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Wirtschaft

„Ich kann Idioten wieder Idioten nennen“ – Peer Steinbrück in Celle

31.05.2018 - 23:46 Uhr     Monika Wille    0

CELLE. Die hohen Temperaturen ließen die Verspätung des prominenten Gastes verschmerzen. Während sich draußen vor der Alten Exerzierhalle rund 450 geladene Gäste der Sparkasse Celle mit kühlen Getränken versorgten, schlug sich Peer Steinbrück mit der Deutschen Bahn herum. „Ich bin noch nie so oft auf einem Bahnsteig zwischen Zügen hin und her geeilt“, verrät der ehemalige Finanzminister. Grund, na klar, schwere Gewitter. Passend zum Thema „Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands“ kam er schließlich mit dem Metronom doch noch in Celle an.



Der Vorstandsvorsitzende der Sparkasse Celle, Stefan Gratzfeld, erläuterte in seinem Grußwort, dass „kompetente und qualifizierte Beratung in zentralgelegenen Zentren“ an Bedeutung gewinnen würden. Mit kritischen Überlegungen zur Zinspolitik der EZB und deren Auswirkungen auf die Sparkassen sowie die Anleger und Kreditnehmer führte er in das Thema des Abends ein.

„Wie fühlen Sie sich als Politrentner?“ wollte ffn-Moderator Peter-Michael Zernechel vom ehemaligen Kanzlerkandidaten wissen. Zuerst habe er gelernt, ‚Nein‘ zu sagen und auch zeitlich an Lebensqualität gewonnen. „Und ich kann Idioten wieder Idioten nennen.“ Spätestens jetzt war das Eis gebrochen und Steinbrück hatte das Publikum auf seiner Seite.

Aus seiner Sicht sei kaum ein Land mehr vom Export abhängig als die Bundesrepublik Deutschland. Da mache es ihm Sorgen, dass das transatlantische Verhältnis zurzeit extrem gestört sei. Bezugnehmend auf die Hitze, die sich zwischenzeitlich auch in der Halle breitgemacht hatte, wies er mit lockeren Sprüchen auf die zu erwartende Dauer seiner Rede hin und versprach, spätestens dann aufzuhören, wenn außer ihm nur noch Stefan Gratzfeld, als ihm nachfolgender Redner in der Halle sitze.

Die weltpolitische Situation gebe berechtigten Grund zur Sorge. Seien es die Zollpolitik, die EU brauche den Freihandel, die politische Unsicherheit nach der Wahl in Italien oder die Auswirkungen des Brexits auf die Europäische Union. Die weitverbreitete Kapitalisierung bedinge Abhängigkeiten. Dann das Verhältnis der EU zu Russland. Auf die massive Verletzung der territorialen Integrität in der Ukraine, haben seines Erachtens die Politiker Europas nicht konsequent genug reagiert. Ebenso bedenklich seien die steigenden nationalistischen Tendenzen in den Nachbarstaaten Deutschlands. Es helfe nicht, immer nur auf der EZB herumzuhacken, der Italiener Draghi sei dazu verdonnert, die Aufgaben der Politiker der Europäischen Union zu erledigen, was aus Steinbrücks Sicht Aufgabe des Europaparlaments bzw. des Europarates gewesen wäre. Das derzeitige Zinsgeschehen sei kontraproduktiv und schränke den Rahmen der Bewegungsfreiheit völlig ein. Europa sei nicht das Problem, sondern die Lösung, so seine These. Dies Schotten dicht zu machen, sei ein fulminanter Irrtum. Keines der Probleme, wie z. B. bei der inneren und äußeren Sicherheit, dem Terrorismus, dem Umweltschutz oder dem Klimawandel, sei durch einen Staat alleine lösbar. Die Revitalisierung Europas durch Frankreich und Deutschland sei dringend erforderlich und die Deutschen sollten Präsident Macron bei seinen Reformbemühungen unterstützen. Scheitere er damit, würde Deutschland – bildlich gesprochen – zumindest eine Lungenentzündung davontragen.

