HANNOVER. Die gute Geschäftslage der niedersächsischen Unternehmen hält im Sommer an, aber der Optimismus schwindet zunehmend. Der wachsende Protektionismus trübt die (Export-) Aussichten. Der Auftragsbestand ist zur Jahresmitte allerdings weiterhin hoch, Investitions- und Personalplanungen bleiben expansiv. Der IHK-Konjunkturklimaindikator für das zweite Quartal 2018 geht um vier auf 120 Punkte zurück und bleibt damit deutlich über dem langjährigen Durchschnitt. Das ist das Ergebnis der Konjunkturumfrage der niedersächsischen Industrie- und Handelskammern bei mehr als 1.900 Unternehmen.

„Die Geschäfte laufen noch gut. Doch die ständigen Drohungen mit neuen Zöllen und die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen bereiten den Unternehmen zunehmend Sorgen“, so Dr. Horst Schrage, Hauptgeschäftsführer der IHK Niedersachsen.Die Wirtschaftslage in Niedersachsen ist seit 2010 überdurchschnittlich gut. Insgesamt wird die aktuelle Geschäftslage von 45 Prozent der Unternehmen (Vorquartal: 43 %) als gut beurteilt, 49 Prozent (Vorq.: 51 %) sind zufrieden und nur sechs Prozent (Vorq.: 7 %) sind mit der Lage nicht zufrieden. Die Erwartungen an die kommenden Monate sind trotz der vielfältigen Risiken rund um Handelsbeschränkungen, den Brexit und den Fachkräftemangel zwar noch positiv, aber mit deutlich fallender Tendenz: 19 Prozent der Unternehmen (Vorq.: 25 %) rechnen mit einer weiteren Verbesserung der Geschäftsentwicklung, 66 Prozent erwarten keine Veränderung und 15 Prozent (Vorq.: 12 %) rechnen mit einer ungünstigen Entwicklung.

Die Auftragseingänge entwickeln sich weiter positiv und halten den Auftragsbestand auf hohem Niveau. Einzelne Branchen (z. B. Metallerzeugnisse) berichten allerdings bereits von rückläufigen Auftragseingängen aus dem Ausland. Die Exporterwartungen der Unternehmen haben unter dem Eindruck der Verschärfung der Handelsbeschränkungen einen kräftigen Dämpfer erhalten und liegen jetzt unter dem langjährigen Durchschnitt. Noch gehen die niedersächsischen Unternehmen von einem Exportwachstum aus, die Einführung von Importzöllen auf Kraftfahrzeuge in den USA könnte diese Erwartungen aber schnell revidieren. Als ebenfalls problematisch könnte sich die indirekte Wirkung von Zöllen zwischen anderen Ländern erweisen. Damit dürfte sich das Wachstum der Exportnation Deutschland deutlich verlangsamen. Aktuell gehen noch 24 Prozent (Vorq.: 30 %) der Unternehmen von einem zunehmenden Exportgeschäft aus, 12 Prozent (Vorq.: 8%) rechnen mit einem rückläufigen Geschäft.

Größtes und weiter zunehmendes Problem in fast allen Branchen bleibt der Fachkräftemangel (2018: 60 %; 2017: 53 %, 2016: 43 %). Zudem sieht jedes zweite Unternehmen die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen als Risiko für die Geschäftsentwicklung. Darunter verstehen die Unternehmen vor allem die wachsende Bürokratie (Genehmigungen, DSGVO, Aufzeichnungspflichten) und die Unberechenbarkeit der politischen Entscheidungsträger.

Die Geschäfte der Industrie laufen in vielen Bereichen sehr gut. Auftragseingänge und Bestände haben ein erfreulich hohes Niveau. Die Entwicklung bei den Geschäftserwartungen insbesondere in den Bereichen Automotive und Metallerzeugnisse deuten jedoch auf eine Wende hin. Die Handelsbeschränkungen in den weltweit größten Märkten sowie die Ungewissheit über den Brexit bereiten den Exporteuren zunehmend Sorgen.

