BERGEN-BELSEN. Die meisten Jugendlichen aus der Region besuchen früher oder später in ihrem Schülerleben die Gedenkstätte Bergen-Belsen. Nicht jeder von ihnen dürfte allerdings auf solch besondere Art und Weise an die Ereignisse zwischen 1935 und 1945 herangeführt werden, wie es kürzlich die Klasse 10FL1 des Christian-Gymnasiums erlebt hat.

Der Grund hierfür heißt Wolfgang Hertwig. Der gebürtige Berger und pensionierte Schulleiter hat den Krieg zwar nur als Baby miterlebt, doch hat er sich schon immer für die Geschichte seiner Heimat während dieser Zeit interessiert. Er ist seit den Anfängen Mitglied im Besucherdienst der Gedenkstätte und hat die gesamte Zeit über immer wieder mit Menschen gesprochen, die den Nationalsozialismus miterlebt haben – sei es als Opfer von Verfolgung und Verschleppung im Konzentrationslager oder als Einwohner Bergens, die mal mehr, mal weniger von den Ereignissen mitbekommen haben oder mitbekommen haben wollen. „Die Ergebnisse seiner jahrelangen Forschungen teilt Hertwig Besuchergruppen auf besonders eindringliche und authentische Weise mit“, so die Erfahrung der Schüler des Hermannsburger Gymnasiums.

So begann die Exkursion für die 10FL1 nicht etwa auf dem Parkplatz der Gedenkstätte oder, wie sonst ebenfalls üblich, an der Verladerampe, sondern in Wohlde. Dort war in den Dreißiger Jahren ein eigener Gleisabzweig gebaut worden, der dann später für die mit Menschen gefüllten Güterzüge genutzt wurde. An diesem Ort gab Hertwig den Bericht einer Wohlderin wieder, die, damals ein Teenager wie die Schüler der 10FL1 heute, regelmäßig mit den unmenschlichen Transportbedingungen der Häftlinge als Augenzeugin konfrontiert wurde.

Weiter ging es anschließend in der Sühnekirche in Bergen. Dort erfuhren die Schüler vieles über die Erinnerungskultur nach dem Krieg und wie sie sich auch in architektonischen Details ausdrücken kann. Danach folgten der Besuch der Verladerampe, von wo aus die Häftlinge damals zu Fuß nach Bergen-Belsen marschieren mussten, und die Besichtigung der Ausstellung im Dokumentationszentrum. Wolfgang Hertwig, der Wert darauf legt, dass man ihn als Begleiter und nicht als Führer durch die Geschichte bezeichnet, gestaltete auch an diesen Stationen den Aufenthalt lebendig, indem er Zeitzeugenberichte vorstellte und mit den Schülern direkt ins Gespräch trat. Hierbei stand auch die Zukunft im Fokus – in ihrer Bedingtheit durch die Vergangenheit. Worte aus einer Rede Richard von Weizsäckers, die auf der Exkursion in diesem Zusammenhang zitiert wurden, könnten nicht besser in die Gegenwart passen: „Wer aber vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart. Wer sich der Unmenschlichkeit nicht erinnern will, der wird wieder anfällig für neue Ansteckungsgefahren.“

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