CELLE. Das Residenzmuseum im Celler Schloss eröffnet im Herbst 2020 eine neue Dauerausstellung unter dem Titel „Herrschaft und Landschaft – Macht und Teilhabe“. Erstmals werde an einem historisch bedeutenden Ort – das Schloss war bis in das 18. Jahrhundert Herrschaftssitz der Welfen – die niedersächsische Landesgeschichte aktuellen politischen Entwicklungen und Debatten gegenübergestellt, teilten heute die Akteure des Projektes mit.

Die Ausstellung, die im dritten Obergeschoss des Schlosses (Ostflügel) eingerichtet wird, soll ausgewählte historische Ereignisse der Landesgeschichte präsentieren, die das Thema der politischen Teilhabe vom Mittelalter bis in die Gegenwart exemplarisch deutlich machen. „Die Ausstellung soll zeigen, wie die Machtaufteilung funktioniert hat“, so Jochen Meiners, Leiter des Celler Bomann-Museum. Die Sorge, das Thema könne zu spröde sein – gerade, weil es an die junge Generation gerichtet ist – sei unberechtigt, verspricht Dr. Kathrin Höltge aus dem Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur: „Es wird ein neuer, innovativer Lernort entstehen, der die Besucher fragt, warum einen die Geschichte interessieren sollte, weshalb sie wichtig ist“.

Ausgangspunkt für den Blick auf die Landesgeschichte bilden die Historischen Landschaften. Sie entwickelten sich seit dem Mittelalter als eigenständige politische Korporationen und Interessenvertretung der Landstände und setzten ihre Teilhabe an der Landesherrschaft sukzessive durch. Heute gibt es sie – bundesweit einzigartig – nur noch im Land Niedersachsen, wo sich die Historischen Landschaften über die politischen Umbrüche des 19. und frühen 20. Jahrhunderts hinweg als Institutionen erhalten konnten. Sie nehmen zwar keine direkte politische Funktion mehr war, aber sind als Träger der Landschaftlichen Brandkasse und insbesondere als Kulturförderer in ihren Regionen etabliert. „Die Aufgaben der Landschaften sind vielfach nicht bekannt. Aus der Idee, die historischen und modernen Landschaftsverbände vorzustellen, ist dieses Projekt entstanden“, erklärt Willen von Bothmer, Präsidierender Landschaftsrat der Landschaft und Ritterschaft des vormaligen Fürstentums Lüneburg.

Diese Besonderheit ebenso wie die Aufgabe der Kulturförderung, die daneben ganz wesentlich auch von den niedersächsischen Landschaftsverbänden erfüllt wird, sollen in einer zusätzlichen Wanderausstellung „Den niedersächsischen Regionen verbunden: Historische Landschaften und moderne Landschaftsverbände“, thematisiert werden. Sie wird bereits im Herbst 2019 im niedersächsischen Landtag in Hannover zu sehen sein und anschließend durch das Bundesland touren. Anne Denecke, Geschäftsführerin des Lüneburgischen Landschaftsverbandes, sieht hier die Gelegenheit, den Landschaftsverband zu präsentieren. Sie versteht Niedersachsen als ein Land der Regionen. Diese Vorstellung sei nur durch eine dezentrale Kulturförderung möglich.

Der für die neue Dauerausstellung gewählte spezielle Zugriff auf die niedersächsische Landesgeschichte signalisiere zugleich einen Perspektivwechsel und orientiere sich dabei an aktuellen Forschungserkenntnissen. Die bisherige Präsentation der Residenz- und Dynastiegeschichte der Welfen wird künftig um die Perspektiven verschiedener Machtgruppen – insbesondere der Historischen Landschaften – ergänzt. So soll gezeigt werden, dass Herrschaft und politische Teilhabe von vielfältigen Entwicklungen und Elementen, wie etwa Bildung und Recht, beeinflusst werden. Politische Teilhabe unterlag und unterliegt somit einem stetigen Wandel. Zum Schluss soll zu erkennen sein, dass die Demokratie ein über Jahrhunderte erlangtes Gut ist, so Juliane Schmieglitz-Otten, Leiterin des Residenzmuseums im Celler Schloss.

Gezielt will diese Ausstellung heutige Fragestellungen nach den Bedingungen politischer Teilhabe in den Vordergrund stellen und darüber Interesse an den historischen Beispielen wecken. Auf diese Weise sollen die historischen Ereignisse und ihre strukturellen Elemente mit aktuellen Beispielen und politischen Diskussionen (Stichworte „Krise der Demokratie“,„ Politikverdrossenheit“) kontrastiert werden. Mit diesem didaktischen Konzept und auf heutige mediale Rezeptionsgewohnheiten abzielenden museumspädagogischen Vermittlungsangeboten will die Ausstellung künftig ein fester Anlaufpunkt z.B. für einen zeitgemäßen Politikunterricht in Niedersachsen werden.

Interaktive Module und ein Forum sollen anregen, die gezeigten Verknüpfungen zwischen Geschichte und Gegenwart aktiv nachzuvollziehen und zu diskutieren. Das als multifunktionaler und zugleich offener Raum gestaltete Forum bietet den Platz für verschiedene Vermittlungs- und Veranstaltungsangebote wie szenische Lesungen und Theater, Vorträge und Diskussionen sowie die Präsentation von Schülerarbeiten. Schulen und Gruppen der Stadtgesellschaft können sich hier künftig aktiv einbringen.

Insgesamt komme der Ausstellung mit ihrer Offenheit für gegenwärtige Gesellschaftsfragen sowie durch ihre Einbindung in ein besonders repräsentatives Umfeld wie das Celler Schloss eine Alleinstellung innerhalb der niedersächsischen Museumslandschaft zu. Künftig will das Residenzmuseum nicht mehr nur ein bedeutender Ort für niedersächsische Landesgeschichte und welfische Dynastiegeschichte sein, sondern ein Forum für parlamentarisch-demokratische Diskussionen. Auch für die Stadt Celle ein besonderes Unterfangen, wie die Stadträtin für Soziales und Kultur, Susanne McDowell, berichtet: „Celle tritt durch die Ausstellung niedersachsenweit in Erscheinung. Sie enthält einfache, aber verblüffende Erkenntnisse der parlamentarischen Demokratie“.

Die landesweite Bedeutung dieses Projektes kommt in der Übernahme der Schirmherrschaft durch den Vizepräsidenten des Niedersächsischen Landtages Bernd Busemann und durch den niedersächsischen Minister für Wissenschaft und Kultur Björn Thümler zum Ausdruck. Die Ausstellung wird gefördert vom Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur, der Niedersächsischen Sparkassenstiftung, der Sparkasse Celle, der VGH-Stiftung, den VGH Versicherungen, der Stiftung Niedersachsen, dem Lüneburgischen Landschaftsverband, der Landschaft und Ritterschaft des vormaligen Fürstentums Lüneburg Bomann-Museum Celle und Museumsverein Celle e.V. sowie der Stadt Celle. Des Weiteren ist ein Antrag auf Förderung der museumpädagogischen Inhalte bei der Klosterkammer Hannover gestellt.





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