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Celle

„Holzpferdchen, lauf Galopp!“ – Literarisches Café mit Reminiszenz an die Kindheit

14.03.2019 - 11:52 Uhr     Externer Autor    0
Fotos: Peter Müller

CELLE. Das „Literarische Café“, die interdisziplinäre Kleinkunst-AG des KAV-Gymnasiums, ließ in Kunst & Bühne Schaukelpferde lebendig werden. Einen „Parforceritt zwischen schaukelndem Trab und wilder Hetzjagd“ hatten die Leiter des „Literarischen Cafés“ in ihrer Ankündigung der diesjährigen Aufführungen versprochen. Und so viel kann man gleich eingangs verraten: ‚Force‘, also Anspannung und Kraftanstrengung waren auf der Bühne kaum sicht- oder spürbar; nahezu alles wirkte leicht, ja nonchalant dargeboten.



„Schaukelpferd“ lautete der Titel, den Matthias Lennartz und Rudolf Markfort, die AG-leitenden Lehrer,
in diesem Jahr vorgegeben hatten. Dies freilich war als Symbol vorrangig für die Kindheit zu verstehen –
und so ging es in den 38 innerhalb von 115 Minuten Spielzeit höchst zügig dargebotenen Stücken oder
Stückchen denn auch meist um die Kindheit oder um den Verlust derselben. Im Schnitt dauerte eine Darbietung also ca. drei Minuten, abzüglich kleiner Umbaupäuschen noch weniger lang.

„Und stundenlang am großen grauen Teiche / mit einem kleinen Segelschiff zu knien; / es zu vergessen, weil noch andre, gleiche / und schönere Segel durch die Ringe ziehn, / und denken müssen an das kleine bleiche / Gesicht, das sinkend aus dem Teiche schien -: / O Kindheit, o entgleitende Vergleiche. / Wohin? Wohin?“ – Zu Rainer Maria Rilkes fünfhebigen Jamben wurde gleich zu Beginn ein starkes Bild auf die Bühne gebracht, indem neben der die Zeilen vortragenden Annika Winkler ein kleines Geschwisterkind auf dem Schaukelpferd schaukelte. Im Verlauf der Veranstaltung sollte Winkler wiederholt mir ihrer Singstimme bestechen.

Nur scheinbar aufmunternd, tröstend bot Alex Cappelluzzo Bobby Mc Ferrins „Don’t worry, be happy“ dar. „Look at me, I’m happy!“ warf der Sänger zwischenzeitlich salopp rufend ein – und wies subtil auf seine wie eingefroren oder versteinert hohl grinsende, maskenhafte Miene. Not really so happy after all? Noch verschmitzter wurde Cappelluzzo, als er später, flankiert von Bennet Bode, seine selbstgeschriebene und mindestens doppelbödige Nummer „Das blaue Schaukelpferd“ zum Besten gab. In der Rolle eines kokainabhängigen Suizidalen haute er in die Tasten und sang von Sucht und Sehnsucht. Das Ganze hier,
so Bode in der Rolle des behandelnden Arztes, sei im Übrigen ein Irrenhaus, die Bühne Teil des Therapieprogramms namens „Literarisches Café“.

Heimat ist nicht bloß ein Ort, kann nicht reiner Raum sein; immer ist sie, wie alles hienieden, an Zeit geknüpft. Manch einer sagt, Heimat gebe es überhaupt nur in der Kindheit. Da passte es nur allzu gut, dass Carmen Auhuber und Mila Bachor mit Unterstützung von Marie-Sophie Boschatzky und Laura Sachi in ihrem selbstverfassten Spielstück die Zeit selbst auf die Bühne brachten: als personifizierte Vergangenheit (Auhuber), Gegenwart (Bachor) und Zukunft (Boschatzky), die lauthals über ihre jeweilige Relevanz für ein trauriges Kind (Sachi) stritten.

Bedenkenswert kontrastierte das Witte-Trio (bestehend aus den Zwillingen Anne und Nele sowie dem älteren Bruder Roman) die Kindheitsmetapher Schaukelpferd mit dem leidig omnipräsenten Gadget heutiger Kinder- und vor allem Jugendgenerationen: dem Aufmerksamkeit bannenden Zerstreuungsapparat Smartphone – während unmittelbar im Anschluss Anne Schröder und Luisa Reske zusammen mit Julia Landgraff und Maya Matusevitsch ihren „Parlamentskreis ‚Pferd’“ auf die Bühnenbretter brachten und reichlich Lacher ernteten für diese Polit-Debatten-Karikatur, die sowohl gegen linken Genderwahn wie dumpf-rechtes Gepöbel gerecht austeilte.

Noch vieles Weitere wäre erwähnenswert – etwa Gereon Gerdes‘ und Matteo Stecherts gelungene Zero/Zero-Interpretation von „Erwachsen werden“ oder Leander Knoops gekonnte Frank-Wedekind-Rezitation („Der Tantenmörder“). Und wie bloß ist es Pascal Ottenbreit gelungen, seine Hochgeschwindigkeitswiedergabe von Goethes „Zauberlehrling“ fehlerfrei und haarscharf am Hyperventilieren vorbeizuartikulieren?

Rührend beschloss das gesamte Ensemble als Chor den Abend – die Abiturienten dieses Jahres dabei traditionell als Solisten –, und zwar mit Peter Maffays „Ich wollte nie erwachsen sein“. „Irgendwo tief in
mir / Bin ich ein Kind geblieben / erst dann, wenn ich’s nicht mehr spüren kann / weiß ich, es ist für mich
zu spät / Zu spät, zu spät“, heißt es darin. Dies wirkte wie ein Echo des zuvor von Knoop vorgetragenen Schweitzer-Texts: „Erst wenn die Flügel nach unten hängen, und dein Herz vom Schnee des Pessimismus und vom Eis des Zynismus bedeckt ist, dann erst bist du wahrhaft alt geworden.“

Unter üppigem Applaus endete der gelungene Abend so summa summarum mit einem klaren Appell: Kind bleiben! Zum Teil zumindest. – Bis zum nächsten Jahr, wenn das „Literarische Café“ selbst, 25-jährig, sein Silberjubiläum begehen wird. Auch nicht mehr ganz jung. Aber niemals alt.

Text: Dennis Karrasch



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