Die Geschäftslage der Bauwirtschaft hat sich nochmals verbessert, zwei Drittel der Bauunternehmen beurteilen ihre Lage als gut. Die Auftragseingänge haben sich in allen Baubereichen erhöht. Die Vollauslastung der Bauwirtschaft führt zu steigenden Angebotspreisen.

Die Geschäftslage im Einzelhandel bleibt stabil, die Umsätze haben im zweiten Quartal wieder zugenommen. Die Erwartungen des Handels bleiben jedoch leicht negativ, der Wettbewerb durch die Onlinehändler ist unverändert groß. Vor allem kleine Fachgeschäfte haben mit stagnierenden oder rückläufigen Umsätzen und großem Druck auf die Margen zu kämpfen. Wichtigste Maßnahmen der stationären Händler im Wettbewerb mit der Onlinekonkurrenz sind die Verbesserung der Beratungskompetenz (78 %), zusätzlicher Service mit Bonussystemen und Lieferservice (50 %), eine attraktivere Präsentation der Waren (45 %) und Events/Sonderaktionen (43 %). Die Auswertung weiterer Zusatzfragen hat ergeben, dass mittlerweile 88 Prozent der Einzelhändler über eine eigene Homepage verfügen und jeder zweite Händler über Social Media mit den Kunden kommuniziert. 24 Prozent der befragten Einzelhändler haben mittlerweile auch einen eigenen Onlineshop. Hauptgründe gegen eine Ausweitung der Online-Aktivitäten sind hohe Kosten, fehlende personelle Kapazitäten sowie bürokratischer Aufwand und Rechtsvorschriften.

Der Großhandel berichtet für das zweite Quartal von einer Verbesserung der Geschäftslage. Nach dem Dämpfer im Vorquartal zeigt sich der Großhandel wieder in einer guten Verfassung. Unter dem Eindruck der neuen Handelsbeschränkungen haben sich die Umsatzerwartungen im Import/Export verringert: 28 Prozent der Großhändler (Vorq.: 36 %) rechnen mit steigenden Umsätzen, 23 Prozent (Vorq.: 18 %) gehen von rückläufigen Umsätzen aus.

Die gute Konjunktur sorgt schon seit längerem für eine stabile Geschäftsentwicklung des Verkehrsgewerbes. Die Ausweitung der Lkw-Maut auf Bundesstraßen hat die Erwartungen jetzt aber deutlich eingetrübt, da sich die Überwälzung der höheren Kosten auf die Kunden im hart umkämpften Markt bisher als schwierig erwiesen hat. Die Spediteure rechnen unverändert mit einem zunehmenden Beförderungsvolumen bei steigenden Beförderungspreisen.

Die Geschäftsentwicklung der Banken bleibt unverändert zufriedenstellend. Das Kreditgeschäft mit Firmen- und Privatkunden nimmt auch im zweiten Quartal zu. Die Erwartungen der Kreditinstitute sind in Anbetracht der Niedrigzinsphase und der hohen Anforderungen der Regulierungsbehörden weiterhin verhalten. Die Versicherungen berichten dagegen von guten Geschäften und rechnen für 2018 mit einer positiven Geschäftsentwicklung.

Die Dienstleistungsunternehmen melden weiterhin eine gute Geschäftslage auf hohem Niveau. 51 Prozent (Vorq.: 54 %) der Unternehmen beurteilen ihre Lage als gut, lediglich drei Prozent (Vorq.: 4 %) sind nicht zufrieden. Auftragseingänge und Umsätze signalisieren weiteres Wachstum. Die Erwartungen wurden etwas zurückgeschraubt, bleiben aber positiv.

Ausblick
„Die Aussichten haben sich merklich verschlechtert. Die niedersächsischen Unternehmen betrachten die eingeführten Strafzölle sowie die Drohungen mit weiteren Handelshemmnissen mit größter Sorge. Derzeit ist die Wirtschaft aber noch in einer guten Verfassung“, so Dr. Schrage.

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