ernsthaft miteinander geredet. Zumindest Nora sieht dieses so. Die junge Ehefrau und dreifache Mutter wirft die Sprachlosigkeit ihrem Gatten Torvald in der Schlussszene des Stückes „Nora oder ein Puppenhaus“ von Henrik Ibsen, das am Freitag auf der Hauptbühne des Schlosstheaters Premiere feierte, vor. Der Monolog der Wahrheit ist ihr Befreiungsschlag aus ihrer bisherigen Rolle als vorzeigbare Gattin, Hüterin des noblen Heims und Gespielin des Ehemannes.

Und nun würde es noch spannender werden als die gesamte Spieldauer über ohnehin schon. Denn anders als Ibsen es für das im Jahr 1879 uraufgeführte Schauspiel vorgesehen hatte, verlässt Nora nicht die Familie, sondern wirft Torvald aus dem Haus, also aus der Puppenstube, wie sie das gutbürgerliche Zuhause kurz zuvor tituliert hatte. Was würde sie nun anfangen mit der neu gewonnenen Freiheit? Ohne Mann und mit drei Kindern? Und was bliebe Torvald? Aber das ist nicht das Thema der Gegenwarts-Tragödie, wie der Autor sein Werk selbst nannte – zumindest nicht unmittelbar.

Gegenstand der Handlung sind die Konventionen und Normen der bürgerlichen Gesellschaft Ende des 19. Jahrhunderts. Weiß dieser strebsame, aber unsouveräne frisch gebackene Bankdirektor überhaupt, was seine Frau mit ernsthaften Gesprächen meint? Er ist ein Produkt seiner Zeit, das den Männern das Heft des Handelns in allen Lebenslagen überließ. Gintas Jocius lässt in seiner überzeugenden Darstellung durchblicken, dass dieses auch eine Last sein konnte, Torvald hat Angst vor der Welt da draußen, die ihm vorschreibt, wie er zu sein und zu leben hat. Weicht er ab, droht der Ausschluss. Die Spielregeln sind so falsch wie die Unterschrift, die Nora gefälscht hat, um an ein Darlehen zu gelangen, das für die Heilung ihres überarbeiteten, völlig erschöpften Mannes unerlässlich war. Für die Finanzierung des einjährigen Italienaufenthaltes hat die verwöhnte junge Dame Mut und Stärke aufgebracht. „Darauf bin ich stolz“, berichtet sie kokett Christine, einer Freundin aus vergangenen Tagen.

In der Szene des ersten Wiedersehens nach Jahren und Berichterstattens, was sich in der Zwischenzeit alles ereignet habe, zeigt Zora Fröhlich in der Rolle der Nora, was sie schauspielerisch zu bieten hat. Die Mischung aus Verantwortungsbewusstsein, Naivität, Abgebrühtheit und kindlichem Stolz verkörpert sie so überzeugend wie ihr Gegenüber, dargestellt von Tanja Kübler, den Gegenentwurf. Als Schiffbrüchige auf einem Wrack wird sich Christine im weiteren Verlauf bezeichnen. Ihre große Liebe, den Bankangestellten Nils Krogstad, hat sie geopfert für eine Heirat nur des Geldes wegen, denn sie hatte zu sorgen für jüngere Geschwister und ihre Mutter. „Du bist immer noch wie ein Kind“, sagt die mittlerweile verwitwete mit der Bitternis des Lebens vertraute Christine zu Nora. 

Diese hat die ihr bereits vom Vater zugewiesene und vom Gatten fortgeführte Rolle anscheinend verinnerlicht. Für beide ist sie mehr schmückende Puppe als ein Mensch, der sich individuell entfalten möchte. Diese den Frauen auferlegten Fesseln sind das zweite Motiv in Ibsens Schauspiel. Mit einem verächtlichen Unterton spricht sie das Wort „Puppenstube“ in der Abrechnung mit Torvald aus. Doch im Dialog mit Christine beschwört sie sie schönfärberisch herauf. Nun, da er endlich Bankdirektor sei, könne es richtig losgehen. „Es ist einfach schön zu leben und jemand zu sein“, schwärmt sie der erschöpften, arbeitssuchenden Freundin vor.

Auch Nora ist ein Produkt ihrer Zeit, dass sich etwas in ihr nach anderem und mehr sehnt, ist ihr noch nicht bewusst. Mit meditativen Klängen unterlegt Regisseur Paul Schwesig die ausdrucksstarken von Nebel durchzogenen Bilder, in denen die Hauptprotagonistin stumm bleibt und die als Raum für den Prozess, der sich im Inneren vollzieht, gedeutet werden könnte. Das Bühnenbild ist ein Anti-Puppenhaus – grau, steril, ohne Fenster und Interieur. Die Kostüme von Ingeborg Hoffmann unterstreichen die Charaktere, elegantes Schwarz zu feinen High Heels und keckem Dutt trägt die Oberschicht, strähniges Haar, Westernstiefel und Jeansrock symbolisiert die untere Klasse in Gestalt von Christine.
Doch die vermeintliche Überlegenheit der gut situierten Freundin verkehrt sich ins Gegenteil. Noras Schwindel droht aufzufliegen, und dieses fördert in gleichem Maße Wahrheiten zutage wie die Inszenierung im zweiten Teil Schwächen aufweist. Zora Fröhlich hält der Entwicklung der Figur nicht stand, jeder Nebendarsteller spielt sie nach der Pause an die Wand, allen voran Felix Lüke, der als gestrauchelter Rechtsanwalt Nils Krogstad brilliert.

Bereits die letzte Szene vor der Pause deutet den Wandel an: Christine lacht minutenlang über ein in einer Tüte aufbewahrtes Outfit, das Nora bei einem Kostümball tragen soll. Den Zuschauern bleibt das Objekt der enervierenden Heiterkeit ebenso verborgen wie der Sinn minutenlangen Papiergewühles zum Auftakt des zweiten Teils. Nora bewegt wie von Sinnen auf dem Boden liegende Papierfetzen von einer Ecke zur anderen. Dem Publikum ist die Hingabe einen Applaus wert. Szenen, die wie Füllstoff wirken und daher leicht zu übergehen sind, damit jedoch im Gegensatz stehen zum alles entscheidenden Schlussakt, der in zweifacher Hinsicht misslingt.

Noras vermeintlicher Befreiungsschlag gerät zum hysterischen Wutanfall eines Teenagers und lässt so unberührt wie Torvalds Rausschmiss total überrascht. Der Stoff trägt ausschließlich vor dem Hintergrund seiner Zeit – dass Nora geht, war damals ein Skandal, dass sie ihren Mann vor die Tür setzt, völlig ausgeschlossen. Nora auf Abwegen – das unrühmliche Ende eines insgesamt sehenswerten Stückes.