Humorvoller Blick auf jüdische Lebenswelt: Comics von Ben Gershon in der Synagoge

Kultur + Gesellschaft Von Redaktion | am Di., 20.08.2019 - 16:00

CELLE-BLUMLAGE. Nicht die Shoah und auch nicht die Probleme in Israel sollten Thema sein, sondern Witz und Heiterkeit. „Eine fröhliche Ausstellung hatte der Zentralrat der Juden in Deutschland im Sinn“, erzählt Ben Gershon am Sonntagabend in der Synagoge. Nichts lag näher, als seine Comicfigur in den Mittelpunkt zu stellen, die ohnehin jeden Samstag für ein Lächeln sorgt, wenn die Leser der „Jüdischen Allgemeinen Zeitung“ das Blatt zur Hand nehmen. „Ich lese die Comics immer zuerst, noch vor dem Kochrezept“, sagt die Vorsitzende der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, Sabine Maehnert, die die Schau rund um Jewy Louis in die Residenzstadt geholt hat. Am Sonntag fand die offizielle Eröffnung statt.

Seit 2012 erscheinen die Karikaturen einmal in der Woche auf Seite eins. „Es sind Witze über Rabbiner und jüdische Mütter“, beschreibt der in den Niederlanden aufgewachsene Zeichner sein Werk mit einem gewissen Understatement. „Ich kenne die orthodoxe Welt, viele Freunde meiner Eltern sind sehr orthodox, aber meine Eltern sind keine gläubigen Juden“, berichtet Gershon, der sich selbst als liberal bezeichnet. Er wirft einen humorvollen Blick auf das Leben in einer kleinen jüdischen Gemeinschaft in einem nicht-jüdischen Land. „In Israel gibt es die Comics nicht, dort würden sie nicht funktionieren. Auch die Käufer meines Buches ‚Schalömchen‘ sind eher Nichtjuden, aber gedruckt wurde es immerhin in Israel“, antwortet Gershon auf eine entsprechende Frage aus dem zahlreich erschienenen Publikum. Der Zeichner, der im "Hauptberuf" Student der Wirtschafts- und Verwaltungswissenschaften ist, nimmt mit seinen Karikaturen ehrgeizige Mütter, Traditionen, Bräuche und die vielen Feiertage, die das Jahr begleiten, aufs Korn.

„Boykottieren Sie Israel, denn die Juden kontrollieren die Westbank“, lautet der Aufruf eines jungen Demonstranten an Passanten, zu denen auch ein orthodoxer Jude gehört. „Lassen Sie mich mal nachsehen! Hallo? Baron Rothschild?“, greift dieser sogleich zum Telefon, um Klarheit zu schaffen. Mit der Antwort des Barons ist er sehr zufrieden: „Keine Sorge, Junge, wir Juden kontrollieren noch immer ALLE Banken!“, klärt er den engagierten jungen Mann auf und geht seiner Wege. Gershon überzeichnet antisemitische Stereotypen, wirft aber auch einen Blick ausschließlich von innen auf sein Umfeld. „Wenn Leute die Ausstellung sehen, stellen sie Fragen, daraus entsteht Verständnis für das Judentum“, erläutert Ben Gershon. Jewy Louis lebt in einer modernen Gesellschaft, die nicht immer zusammengeht mit Regeln, die auf jahrtausendealten Traditionen beruhen. „Moses, wir wollen nicht ins gelobte Land, wir wollen nach Disneyland“, ist beispielsweise zu lesen.

Für die Präsentation der Schau in Celle hat er eigens ein Plakat entworfen, das die Außenansicht der Synagoge zeigt. „Celle ist für mich eine neue Stadt. Fachwerk empfinde ich als typisch deutsch“, sagt er. Aber ihm habe sich der Eindruck vermittelt, die Synagoge sei ein selbstverständlicher Teil der Stadtkultur. Es gäbe noch weit mehr Gesprächsstoff mit dem Comiczeichner, aber hinter ihm liegt bereits ein sehr erfolgreicher Workshop mit zahlreichen Schülern der Paul-Klee-Schule, so dass der zweite Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, Patrick Hahne, das Ende einläutet. Die Frage, wieso er Comiczeichner geworden sei, beantwortet Ben Gershon dann aber doch noch: „Ich liebe es zu lächeln!“

„Jewy Louis auf Rollen“. Karikaturen von Ben Gershon
Noch bis zum 15. September 2019
Celler Synagoge. Mo 10–17 Uhr, Di-Do 9-17 Uhr, Fr 9-16 Uhr, So 15-17 Uhr.





Text: Anke Schlicht