"Ich glaube denen kein Wort" - zu "Lieferengpässen" in Pflegeheimen

Leserbeiträge Von Peter Fehlhaber | am Mo., 04.05.2020 - 14:44

Liebe CelleHeute-Redaktion, ich habe bei Ihnen von diesem „Lieferengpass“ gelesen und allein bei diesem abfotografierten Hinweis dreht sich bei mir der Magen um und wer die Zustände kennt, der weiß, dass nicht viel dahinter steckt, außer der mangelnde Willen, etwas gegen diesen „Lieferengpass“ zu tun. Wir sprechen ja hier von Lebensmitteln und nicht von waffenfähigem Plutonium oder Mondgestein, an das man heute nur schwer rankommt. Kurzum: Dann muss man wohl in den sauren Apfel beißen und in Supermärkte fahren, bis man genügend Wurst, Käse und Co. zusammen hat. Punkt.

Aus eigener Berufserfahrung weiß ich, was für Sparveranstaltungen in puncto Verpflegung in Altenheimen (sicherlich nicht in allen) abgehalten werden. Ich bin gelernter Koch, habe von 2003 bis 2015 in der gehobenen Gastronomie gearbeitet, allerdings auch etwa ein halbes Jahr in einem Seniorenheim in der Samtgemeinde Wathlingen, bevor ich ins Onlinemarketing gewechselt bin und seitdem in Vollzeit als Texter tätig bin. In diesem Seniorenheim habe ich Erfahrungen gemacht, die nicht nur meinem Qualitätsdenken widersprechen, sondern auch aus moralischer Sicht verachtenswert sind.

Mir ist klar, dass Verpflegung Geld kostet. Allerdings reden wir hier von Verpflegungsbudgets, die unter Hartz4-Niveau liegen. Ich möchte keine falschen Zahlen nennen, doch wenn ich mich recht entsinne lag der Satz bei 3,70 € pro Bewohner und Tag – für Frühstück, Mittagessen, Nachmittagskaffee und -kuchen, Abendbrot und Getränke zwischendurch. Dem Küchenchef lag nichts mehr am Herzen, als so viel wie möglich einzusparen, um bei der Geschäftsführung so gut wie möglich dazustehen. Das beruht nicht auf meinem subjektiven Befinden, sondern auf den Aussagen des Küchenchefs, dass sein Haus das sparsamste unter allen wäre und er darauf stolz sei.

Von frischer Küche war man weit entfernt und änderte sich zum Teil kurzzeitig, als ich meine Art zu Kochen einbrachte – so, wie es auch bei meiner Einstellung gewünscht wurde. Frisch zu kochen ist im ersten Moment mit ein klein wenig mehr Aufwand verbunden, unterm Strich betrachtet jedoch günstiger und gesünder als Convenience-Kram. Ganz zu schweigen vom Geschmack. Doch das frische Kochen war aus organisatorischen Gründen nur stark eingeschränkt möglich, da neben den Bewohnern (etwa 70 bis 80 an der Zahl) auch umliegende Kitas und Kindergärten in Nienhagen bekocht wurden. Die Mehreinnahmen wurden selbstverständlich NICHT in die Küche des Hauses investiert, sodass wir außer Mehraufwand nichts davon hatten. Ganz zu schweigen von den Bewohnern.

Die Qualität ihres Mittagessens litt deutlich darunter, dass für externe Stätten gekocht wurde, und zwar folgendermaßen: Das Mittagessen für Kitas und Kindergärten (es gab dasselbe wie für die Heimbewohner) musste um 11 Uhr fertig sein, damit es etwa um 11.15 Uhr fertig abgepackt ausgeliefert werden konnte. Der Rest – wir sprechen hier vom Mittagessen für die Senioren – wurde also eine Stunde lang warmgehalten, bis es schließlich ausgegeben wurde. Wir alle wissen, wie sich das Warmhalten auf die Qualität von Nahrungsmitteln auswirkt. Wenn man bedenkt, dass man all diesen Aufwand für Mehreinnahmen stemmt, von denen niemand außer der Unternehmensgruppe profitiert, kann man sich wirklich nur noch aufregen.

Wir waren unter allen Häusern der Unternehmensgruppe außerdem das einzige von allen, das für andere Stätten gekocht hat. Andere Seniorenheime haben ausschließlich für ihre Bewohner gekocht, obwohl sie a) das Personal und b) die Kapazitäten dafür gehabt hätten. Das Sparprogramm beim Einkaufen und beim Kochen wurde nicht nur von Seiten des Küchenchefs vorgegeben, sondern aktiv gelebt. Es gab auch hier ständig „Lieferengpässe“, weil nahezu grammgenau eingekauft wurde, um bloß das Einkaufsvolumen niedrig zu halten.

Es wurde chronisch zu wenig eingekauft, sodass am Ende sogar zu wenig an Fleisch, Fisch und anderen Nahrungsmittel verfügbar war, um sie den Bewohnern zu servieren. Das hatte zur Folge, dass man Portionen quasi strecken musste, damit sie reichten. Sogar grundlegende, spottbillige Dinge wie Salz waren "plötzlich“ leer, weil man zu geizig war, einen Eimer davon auf Reserve parat zu halten.

Zur Art des Kochens (nicht meine, sondern die gängige vor Ort): Suppen und Saucen wurden mit einem Mehl-Wasser-Gemisch verpampt, um sie zu verdicken, statt einen Bruchteil der Menge in Form von Karfoffelstärke und Wasser zu verwenden. Zitat: „Stärke ist zu teuer“. Wenn es Cremesuppe geben sollte, wurde mir untersagt, Sahne zu verwenden. Nicht wegen des Fettgehalts, sondern, weil sie zu teuer sei. Ich fragte mich, welchen Teil von „Cremesuppe“ der amateurhaft kochende Küchenchef nicht verstanden hat. Soweit ich weiß, ist dieser Küchenchef dort noch immer beschäftigt und ich möchte wetten, dass dort noch immer an den Ältesten und Schwächsten unter uns gespart wird, was das Zeug hält.

Entschuldigen Sie die kilometerlangen Ausführungen, aber Ihr Artikel hat mich an all dies erinnert. Und zum Artikel selbst: Ich glaube den Verantwortlichen kein Wort. Irgendetwas sagt mir, dass hier einfach nur schlecht eingekauft wurde. Wer ständig auf der letzten Rille fährt, braucht sich über solche „Lieferengpässe“ nicht zu wundern. Mir tun in erster Linie die Bewohner leid.

(Name der Redaktion bekannt)