LÜNEBURG. Bulgarische Kurierdienstmitarbeiter, denen ihr Lohn vorenthalten wird oder ungarische Logistikmitarbeiter, deren Beiträge zur Krankenversicherung sowie Teile des Lohns nicht gezahlt werden. Ungefragte Änderungen der Arbeitsverträge oder Betriebsübergänge von einem  Subunternehmen zum anderen, ohne dass die Mitarbeiter in Kenntnis gesetzt werden. Dies sind nur einige der Fälle, mit denen sich die Mitarbeiterinnen der Lüneburger Beratungsstelle für mobil Beschäftigte der Bildungsvereinigung von Arbeit und Leben beschäftigen.

Seit gut einem Jahr beraten sie in der Region Lüneburg vorwiegend Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer aus Osteuropa über ihre Rechte auf dem deutschen Arbeitsmarkt. „Die Zahlen der beratenden Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen und die Vielfalt von Fällen äußerst problematischer Beschäftigungsbedingungen machen deutlich wie wichtig diese Arbeit ist“, so Dr. Matthias Richter-Steinke, Regionsgeschäftsführer des DGB-Region Nord-Ost-Niedersachsen.

So nutzten 232 bulgarische und ungarische Beschäftigte und Saisonkräfte, die als so genannte mobil Beschäftigte nur wenige Wochen oder Monate in Deutschland arbeiten, die Unterstützung der mehrsprachigen Beratungsstelle. „Der überwiegende Teil von ihnen war in der Fleischindustrie beschäftigt, die bereits seit Jahren wegen ihrer besonders kritischen Arbeitsbedingungen in der Kritik steht. Aber auch der Bereich Logistik, in dem oftmals Subunternehmen Transportaufträge übernehmen, rückte in den Fokus der Beraterinnen. Insbesondere hinsichtlich der Einhaltung von Arbeitsverträgen als auch der Entlohnung suchten die ausländischen Beschäftigten die Unterstützung der Beratungsstelle. In zahlreichen Fällen konnten so die rechtlichen Ansprüche der ArbeitnehmerInnen durchgesetzt werden“, zieht man beim DGB Bilanz.

Näheres zu den Beratungsstellen für mobile Beschäftigte finden Sie im Internet unter: mobile-beschaeftigte-niedersachsen.de

Hintergrund:
Werkverträge, Entsendung und Selbstständigkeit sind beliebte Beschäftigungsformen für Arbeitnehmer aus Polen, Rumänien, Bulgarien, Ungarn und anderen EU-Ländern. Diese Beschäftigungsformen bringen jedoch oftmals Probleme in Schein-Werkverträgen, Ketten-Entsendungen und Schein-Selbständigkeit. Die Arbeitnehmer kommen nach Deutschland, um hier Geld zu verdienen, behalten aber ihren Lebensmittelpunkt im Herkunftsland. Der Großteil dieser mobil Beschäftigten spricht wenig oder gar kein Deutsch und besitzt meist keine Informationen über seine Rechte und Pflichten im Ankunftsland. Ihre Perspektivlosigkeit im Heimatland zwingt sie dazu, auch unzumutbare Lebens- und Arbeitsbedingungen zu akzeptieren. Ihre Situation betrachten sie oft nur als vorübergehend. Unter diesen Bedingungen können sie leicht Opfer von Arbeitsausbeutung werden.

Um der systematischen Ausbeutung von mobilen Beschäftigten entgegenzuwirken entstand mit der Unterstützung von Bund, Ländern und Gewerkschaften in den letzten Jahren ein immer dichter werdendes Beratungsnetzwerk. Die niedersächsische Landesregierung fördert seit 2013 vier Beratungsbüros in Niedersachsen. Bislang haben diese vier Beratungsstellen weit mehr als 3000 Fälle bearbeitet und zahlreiche  davon bis zu den zuständigen Arbeitsgerichten gebracht. Ein wesentlicher Teil der Fälle stammt aus der Fleischindustrie, danach folgen das Baugewerbe, die Landwirtschaft, die Transportbranche und Gastronomie. Jede Beratungsstelle arbeitet mit 2 Beraterinnen, die sowohl auf deutsch und englisch als auch jeweils entweder auf bulgarisch, polnisch, spanisch, rumänisch oder ungarisch in arbeits- und sozialrechtlichen Fragen die Ratsuchenden unterstützen. Um diese Missstände aufzudecken und vorzubeugen, arbeiten die Beratungsbüros für mobil Beschäftigte eng mit den zuständigen Kontrollbehörden zusammen. Dabei setzten die Beraterinnen auch auf aufsuchende Arbeit in den Betrieben, auf den Baustellen und Feldern vor Ort. Nur so lassen sich gleiche Lohn- und Arbeitsbedingungen für alle Beschäftigten durchsetzen.

Statistikbericht – Stichtag 15.06.2017 (Standort Lüneburg)

·         Insgesamt: 235 beratene Personen
Branche

·         Fleischindustrie: 93

·         Metall/Elektro: 33

·         Logistik: 36

·         Baugewerbe: 21

·         Gebäudereinigung: 20

·         Pflege: 5

·         Arbeitslos: 4

·         Landwirtschaft: 4

Beratungsthemen

·         Arbeitsvertag: 107

·         Entlohnung: 96

·         ALGI/Sozialleistungen: 40

·         Wohnung: 30

·         Arbeitssuche: 31

Herkunftsland

·         Bulgarien: 130

·         Ungarn: 102

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