CELLE. „Stadt Celle, merkt ihr etwas?“, fragt ein Bürger. „Nein, Sie?“, kontert die Stadt. Hitzig und emotional geht es derzeit im sonst eher beschaulichen PR-Kanal der Celler Stadtverwaltung auf Facebook zu.

„Wir sind fassungslos! Mit zahlreichen Straftaten feierten gestern Nacht diverse Chaoten im und vor dem ehemaligen Rios Weihnachten.“ Mit diesen Worten verurteilt die Stadt Celle die gestrige Feier an und in Celles ehemaliger Kult-Kneipe und entfacht eine emotionale Debatte von Befürworten und Gegnern und jenen, die sich zu keiner Seite zählen, sich aber dennoch über das städtische Gebaren verwundert zeigen.

Grund der Empörung seitens der Verwaltung: Im Nachhinein habe sie erfahren, dass am zum Abriss freigegebenen Gebäude eine Tür aufgebrochen worden sei. Daraufhin erstattete sie Anzeige (CELLEHEUTE berichtete). Auf Facebook heißt es weiter:

„Unsere vorläufige Bilanz: Einbruch, Vandalismus und Hausfriedensbruch sowie Berge von Scherben und Müll innerhalb und außerhalb des leerstehenden Hauses. Wir sind erschrocken über das fehlende Unrechtsbewusstsein der Täter, aber auch derjenigen, die durch Mitwirken derartiges kriminelles Verhalten tolerieren.“

„Berge von Scherben und Müll“

Pauschal bezeichnet die Stadt alle Feiernden als „Chaoten“ und impliziert, dass sie „durch Mitwirken“ von der mutmaßlich kriminellen Tat gewusst hatten – dazu, dass selbst die alarmierte Polizei in der Situation keine strafbare Handlung erkannt hatten, äußert sie sich nicht. Die Formulierung sehen daher viele als Provokation und sorgt für zusätzliche Spaltung in einer ohnehin erhitzten Debatte.

Der Versuch, die „Berge von Scherben und Müll“ mit Fotos zu belegen, sorgt eher für allgemeine Belustigung. Die Bandbreite reicht von „es sehe nach einer Feier immer so aus“ bis zur Feststellung, dass „außer leere Pfandlaschen“ nicht viel zu erkennen sei. „Liebe Stadt Celle – einfach mal cool reagieren. Ein versöhnlicher Aufruf zum gemeinsamen Aufräumen vor dem Haus hätte wahre Größe gezeigt“, versucht eine Leserin die Stadt zu besänftigen.

„Ist die Höhe des Sachschadens denn schon bekannt?! Wirklich ungeheuerlich, gerade weil das Gebäude doch bald abgerissen werden soll!“, fragt süffisant ein Leser und erhält bisher dafür die meisten „Likes“. Es scheint ein sehr „leiser und unauffälliger Einbruch gewesen zu sein“, kommentiert ein weiterer Facebook-Nutzer und spielt darauf an, dass jeder von der Feier mitbekommen haben müsste – neben der Polizei eben auch die Stadt Celle selbst. Immerhin wurde aus einem für jeden sichtbaren „DJ-Partywagen“ heraus nicht gerade für leise Musik gesorgt.

Das weist sie jedoch vehement von sich und will trotz blitzartiger Verbreitung in vielen sozialen Kanälen, z. B. Facebook, WhatsApp und Instagram davon nichts erfahren haben, wie sie in einem Dialog mit einem Kritiker darlegt. Unsere Redaktion erreichten die ersten Bilder gegen Mitternacht, zwei Stunden später schaute die Polizei vorbei. Bis dahin feierte man friedlich, es gab nach bisherigem Stand keine Auseinandersetzungen oder gar Verletzte.

„Stadt schießt mit Kanonen auf Spatzen“

Mit weniger Ironie formuliert es eine Person aus dem öffentlichen Leben, die ihre Meinung, mit „Kanonen auf Spatzen“ zu schießen, aber als persönliche verstanden haben möchte: „Ja, es handelt sich um Straftaten, die – mit Verlaub – hätten geahndet werden können. Da fuhr garantiert genug Polizei vorbei. Jedoch bleibt festzustellen, dass die Stadt wohl ihrer Verkehrssicherungspflicht und der Pflicht den Zutritt in ein abbruchreifes Haus zu verhindern nicht nachgekommen ist. Wo genau dort dann ein Schaden entstanden sein sollte, erschließt sich mir noch nicht. Hätte die Stadt ihr eigenes Versprechen gehalten, hätte man sich solch einen Post ersparen können.“ Seinerzeit hatte die Stadt exklusiv über eine Zeitung verkündet, spätestens Ende dieses Jahres mit den Abrissarbeiten zu beginnen. Das jedoch verzögere sich laut Eingeständnis in diesem Dialog nun auf April 2019.

Aber die Stadt erntet nicht nur Kritik – sie kann sich auch hier auf eine Gruppe von rund fünf Stammkommentatoren verlassen, die in vielen Netzwerken Partei für die Stadt ergreift – komme, was wolle. „Und wenn erst im nächsten Leben mit dem Bau begonnen würde – das tut hier nichts zur Sache. Ein Gebäude wurde unrechtmäßig aufgebrochen. Und somit eine Straftat begangen. Punkt.“, heißt es da, oder: „Hier versucht wieder einer armselig, diese Schweinerei zu relativieren“. Die gebetsmühlenartige Aufforderung, dass Kritiker gefälligst die Stadt verlassen sollen, fehlt ebenfalls nicht.

Rein zahlenmäßig sind jedoch die Kritiker in der eindeutigen Mehrheit – das ist erst einmal eine Feststellung, keine Wertung. Wenn jedoch auch ein Jahr nach Schließung eines Lokals die Emotionen auf beiden Seiten derart hochkochen, unterstreicht es erneut, dass es nicht nur um die Verbreiterung einer Straße geht, nicht um 15 Jahre alte Entscheidungen, die aus Sicht der Kritiker ungeprüft durchgepeitscht werden, dass nicht nur „eine Kneipe“ geschlossen wurde und es doch zig andere Ausweichmöglichkeiten gäbe – sondern vielen Cellern ein Lebensmittelpunkt nebst Lebensgefühl genommen wurde, oder, wie es eine Nutzerin in einer Frage zusammenfasst: „Wenn eh noch nichts passiert, warum hat man den Leuten das Rio’s nicht länger gelassen?“





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