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Celle - Schloss-Gespräche - Deutsche Management Akademie - Marcel Fratzscher - NiedersachsenMetall

„Im Raketentempo von der Überhol- auf die Kriechspur“ – Celler Schloss-Gespräche zur wirtschaftlichen Lage Deutschlands

20.03.2019 - 16:23 Uhr     Monika Wille    0
Fotos: Steffen Höntsch


CELLE. Bereits zum siebten Mal hatte die Deutschen Management Akademie gemeinsam mit dem Unternehmerverband NiedersachsenMetall zu den „Celler Schloss-Gesprächen“ eingeladen. Die knapp 155 Gäste aus Wirtschaft und Politik, die der Einladung gefolgt waren, verfolgten gespannt die Impulsvorträge und die Podiumsdiskussion, die Anregungen zu Genüge boten, um beim anschließenden „Get-together“ lebhaft miteinander ins Gespräch zu kommen.



Flexibilität wurde gleich zu Beginn  von den Organisatoren eingefordert. Dass Oberbürgermeister Dr. Jörg Nigge aufgrund eines grippalen Infekts der Veranstaltung fernbleiben musste und der Hauptredner, Prof. Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, wegen Problemen der Deutschen Bahn zwischen Berlin und Hannover „auf der Strecke blieb“, kommentierte der Hauptgeschäftsführer der NiedersachsenMetall, Dr. Volker Schmidt, mit den Worten: „Der eine hat die Grippe, der andere fährt mit der Bahn und das Ergebnis ist das Gleiche“, bevor er die Sorgen seines Verbandes zur wirtschaftlichen Entwicklung Deutschlands zum Ausdruck brachte.

So habe es bei Umfragen unter den Mitgliedern des Verbandes im Vergleich zwischen November 2018 und Februar 2019 einen dramatischen Einbruch hinsichtlich der prognostizieren Auftragseingänge gegeben. Anfang 2019 gingen 43 Prozent der Befragten davon aus, dass im laufenden Jahr mit einem starken Rückgang der Aufträge zu rechnen sei. Dr. Schmidt sah das Problem u.a. in einer verfehlten Politik begründet, mit der man es in den vergangenen Jahren versäumt habe, Anreize für private und öffentliche Investitionen zu schaffen. Dieses „Investitionsdelta“ vieler Jahre sei nur schwer wieder aufzufüllen. Darüber hinaus brachte er seine Befürchtung zum Ausdruck, dass Deutschland wirtschaftlich dabei sei, „im Raketentempo von der Überholspur auf die Kriechspur zu wechseln.“ So gehe er davon aus, dass 2019 ein für die deutsche Wirtschaft sehr risikobehaftetes Jahr werden könne, und prangerte das aus seiner Sicht unberechtigte Bashing der Dieseltechnologie an, das zu Verlusten tausender Arbeitsplätze führen könne. Zumal seines Erachtens die ökologische Bilanz der Elektromotoren als eher katastrophal zu bezeichnen sei.

Der Celler Unternehmer Dr.-Ing. Karsten Röttger bemängelte in seinem Vortrag ebenfalls eine mangelnde Unterstützung seitens der Politik. „Bildlich gesprochen sehe ich unseren Trainer beim Gegner stehen und diesen anfeuern, während er unsere Handschuhe mit Wattebäuschen gefüllt hat.“ Er brachte sein Bedauern zum Ausdruck, dass in der öffentlichen Diskussion der Straftatbestand des Dieselskandals mit der sachlichen Erörterung der in der Welt führenden Technologie vermischt werde. Dringenden Nachholbedarf sieht er im Bereich der Digitalisierung. Wenn bei wichtigen Telefonaten, ob in seinem Büro in Altencelle oder unterwegs die Verbindung abbräche, empfände er das als sehr unangenehm.

Holger Koch, Leiter Personalmanagement einer alteingesessenen Celler Firma, wies  auf die Wichtigkeit der Personalressource für die Wirtschaft hin. In seinem als „Exzellenter Ausbildungsbetrieb“ ausgezeichneten Unternehmen setze man vor allem auf die innerbetriebliche Ausbildung. „Wir versuchen, jedem Mitarbeiter das Gefühl zu geben, ein wichtiger Teil des Betriebs zu sein und ihm mit interessanten Aufgaben von vornherein eigene Verantwortlichkeiten zu übertragen.“

Prof. Marcel Fratzscher, dem es zwischenzeitlich gelungen war, das Celler Schloss zu erreichen, sah Deutschland wirtschaftlich derzeit gut aufgestellt, allerdings weise die Karte einige blinde Flecken auf, an denen es zu arbeiten gelte. So sei ein deutliches Süd-Nord-Gefälle bei den Pro-Kopf-Einnahmen zu verzeichnen.  Die strukturellen Veränderungen, die in den kommenden Jahren zu erwarten seien, würden die Politik und die Wirtschaft vor veränderte Aufgaben bei den Sozialsystemen stellen. Mit immer weniger Menschen seien Rente, Gesundheit und Pflege zu finanzieren und zu gewährleisten. Er appellierte an die Politik, sich stärker auf ein starkes Europa mit einer schlagkräftigen  europäischen Wirtschaftspolitik zu konzentrieren, um im stark veränderten Welthandel weiterhin zu den führenden Ländern zählen zu können.

Die Rundfunk-Journalistin und Moderatorin Jessica Bloem führte charmant durch den Abend und Tiana Kruskic & Friends  sorgten für die musikalische Umrahmung.





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