„Ist Olaf Scholz ein guter Finanzminister?“ „Sicheeeer“

Wirtschaftlich liege Deutschlands Plus vor allem in seiner Struktur des Mittelstandes, der eigentümergeführten kleinen und mittleren Betriebe sowie einer produktionsorientierten Industrie mit ihrem hervorragend qualifizierten Fachpersonal und vor allem in seiner derzeit noch intakten Infrastruktur. Politisch habe man seinerzeit u.a. mit der Agenda 2010 die richtigen Weichenstellungen vorgenommen. Man hätte nur an der einen oder anderen Schraube die Einstellungen etwas anpassen müssen. Das sei, so Steinbrück, versäumt worden. So gebe es in dörflichen Bereichen schon Abwanderungstendenzen verbunden mit dem Verlust von Arbeits- und Ausbildungsplätzen aufgrund des Fehlens einer schnellen Internetverbindung. Außerdem müsse die Politik sich schnellstens der Rententhematik annehmen, das derzeitige Rentenniveau könne mit Blick auf den demografischen Wandel auf Dauer nicht gehalten werden. Und wenn, dann nur auf Kosten des Steuerzahlers.

Bei der Digitalisierung habe man leider das Feld der USA und dem asiatischen Raum, insbesondere China, überlassen. Die Auswirkungen seien erschreckend. Bestelle man ein Buch im Internet erhalte man sofort 4 bis 5 weitere Dinge angeboten, die einem auch noch gefallen könnten. Die Gefahr der kollektiven Manipulation lasse sich nicht negieren.

Ein Umdenken sei auch auf dem Finanzsektor vonnöten. In keinem Land werde Start-up-Interessenten so hohe Hürden für eine Finanzierung aufgebaut, der Risikofaktor spiele eine immens hohe Rolle und die geforderten Sicherheiten seien von Jungunternehmern kaum aufzubringen. Die Deutschen seien generell nicht risikofreundlich. Selbst bei „Null“ Zinsen, setze man lieber weiter auf das gute alte Sparbuch und scheue Anlagealternativen.

Der Bildungsförderalismus sei zwar einerseits sehr positiv zu bewerten auf der anderen Seite müsse es jedoch eine Vergleichbarkeit unter den Bundesländern geben. Jeder der mit schulpflichtigen Kindern schon einmal von einem in ein anderes Bundesland umgezogen sei, wisse wovon er spräche. Darüber hinaus sei es aber ebenso erforderlich, dass Eltern ihren Erziehungsauftrag wahrnähmen. Die Schule sei eine Bildungs- und keine Erziehungseinrichtung.

Neuesten Studien zufolge sei aufgrund des demografischen Wandels schon Mitte der 2020er Jahre mit einem erheblichen Fachkräftemangel mit verheerenden Folgen für die deutsche Wirtschaft zu rechnen. Firmen könnten sich dann glücklich schätzen, wenn sie einen der wenigen Auszubildenden fänden, diesen qualifizieren und müssten dann darauf hoffen bzw. ihm attraktive Angebote machen, dass er in der Firma bleibe.

„Was wäre, wenn Sie Kanzler geworden wären?“ „Ich hätte das den Deutschen nicht gewünscht“

Es sei Aufgabe der Politik, der um sich greifenden Tabuisierung und damit einhergehender Politikverdrossenheit entgegenzuwirken. Andererseits sei jeder Einzelne gefordert, sich zu bewegen und von den gewählten Volksvertretern Lösungen einzufordern, mit dieser Aufforderung schließt Steinbrück seinen Vortrag und steht für Fragen aus dem Publikum zur Verfügung. Bei der Frage, „Ob Olaf Scholz aus seiner Sicht ein guter Finanzminister sei?“, huscht ihm ein Lächeln übers Gesicht und er erläutert, dass dieser aus seiner Sicht sehr qualifiziert für diese Aufgabe sei. Auch die Frage, „Ob Neuer für die Nationalmannschaft im Tor stehen solle?“ beantwortet er lachend mit, wenn er fit sei, solle er das tun, der sei vermutlich besser als Karius. Auf seinen bevorzugten Urlaubsort angesprochen, nennt er Italien und Orte an der Ostseeküste. „Was wäre, wenn Sie Kanzler geworden wären?“, die Abschlussfrage von Zernichel.“Ich hätte das den Deutschen nicht gewünscht“, sprach’s, verabschiedete sich und mischte sich hinterher „unter’s Volk“, nahbar wie beim gesamten Abend.

Fotos: Peter Müller

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